Philosophie und Wissenschaftstheorie

Gebietsüberblick | Prof. em. Dr. Volker Gadenne

Jede Wissenschaft beruht zum Teil auf Annahmen, die philosophischer Natur sind. In der Psychologie betreffen solche Annahmen z. B. die Grundlagen empirischer Forschung, die Eigenart psychologischer Gesetze, die Beziehung zwischen Geist und Gehirn, die Natur des Bewusstseins sowie die Willensfreiheit. Insbesondere die letztgenannten Themen genießen derzeit zunehmende Aufmerksamkeit, nicht zuletzt dadurch, dass sich außer der Philosophie und der Psychologie auch die Neurowissenschaften mit ihnen befassen. Dass die Psychologie entsprechende Voraussetzungen macht, wird unmittelbar deutlich, wenn man ihr heutiges Selbstverständnis betrachtet. Sie versteht sich als empirische Wissenschaft von den mentalen Vorgängen und dem Verhalten des Menschen. Sie setzt sich zum Ziel, Theorien zu entwickeln und empirisch zu prüfen, mit deren Hilfe mentale Prozesse bzw. Verhalten möglichst gut beschrieben, erklärt und vorhergesagt werden kann. Eine solche Konzeption kann und muss in vielerlei Hinsicht näher bestimmt werden. Sobald man dies versucht, ist man mit philosophischen bzw. wissenschaftstheoretischen Problemen konfrontiert. Sie betreffen (1) die Struktur des Forschungsgegenstandes, (2) die Möglichkeiten, systematisch Wissen über den Forschungsgegenstand zu generieren bzw. zu prüfen (Methodologie), sowie (3) die Möglichkeiten, Strukturen und Prozesse in abstrahierter Form durch Modelle und Theorien darzustellen.

Ziel philosophischer und wissenschaftstheoretischer Reflexion ist es, ein vertieftes Verständnis dessen zu gewinnen, was in einer Wissenschaft wie der Psychologie geschieht. Die von der Philosophie und Wissenschaftstheorie zur Verfügung gestellten Konzeptionen und Analysemethoden können hierzu beitragen. Sicherlich kann man auch kompetent Forschung betreiben und deren Ergebnisse anwenden, ohne über philosophische Grundlagen nachzudenken. Es gibt allerdings ein beachtenswertes Argument zugunsten einer Reflexion von Grundlagen: Irgendwelche philosophischen und wissenschaftstheoretischen Annahmen beeinflussen in jedem Fall das wissenschaftliche Denken und Handeln, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist oder die Voraussetzungen als unreflektierte Konventionen akzeptiert. Möglicherweise sind es Annahmen, die nach dem aktuellen Diskussionsstand als problematisch und überholt einzustufen sind und die eventuell einen ungünstigen Einfluss auf die Psychologie ausüben. Indem man die Voraussetzungen psychologischer Forschung und Praxis reflektiert, gibt man sich die Chance, problematische Annahmen zu entdecken und durch überzeugendere zu ersetzen.

Disziplinen der Philosophie

Die Philosophie gliedert sich in mehrere Disziplinen bzw. Gebiete. Zu den herkömmlichen Disziplinen gehören u. a. Logik, Erkenntnistheorie, Ethik, Metaphysik, Ontologie und Ästhetik. Die Wissenschaftstheorie (auch Wissenschaftsphilosophie [engl. philosophy of science]), die sich mit den Grundlagen der Erkenntnisgewinnung in den Wissenschaften befasst, wird meist auch als philosophische Disziplin aufgefasst. Sie wird hier gesondert angeführt, da ihr besondere Bedeutung für die Psychologie zukommt. Zwei andere Disziplinen bzw. Gebiete der Philosophie, die ebenfalls einen engen Bezug zur Psychologie aufweisen, sind die philosophische Anthropologie und die Philosophie des Geistes. Erstere befasst sich mit der Natur des Menschen und seiner Stellung in der Welt. Es geht ihr darum, Kants Frage «Was ist der Mensch?» zu beantworten. Eine besondere Rolle spielt in der philosophischen Anthropologie der phänomenologische Denkansatz, den man mit den Ergebnissen der Humanbiologie zu verbinden sucht. Aber auch die sozialen und kulturellen Dimensionen des menschlichen Lebens werden einbezogen. Einen wichtigen Gegenstand anthropologischer Untersuchungen stellen die verschiedenen Menschenbilder dar.

Die Philosophie des Geistes [engl. philosophy of mind] befasst sich mit der Natur von Seele, Geist und Bewusstsein, der Beziehung zwischen Körper und Geist, der Struktur des Handelns bis hin zum Problem der Willensfreiheit.

Wissenschaftstheorie und ­Methodenlehre

Zwischen Wissenschaftstheorie und Methodenlehre besteht eine enge Beziehung. Beiden geht es darum, für die einzelnen Aspekte des Forschungsprozesses Regeln und Kriterien zu erarbeiten, deren Anwendung dazu dienlich ist, Fehler bei der Beobachtung und Schlussfolgerung möglichst gering zu halten bzw. aufzudecken und zu korrigieren und dadurch zur Erkenntnisgewinnung beizutragen. Die Wissenschaftstheorie analysiert und empfiehlt solche Regeln mit Bezug auf alle Wissenschaften (oder eine größere Gruppe, z. B. die empirischen), die Methodenlehre einer einzelnen Disziplin tut Entsprechendes für diese Disziplin. Zwischen Wissenschaftstheorie und einzelwissenschaftlicher Methodenlehre gibt es aber einen fließenden Übergang, zumal die Wissenschaftstheorie immer stärker dazu tendiert, sich zu spezialisieren und jeweils ganz den Grundlagen einer bestimmten Disziplin wie etwa der Physik oder der Psychologie zu widmen. Zentral sind dabei stets die folgenden Aspekte:

(1) Logik: Durch welche Regeln ist ein korrektes Schlussfolgern gekennzeichnet? Welche logischen Kriterien muss eine Theorie erfüllen (z. B. Widerspruchsfreiheit)?

(2) Hypothesen und Gesetze: Welche Struktur müssen Hypothesen und Gesetze in einer empirischen Wissenschaft aufweisen?

(3) Operationalisierung: Wie können nicht direkt beobachtbare psychische Eigenschaften in empirisch messbare Variablen übersetzt werden?

(4) Kausalität: Unter welchen Bedingungen ist es gerechtfertigt, eine empirisch nachgewiesene Beziehung zwischen Variablen als Kausalzusammenhang zu interpretieren?

(5) Bestätigung und Falsifikation: Unter welchen Bedingungen soll eine Theorie als bestätigt, unter welchen als falsifiziert gelten?

(6) Forschungsprozess: Welche Forschungsstrategien (insbesondere induktive, Theorie generierende und deduktive, Theorie prüfende) sind geeignet, um einen optimalen Erkenntnisgewinn zu erzielen?

 

Denkrichtungen der Philosophie und Wissenschaftstheorie

Die genannten Fragenkomplexe wurden von den einzelnen Denkrichtungen der Philosophie und Wissenschaftstheorie teils unterschiedlich beantwortet. Die dabei entstandenen Kontroversen haben zu Einsichten geführt, die auch für die Psychologie relevant sind. Die Kontroversen um die verschiedenen Formen des Materialismus trugen dazu bei, die Natur psychischer Prozesse und deren Beziehung zu den Gehirnvorgängen besser zu verstehen. Der Pragmatismus zeigte die Rolle des Handelns und der Erfahrung für die Erkenntnis auf. Die Auseinandersetzung mit dem logischen Empirismus (Positivismus) trug entscheidend dazu bei, die Probleme der operationalen Definition und der Induktion zu verstehen. Die Debatte über den Kritischen Rationalismus klärte viele Aspekte der Problematik der Theorienprüfung. Kuhns Lehre von den Paradigmen und Revolutionen hatte zur Folge, dass seitdem den psychologischen und soziologischen Aspekten der Wissenschaft stärkere Beachtung geschenkt wird. Der Non Statement View (Strukturalismus) schlug eine alternative Auffassung von Theorien vor und förderte die Einsicht in die Struktur von Theorien.

Verwendete Literatur

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