Biologische Psychologie und Neuropsychologie

Gebietsüberblick | Prof. Dr. Siegfried Gauggel

Die Biologische und Neuropsychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, welches sich mit den Zusammenhängen zwischen körperlichen Prozessen einerseits und dem menschlichen Erleben und Verhalten andererseits beschäftigt. Insbesondere geht es um die Erforschung der Verbindung zwischen neuronalen und psychischen Prozessen, aber auch um die Frage, inwieweit psychische Zustände und Vorgänge auf biologische Strukturen und Prozesse rückwirken können.

Während die Biologische Psychologie dabei Prozesse auf verschiedenen Ebenen (z. B. kardiovaskuläre Aktivität, Elektrodermalaktivität) einschließt, konzentriert sich die Neuropsychologie vorrangig auf den Zusammenhang zwischen Gehirn (bzw. zentralem Nervensystem) und menschlichem Erleben, Denken und Verhalten. Somit stellt sich die Biologische und Neuropsychologie als umfassende Disziplin mit breiter Grundlagen- und Anwendungsperspektive dar. Deutliche Überschneidungen und Bezüge zeigen sich hierbei vor allem im Bereich der Allgemeinen Psychologie (in Bezug auf primär kognitive Inhalte wie z. B. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, aber auch in Bezug auf Motivations- und Emotionsprozesse), im Bereich der Klinischen Psychologie und Psychotherapie, im Bereich der psychologischen Diagnostik, im Bereich der medizinischen Psychologie und Gesundheitspsychologie (vor allem im Kontext der Rehabilitation) sowie im Bereich der Differentiellen und Persönlichkeitspsychologie.

Allgemeine Grundlagen und ­zentrale Systeme der Informationsverarbeitung

Die Biologische und Neuropsychologie beschäftigt sich mit den neurobiologische Grundlagen wie z. B. dem Aufbau und der Funktionsweise des zentralen und vegetativen Nervensystems, der neuronalen Entwicklung, den strukturellen und funktionellen (Re-)Organisationsprozessen (z. B. Plastizität) sowie mit neurophilosophischen Überlegungen und Kontroversen zu Gehirn und Bewusstsein (Gehirn-Bewusstsein-Problem). Des Weiteren werden grundlegende Fragen zu Möglichkeiten der Modellierung und Simulation kognitiver Prozesse sowie neuroethische und neuroökonomische Aspekte diskutiert. Zudem wird die Frage untersucht, wie welche Systeme und Prozesse die Informationsverarbeitung bestimmen. Hierbei werden vor allem Systeme und Prozesse der Wahrnehmung (z. B. visuelle und auditive Verarbeitung von Informationen), der Aufmerksamkeit (Selektion und Intensität), des Lernens und des Gedächtnisses (im Sinne einer funktionalen Stärkung synaptischer Verbindungen), des willentlichen Handelns (z. B. Identifikation und Auswahl verschiedener Handlungsstrategien), der Emotionsverarbeitung, des Sprechens und der Sprache sowie der Motorik und des motorischen Lernens betrachtet. Die Biologische Psychologie und Neuropsychologie nutzt verschiedene Forschungsansätze (z. B. die vergleichende Kognitionsforschung oder die Verhaltensgenetik) und Methoden (z. B. psychophysiologische Methoden, neuropsychologische Tests sowie bildgebende Verfahren).

 

Erkrankungen des Zentralnervensystems und Formen neuropsychologischer Störungen

Der Bereich zentralnervöser Erkrankungen und daraus resultierender psychischer Störungen kann als einer der zentralsten Bereiche der Biologischen Psychologie und Neuropsychologie aufgefasst werden. Unter Erkrankungen des Zentralnervensystems fallen die neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. Alzheimer-Demenz, Parkinson), zerebrovaskuläre Erkrankungen (Schlaganfälle infolge von Arterienverschluss bzw. intrazerebraler Blutungen), infektiöse (z. B. Meningitis), nicht infektiöse (z. B. Multiple Sklerose) und entzündliche Erkrankungen, Epilepsie sowie Hirntumoren. Aber auch externe Einflüsse (z. B. Unfälle) können zu Schädigungen des Zentralnervensystems führen. Zu diesen erworbenen Hirnschädigungen zählen z. B. verschiedene Formen des Schädel-Hirn-Traumas (Prellungen, Quetschungen, Einblutungen). Als Folge der Erkrankung oder Schädigung des Gehirns können Störungen kognitiver, emotionaler und motivationaler Prozesse auftreten. Diese Störungen werden häufig auch als «neuropsychologische oder neurokognitive Störungen» bezeichnet. Dazu zählen Störungen der zentralen Informationsverarbeitung wie z. B. der visuellen oder auditiven Wahrnehmung, des Erkennens von Objekten und Personen, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses oder der Handlungskontrolle. Weiterhin können Störungen des Sprechens und der Sprache, Störungen des Lesens, Schreibens oder Rechnens, aber auch Persönlichkeitsveränderungen und affektive Störungen auftreten.

 

Bio- und neuropsychologische Diagnostik, Therapie und ­Rehabilitation

Ein letzter Bereich der Biologischen und Neuropsychologie umfasst verschiedene Möglichkeiten neuropsychologischer Status- und Prozessdiagnostik (im Sinne einer Klassifikation und Entscheidungshilfe u. a. in Bezug auf Prognose, Therapieplanung und Evaluation). Hierbei kommen nicht nur neuropsychologische Testverfahren zur Erfassung von Intelligenz, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Sprache, exekutiven Funktionen usw. zum Einsatz, sondern auch elektrophysiologische (z. B. EEG, EKG) und bildgebende Verfahren (z. B. PET, MRT). Zum klinischen Anwendungsbereich der Biologischen und Neuropsychologie gehört aber auch die Therapie und Rehabilitation hirngeschädigter oder -verletzter Patienten. In diesem Bereich werden die Möglichkeiten der Restitution bzw. Kompensation psychischer Prozesse und die Effektivität neuropsychologischer Interventionen untersucht.

 

Verwendete Literatur

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