Gesundheitspsychologie und Medizinische ­Psychologie

Gebietsüberblick | Prof. Dr. Dr. Jürgen Bengel, Prof. Dr. Renate Deinzer

Inhalte und Definition

Die Gesundheitspsychologie beschäftigt sich mit der Bedeutung psychischer Merkmale und Prozesse für die Gesundheit und Krankheit des Menschen. Informationsverarbeitungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse, die für gesundheitsbezogenes Erleben und Verhalten bedeutsam sind, werden untersucht und in Modellvorstellungen integriert. Als junge Disziplin innerhalb der Psychologie nutzt sie Erkenntnisse aus allen psychologischen Teildisziplinen zum grundlegenden Verständnis und zur zielgerichteten Beeinflussung des Gesundheits-, Risiko- und Krankheitsverhaltens. Dabei werden das Individuum, das soziale Umfeld, die Behandlungs- und Versorgungsstruktur sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Auf der Basis des biopsychosozialen Modells werden biologische, psychische und soziale Faktoren und deren Interaktionen als bedeutsame Determinanten der Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesundheitsbeeinträchtigungen und Krankheit betrachtet.

Die Medizinische Psychologie ist ein interdisziplinäres Fach, das psychologische Kenntnisse, die für die Krankenversorgung im weitesten Sinne von Bedeutung sind, in der Forschung erweitert und in der Lehre vermittelt. Im Zentrum ihres Interesses steht der körperlich erkrankte Mensch und im Rahmen der Gesundheitsförderung auch der körperlich Gesunde, der Gesundheitsrisiken unterliegt. Sie fokussiert die wechselseitigen Beziehungen zwischen körperlichen Erkrankungen und medizinischer Behandlung einerseits und dem psychischen Wohlergehen, dem Erleben und Verhalten der Patienten anderseits. Seit 1970 sieht die Approbationsordnung für Ärzte die Medizinische Psychologie als Ausbildungsfach im 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung («Physikum») vor. Inhalte – zusammen mit der Medizinischen Soziologie – sind psychobiologische Grundlagen des Verhaltens und Erlebens; Wahrnehmung, Lernen, Emotionen, Motivationen, Psychomotorik; Persönlichkeit, Entwicklung, Sozialisation; soziales Verhalten, Einstellungen, Interaktion und Kommunikation, Rollenbeziehungen; soziale Schichtung, Bevölkerungsstruktur, Morbiditätsstruktur; Strukturen des Gesundheitswesens; Grundlagen psychologischer und soziologischer Methodik. Die Ausbildungsaktivitäten reichen in der Regel weit in die Klinik hinein, beispielsweise im Zuge der interdisziplinären Zusammenarbeit bei der Etablierung von longitudinalen Curricula zur Arzt-Patient-Kommunikation oder durch Beteiligung an Querschnittbereichen der klinischen Ausbildung, z. B. Prävention und Gesundheitsförderung, Medizin des Alterns und des alten Menschen, Palliativmedizin, Schmerzmedizin.

Neben einem engen Bezug zueinander weisen die Gesundheitspsychologie und die Medizinische Psychologie eine enge Verbindung zur Psychosomatik, zur Klinischen Psychologie und Rehabilitationspsychologie auf.

Gesundheit und Krankheit

Die Gesundheitspsychologie und die Medizinische Psychologie vertreten ein modernes Verständnis von Gesundheit, das Gesundheit nicht primär durch die Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern eine umfassendere und positive Perspektive einnimmt, analog zur Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Gesundheit als «Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens» versteht.

Hieraus ergibt sich ein breites Spektrum des Erkenntnisinteresses, das u. a. Themenbereiche wie Gesundheits- und Risikoverhaltens­forschung, Prävention, Rehabilitation und Gesundheitsförderung einschließt, psycho­bio­lo­gische und psychosoma­tische Zusammenhänge umfasst und auch Fragen der Versorgungs­forschung berührt. In der Medizinischen Psychologie von zusätzlichem Interesse ist die psychotherapeutische Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung (z. B. psychosoziale Belastungen bei onkologischen Patienten, chronische Schmerzen) oder umgekehrt die Behandlung psychischer Störungen, die auf die körperliche Gesundheit ausstrahlen (z. B. Angststörungen, Abhängigkeits­störungen).

 

Förderung von Gesundheits­verhalten

Gesundheitspsychologie und Medizinische Psychologie befassen sich u. a. mit psychischen Faktoren, die zur Aufrechterhaltung der Gesundheit und der Entstehung von Krankheiten beitragen, und liefern somit Befunde und Modelle für Prävention und Gesundheitsförderung. Dabei werden gesundheits­fördernde Ressourcen wie z. B. soziale Unterstützung oder Selbstwirksamkeitserwartung besonders betont. Diese Schutzfaktoren können helfen zu erklären, wie Menschen trotz vorhandener Risikofaktoren gesund bleiben. Modelle von Einflussfaktoren und Veränderungsprozessen, wie z. B. die Theorie des geplanten Verhaltens oder das Transtheoretische Modell, dienen hierbei der Identifikation kritischer Erfolgsdeterminanten, die die Bedeutung der Problemsichtweise und der Verarbeitungsprozesse (z. B. Risikowahrnehmung, Krankheitseinsicht, Veränderungs­motivation) des Adressaten konzeptuell zugänglich machen. Aus diesen Erkenntnissen leiten sich Interventionsmaßnahmen ab, die empirisch geprüft und abgesichert werden. Da sich Verhaltens­gewohnheiten (z. B. Bewegungs- oder Ernährungsverhalten) als sehr stabil erweisen, ist die Fokussierung auf eine nachhaltige Implementierung von Veränderungen durch im Alltag verankerte Maßnahmen (z. B. betriebliches Gesundheitsmanagement im Bereich der Primärprävention) oder eine adäquate Nachsorge und die Einbindung des sozialen Umfelds im Bereich der Tertiärprävention besonders zu berücksichtigen. Die aktive, selbstverant­wort­liche Rolle des Einzelnen für seine Gesundheit wird z. B. durch Konzepte wie Empowerment, Selbstwirksamkeit oder Selbstbestimmtheit hervorgehoben. Hierdurch können Möglichkeiten zur Stärkung von Ressourcen (z. B. soziale Unterstützung) und günstiger Informationsverarbeitungsprozesse und Verhaltensweisen (z. B. Selbstregulations­mechanismen, Stressverarbeitung, Hilfesuchverhalten) erkannt und gezielt gefördert werden.

 

Menschen im Medizinbetrieb

Neben den Patienten selbst interessieren sich die Medizinische Psychologie und die Gesundheitspsychologie auch für die weiteren Menschen im Medizinbetrieb. Beispielsweise wird die Belastung der Angehörigen durch Erkrankung, aber auch ihre Rolle bei der Krankheitsverarbeitung und der Genesung analysiert. Das Kommunikationsverhalten der Angehörigen der medizinischen Berufe und seine Bedeutung für die Patienten bildet einen wichtigen Schwerpunkt in der medizinpsychologischen Forschung und Lehre und interessiert mit seinen für das Gesundheitsverhalten relevanten Aspekten (z. B. Risikokommunikation) auch die Gesundheitspsychologie. Weitere Themen sind Aspekte der psychischen Gesundheit in helfenden Berufen und psychologische Rahmenbedingungen auf der Seite des Personals, die die Entwicklung einer erfolgreichen Arzt-Patient-Beziehung begünstigen.

 

Verwendete Literatur

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