Kognitive Psychologie

Gebietsüberblick | Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke

Die Kognitive Psychologie [lat. cognoscere wissen, wahrnehmen] ist der Teil der Allgemeinen Psychologie, die generelle, für alle Menschen gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten untersucht. Traditionell wird in der Allgemeinen Psychologie eine Unterteilung psychischer Funktionen in die Bereiche Kognition, Emotion und Motivation vorgenommen, auch wenn es Ansätze gibt, die alle diese Prozesse der Kognitiven Psychologie zuschreiben. Kognitive Psychologie ist ein Sammelbegriff für alle Theorien und Befunde, die erklären sollen, was den Menschen zur Erkenntnis über seine Umwelt und zum vernünftigen Umgang damit befähigt. Hierzu gehören Funktionsanalysen folgender Bereiche: Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Handeln, Denken, Problemlösen, Sprache, Wahrnehmung. Diesen kognitiven Funktionen ist gemeinsam, dass die jeweilige Informationsverarbeitung als intelligent bezeichnet werden kann in dem Sinne, dass sie zweckgebundenes Handeln, rationales Denken und effizientes Interagieren mit der Umwelt ermöglicht. Aufgrund der umfangreichen und gut abgrenzbaren Inhalte wird in diesem Lexikon die Wahrnehmungspsychologie jedoch als eigenständiges Teilgebiet behandelt.

Die Kognitive Psychologie betrachtet kognitive Prozesse allgemein unter dem Blickwinkel der Informationsverarbeitung. Diese Verarbeitung besteht aus Prozessen, die auf bedeutungstragende Daten (Symbole) angewendet werden und diese manipulieren (z. B. Erzeugung einer neuen Einsicht durch einen Denkprozess). Analog zur Hardware eines modernen Computers postulieren kognitive Architekturen die Existenz verschiedener Speicher- und Verarbeitungs­komponenten (z. B. Arbeits- und Langzeitgedächtnis mit deklarativen und prozeduralen Inhalten). Anstelle symbolischer Informationsverarbeitung (Computermetapher) nehmen konnek­tionistische Modelle (Gehirnmetapher) an, dass kognitive Prozesse durch Aktivierungen innerhalb eines Netzwerks erfolgen, in dem Information distribuiert gespeichert wird.

Die Kognitive Psychologie stellt zentrale Modelle und Befunde für alle psychologischen Anwendungsdisziplinen zur Verfügung, da grundlegendes Wissen über menschliche Informationsverarbeitung untersucht und konzeptualisiert wird. Beispielsweise bilden Modelle des Lernens und der gezielten Veränderung kognitiver Prozesse die Basis für Veränderungsmaßnahmen in allen psychologischen Disziplinen (z. B. Therapien, Lehr-Lern-Programme, Arbeitsgestaltung). Fundierte Modelle kognitiver Konstrukte (z. B. Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz) bilden die Grundlage diagnostischer Verfahren.

Grundlegende Begrifflichkeiten, Methoden und Datenquellen

Die Kognitive Psychologie verwendet eine Fülle an Methoden, von denen viele für spezielle Zwecke entwickelt wurden. Von Beginn der modernen Psychologie an hat sich die Kognitive Psychologie zahlreicher experimenteller und statistischer Methoden bedient. Reaktionszeitmessungen (Chronometrie), lautes Denken, Blickbewegungserfassung, Computersimulation und neuerdings Messungen der Hirnaktivität weisen auf das große Spektrum der Verfahren hin. Mit der Signalentdeckungstheorie liegt ein auch in anderen Disziplinen verwendetes Verfahren vor, das die Separierung der Sinnesqualität (Entdeckbarkeit eines Signals, Sensitivität eines Beobachters) von speziellen Reaktionsneigungen (Motivationslagen) ermöglicht. Die Informa­tionstheorie erlaubt die Quantifizierung von Nachrichten als dem «Grundstoff» der Kognition. Allerdings ist neben den formalen Eigenschaften auch die inhaltliche Bedeutung einer Nachricht wichtig, die sich einer einfachen Quantifizierung entzieht.

 

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit dient der Selektion von Wahrnehmungsinhalten und der Fokussierung der Verarbeitungsressourcen, um gezielt und effizient handeln zu können. Aufmerksamkeit stellt nach klassischen Modellvorstellungen eine notwendige Voraussetzung für effiziente und bewusste Informationsverarbeitung dar. Neuere Ansätze unterscheiden verschiedene Stufen des Bewusstseins, wodurch eine klare hierarchische Abfolge von Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsprozessen infrage gestellt wird.

 

Gedächtnis

Das Gedächtnis ist für die Enkodierung, Speicherung, Transformation und den Abruf von Informationen zuständig. Gedächtnistheorien dienen der Erklärung von Behaltensleistungen, sodass eine gezielte Vorhersage von Gedächtnisleistungen erfolgen kann. Die Informationsspeicherung wird durch (1) primär seriell arbeitende Gedächtnissysteme (z. B. Ultrakurzzeitspeicher, Arbeitsgedächtnis, Langzeitgedächtnis; Mehrspeichermodell) oder durch (2) unterschiedliche Verarbeitungsprozesse (z. B. Kriterium der Verarbeitungstiefe; Informationsart) modelliert. Verschiedene Modalitäten und Symbolsysteme (Bilder, Wörter, Zahlen) sind dabei wichtig. Semantische Netzwerke, Schemata oder Skripts sind typische Konzepte, die die strukturelle Repräsentationsform langfristig gespeicherter Informationen beschreiben.

 

Zentrale Stichwörter:

Lernen

ernen kann als kognitiver Prozess definiert werden, der auf Erfahrung, Übung und Beobachtung beruht und zu überdauernden Änderungen (1) des Verhaltens bzw. des Verhaltenspotenzials (Lernen als Verhaltensänderung) bzw. (2) der kognitiven Strukturen (Lernen als Wissenserwerb; Aufbau und Gebrauch komplexer Wissensstrukturen) führt. Klassische Lernparadigmen (Behaviorismus) betonen direkt beobachtbare Verhaltensaspekte. Moderne Ansätze berücksichtigen zunehmend implizite, strukturelle (z. B. Textlernen) und kontextabhängige Aspekte (z. B. soziales Lernen) und den aktiven Gebrauch (z. B. selbstgesteuertes Lernen, Transfer) des repräsentierten Wissens als Teil von Lernprozessen.

 

Denken

Denken ist eine höhere kognitive Funktion, die auf Prozesse der Wahrnehmung, des Lernens und des Gedächtnisses zurückgreift und Handeln vorbereitet bzw. unterstützt. Denken kann als aktive innerliche Verarbeitung von sprachlichen Begriffen, bildlichen oder anderen mentalen Vorstellungen mit dem Ziel, neue Erkenntnisse zu gewinnen, verstanden werden. Denken kann in Form (1) logischen Schließens (z. B. konditionales Schließen in Form von Wenn-dann-Aussagen), (2) von Wahrscheinlichkeitsurteilen (z. B. auf Basis von Heuristiken), (3) problemlösenden oder (4) kreativen Denkens vorkommen.

 

Handeln

Handlungen bezeichnen Verhaltensweisen, die der Erreichung definierter Ziele (antizipierte Handlungseffekte) dienen. Hierbei ist die Planung und Steuerung des Handelns zu unterscheiden. Bei der Planung von Handeln werden (1) relevante Ziele bzw. Zielaspekte (intern repräsentierte mentale Sets bzw. Aufgabenkontexte) identifiziert und (2) Handlungsalternativen in Bezug auf deren Eignung zur Zielerreichung prospektiv evaluiert. Hierbei ist die Grenze zu Denk- und Problemlöseprozessen fließend. Zur Steuerung werden je nach Komplexität und Art der auszuführenden Handlungen unterschiedliche Modelle verwendet (z. B. Effekt-Kodes als Determinante einfacher motorischer Reaktionen; motorische Programme zur Ausführung von Handlungssequenzen; kognitive Systeme zentraler vs. verteilter Handlungskontrolle).

 

Sprache

Sprache ist eine grundlegende kognitive Fähigkeit des Menschen, die der Kommunikation, dem Erwerb neuen Wissens und dem Denken dient. Die Sprachpsychologie befasst sich mit der Beschreibung und Erklärung der an Sprachverarbeitung beteiligten Prozesse und Wissensrepräsentationen. Die wichtigsten Teilbereiche sind die Repräsentation sprachlicher Informationen (Grammatik als Regelwissen über die Kombination sprachlicher Einheiten und Semantik als inhaltliche Informationen über Wörter), Sprachwahrnehmung (Hören, Lesen), Sprachproduktion (Sprechen, Schreiben, Gebärden), Spracherwerb sowie Sprachstörungen. Die Sprachpsychologie, meist synonym mit Psycholinguistik benutzt, unterscheidet sich somit von der allgemeinen Sprachwissenschaft (Linguistik), welche die formale Struktur und die Einheiten der Sprache beschreibt.

 

Verwendete Literatur

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