Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie

Gebietsüberblick | Prof. em. Dr. Jens B. Asendorpf

Der Bereich der Persönlichkeits- und Differentiellen Psychologie befasst sich mit der Beschreibung und Erklärung der individuellen, weitgehend zeitstabilen, nicht pathologischen Besonderheiten des Erlebens und Verhaltens von Menschen: ihrer Persönlichkeit. Damit ist die Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie komplementär zur Allgemeinen Psychologie, die sich mit Grundlagen des Erlebens und Verhaltens beschäftigt, die allen Menschen gemeinsam sind, und unterscheidet sich von der Klinischen Psychologie, die sich mit pathologischen Merkmalen und deren Veränderung befasst. Die im deutschsprachigen Raum gemachte Unterteilung in die Einzelgebiete Persönlichkeitspsychologie (Fokus auf der Struktur der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Einzigartigkeit) und Differentielle Psychologie (Fokus auf interindividuellen Unterschieden im Erleben und Verhalten) ist dabei wenig sinnvoll, weil die Einzigartigkeit der Persönlichkeit eines Menschen nur durch Vergleich mit anderen Menschen deutlich wird. Im Gegensatz zur Tradition im nordamerikanischen Raum werden dabei interindividuelle Unterschiede in kognitiven Merkmalen (z. B. Intelligenzunterschiede) mit eingeschlossen.

Insgesamt kann die Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie als zentrale Grundlagenwissenschaft betrachtet werden, die weit in andere Grundlagen- und Anwendungsgebiete der Psychologie hineinreicht und z. T. eng mit diesen verzahnt ist. Deutliche Überlappungen finden sich bspw. mit der Kognitions-, Emotions-, Motivations-, Sozial- und Entwicklungspsychologie, wobei die Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie nicht universelle Fragestellungen fokussiert (bspw. wie Angst ausgelöst wird, ob antisoziales Verhalten im Jugendalter zunimmt), sondern differentielle Fragestellungen (bspw. warum sich Menschen in ihrer Ängstlichkeit unterscheiden, warum viele Jugendliche antisoziales Verhalten zeigen, andere aber nicht). Weitere Überlappungen finden sich im Bereich der kulturvergleichenden Psychologie (interkulturelle Unterschiede in der Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen) sowie im Bereich der Pädagogischen Psychologie (Einfluss von Persönlichkeitsunterschieden bei Lernenden und Lehrenden auf den Lernprozess). Eine besondere Position nehmen persönlichkeitspsychologische Fragestellungen im Kontext der Diagnostik ein (bspw. im Rahmen der Personalauswahl und Personalentwicklung).

Theoretische Ansätze

In der Persönlichkeits- und Differentiellen Psychologie lassen sich verschiedene theoretische Ansätze unterscheiden, wobei die philosophischen, psychoanalytischen und humanistischen Ansätze für die heutige Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie eher von historischem Interesse sind. Eigenschaftszentrierte Ansätze beschäftigen sich mit einzelnen Persönlichkeitseigenschaften (Dispositionen, Eigenschaften; bspw. bei motivationspsychologischen Ansätzen Motive und Interessen), mit deren Klassifikation durch faktorenanalytische Ansätze (bspw. Fünf-Faktoren-Modell) und mit der Beschreibung der Persönlichkeit durch ein möglichst umfassendes Persönlichkeitsprofil aus vielen unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften und der Klassifikation dieser Profile in Persönlichkeitstypen (Typologie). Dabei wird Erleben und Verhalten nicht als Funktion der Persönlichkeit verstanden, sondern als Funktion von Persönlichkeit und aktueller Situation (Interaktionismus, Person-Situation Debatte). Persönlichkeitsentwicklung wurde lange Zeit auf Lernen zurückgeführt (lerntheoretische Ansätze), wird aber heute eher aufgefasst als dynamische Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Umwelt, wobei die Persönlichkeit die Umwelt ebenso beeinflussen kann wie umgekehrt. Neurowissenschaftliche Ansätze untersuchen die dynamische Wechselwirkung zwischen biologischen Merkmalen (bspw. im Nervensystem, Herz-Kreislauf-System, hormonellen System) und Persönlichkeitsmerkmalen, bei der das Verhalten die biologische Ebene ebenso beeinflussen kann wie umgekehrt. Genetische Einflüsse auf die Persönlichkeit werden mit Methoden der Verhaltensgenetik und der Molekulargenetik untersucht (Anlage-Umwelt). Evolutionspsychologische Ansätze versuchen, manche Persönlichkeitsunterschiede und deren Umweltabhängigkeit durch Prozesse der Evolution und der typischen Umwelt unserer Vorfahren zu erklären (Evolutionspsychologie).

 

Grundlegende Dimensionen ­interindividueller Unterschiede

Diese Dimensionen sind entweder empirisch begründet (meist durch Faktorenanalysen von Eigenschaftsbeurteilungen) oder funktionsorientiert (sie betreffen bestimmte Funktionen des Verhaltens). Bei den empirisch begründeten haben sich die Big Five des Fünf-Faktoren-Modells durchgesetzt, die breit gefächerte Dimensionen mit spezifischeren Unterdimensionen darstellen und als Referenzpunkt für weitere Dimensionen dienen: Extraversion, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit, soziale Verträglichkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Zu den funktionsorientierten Dimensionen zählen vor allem Fähigkeiten und Kompetenzen (bspw. Intelligenz, Kreativität, soziale Kompetenzen, emotionale Kompetenzen); Temperament (Persönlichkeitsmerkmale, die die «drei A der Persönlichkeit» betreffen: Affekt, Aktivierung und Aufmerksamkeit); handlungsbezogene Merkmale (bspw. Motive, Interessen, Kontrollüberzeugungen, Selbstwirksamkeit); Einstellungen (bspw. Vorurteile) und Werthaltungen (bspw. Konservativismus, Religiosität); selbstbezogene Merkmale (bspw. Selbstkonzept, Selbstwertgefühl, Narzissmus, Lebenszufriedenheit), aber auch Merkmale des Körperbaus (Körperbautypen) und physische Attraktivität als sozial relevante körperliche Merkmale.

 

Grundlegende Persönlichkeits­typen

Empirische Untersuchungen zeigen, dass Persönlichkeitsmerkmale graduell variieren, sodass sich keine klar abgrenzbaren Persönlichkeitstypen ergeben. Dennoch gibt es eine statistisch auffällige Tendenz, dass sich Persönlichkeitsprofile (bspw. in den Big Five) drei grundlegenden Typen zuordnen lassen: resilienter, überkontrollierter und unterkontrollierter Typ. Der resiliente Typ ist der häufigste und zeigt in den Big Five ein sozial erwünschtes Profil (erhöhte Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit, niedriger Neurotizismus). Der überkontrollierte Typ ist durch erhöhte Werte in Neurotizismus und niedrige in Extraversion gekennzeichnet, der unterkontrollierte Typ durch niedrige Werte in Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

 

Gruppenunterschiede und Persönlichkeit im Kulturvergleich

Neben den oben genannte Dimensionen und Typen betrachtet ein dritter Bereich der Persönlichkeits- und Differentiellen Psychologie spezielle, hinsichtlich ihres Erlebens und Verhaltens relativ homogene Subgruppen wie bspw. bzgl. Geschlecht, sexueller Orientierung (Heterosexualität, Bisexualität, Homosexualität), Hochbegabung, Migrationshintergrund (Rasse als problematisches Konzept). Ziel ist hierbei die Beschreibung und Erklärung von Unterschieden zwischen Gruppen. Ein vierter Bereich behandelt als Teilgebiet der Kulturvergleichenden Psychologie kulturübergreifende und kulturspezifische Bedeutungen und Korrelate verschiedener Persönlichkeitsmerkmale, die u. a. im interkulturellen Training genutzt werden.

 

Methodologie und Methodik

Die Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie verwendet methodologisch sowohl nomothetische Ansätze (empirische Gesetzmäßigkeiten, die sich auf ganze Populationen oder Subgruppen beziehen) als auch idiografische Ansätze (Beschreibung und Erklärung der Individualität einzelner Personen). Methodische Zugänge sind bspw. Selbstberichte (im Kontext von Interviews oder Fragebögen), Leistungstests, Verhaltensbeobachtungen, neurowissenschaftliche Messungen im Labor und im Feld (Monitoring, ambulantes), objektive diagnostische Verfahren (Persönlichkeitstests, objektive; objektiver Test, klassische Verfahren) und in der Verhaltensgenetik genetisch sensitive Designs wie bspw. Zwillingsforschung und molekulargenetische Methoden wie z. B. genomweite Assoziationsstudien.

Anwendungen

Die Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie ist die Grundlage der meisten Verfahren in der psychologischen Diagnostik. Die Diagnosen werden in Beratung, Intervention und Prävention genutzt. In der Personalführung werden Bewerber bei der Personalauswahl aufgrund ihrer Fähigkeiten und meist auch weiterer Persönlichkeitsmerkmale ausgewählt (z. B. Extraversion bei Mitarbeitern mit viel direktem Kundenkontakt). Oft wird hierbei ein Persönlichkeitsprofil mit einem vorgegebenen Anforderungsprofil (Anforderungsanalyse) verglichen. Bei der Personalentwicklung basieren Entscheidungen über den Aufstieg oder die Entsendung zu Fortbildungsmaßnahmen zunehmend auf systematischen Bewertungen von Fähigkeiten und anderen Persönlichkeitsmerkmalen, und bei Umstrukturierungen wird zunehmend auf eine gute Passung zwischen Persönlichkeit und Arbeitsplatz geachtet (bspw. bei der Zusammenstellung von Teams). In anderen Anwendungsbereichen geht es um zielgruppenorientierte Maßnahmen, wobei die Zielgruppe durch eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur definiert ist. Hierzu gehören die individualisierte Prävention, Beratung und Psychotherapie, das zielgruppenorientierte oder auch individualisierte Marketing (unter Nutzung von Big data wie bspw. Suchverhalten im Internet oder auf Amazon, Likes auf Facebook), der individualisierte Unterricht sowie das Profiling in der Kriminalpsychologie. Allgemein lässt sich angesichts der zunehmenden Individualisierung von Lebensstilen und einer zunehmend multikulturellen Umwelt eine zunehmende Bedeutung von Persönlichkeits- und Gruppenunterschieden feststellen, die alle Praxisfelder von Psychologen betreffen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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