Psychologische Diagnostik

Gebietsüberblick | Prof. Dr. Franz Petermann (†), Prof. Dr. Markus Wirtz

Grundlegende Merkmale und Diagnostischer Prozess

Die Psychologische Diagnostik ist eine zentrale angewandte Querschnittsdisziplin der Psychologie, die die regel­geleitete Sammlung und Verarbeitung von gezielt erhobenen Informationen, die für die Beschreibung und Prognose menschlichen Erlebens und Verhaltens bedeutsam sind, beinhaltet. Die Diagnostik psychologischer Merkmale dient in der Regel der Beant­wortung einer Fragestellung und ist in einen Entscheidungsfindungsprozess einge­bunden. Psychologische Diagnostik zielt insbesondere auf die Feststellung relevanter Merkmals­ausprä­gungen, die den Zustand, den Verlauf und die Veränderung von Merkmals­aus­prägungen empirisch zugänglich machen. Psychologische Diagnostik unterstützt dabei wesentlich wissen­schaftliche Gütekriterien von Entscheidungs­prozessen (u. a. Nachvollzieh­barkeit, Transparenz).

Diagnostische Urteilsbildung und Entscheidungsfindung kann als mehrschrittiger Prozess aufgefasst werden, der der Entscheidungsfindung in einem bestimmten Anwendungsfeld dient. Ausgehend von einer diagnostischen Fragestellung, die ggf. im Prozessverlauf spezifiziert, angepasst und differenziert werden kann, werden Ressourcen (personale, zeitliche) genutzt, um diagnostische Informationen zu sammeln, die eine Beantwortung der Fragestellung erlauben (Jäger, 2006 ). Der Dia­gnos­tiker benötigt zu dessen kompetenter Ausgestaltung insbesondere allgemeine psychodiagnostische Kompetenzen, Kompetenzwissen (selbstkritische Reflexion der eigenen Kompetenzen), Bedingungswissen (bzgl. Determinanten menschlichen Erlebens und Verhaltens), Änderungswissen (bzgl. Methoden der Erlebens- und Verhaltensmodifikation), technologisches Wissen (bzgl. Erhebungs- und Auswertungsmethoden), Vergleichswissen (i. S. der vergleichenden Einordnung von Erleben und Verhalten). Zudem muss der Diagnostiker rechtliche, (berufs)ethische, gesellschaftliche und methodische Randbedingungen berück­sichtigen.

Der diagnostische Prozess gliedert sich grob in fünf Teilschritte:

(1) Präzisierung der Fragestellung: Eine Fragestellung zur Behebung eines Informationsdefizits wird eindeutig präzise formuliert und im Hinblick auf ihre empirische Untersuchbarkeit bewertet.

(2) Hypothesenformulierung: Einzelne oder konkurrierende Annahmen werden formuliert, die durch die Erhebung diagnostischer Informationen beantwortet werden können.

(3) Datenerhebung: Die in der Hypothese festgelegten Merkmale müssen orientiert an psychometrischen Gütekriterien operationalisiert werden (Auswahl der Erhebungsverfahren).

(4) Diagnostische Urteilsbildung: Integration der gewonnenen Informationen zum Zwecke der Entscheidung über die Gültigkeit der Hypothese(n).

(5) Urteil und Gutachten: Festlegung einer Diagnose und/oder Prognose.

 

Unterscheidungsmerkmale

(1) Status- vs. Veränderungsdiagnostik: Die Statusdiagnostik zielt darauf ab, den Ist-Zustand in Bezug auf die für die Problemstellung zentralen Merkmale zu beschrei­ben. Neben der deskriptiven Darstellung kann es u. a. das Ziel sein, (a) zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren (z. B. Schuleignung, Berufseignung) oder (b) Ursachen oder zugrunde liegende Merkmalsausprägungen (z. B. Wahr­neh­mungs­­einschränkungen bei manifest diagnostizierten Einschränkungen der Leseleistung) erkennen zu können. Bei der Verlaufsdiagnostik werden Merkmale zu mehreren Messzeitpunkten erhoben, um z. B. natürliche Prozesse oder Effekte von Interventionen zu dokumentieren.

(2) Norm- vs. kriteriumsorientierte Diagnostik: Norm­orien­tierte Diagnostik setzt individuelle Merkmalswerte in Referenz zu der Merkmalsvertei­lung in einer Referenzverteilung (z. B. prozentualer Anteil geringerer Ausprägungen in der entsprechenden Altersgruppe). Kriteriumsorientierte Diagnostik macht eine Aussage darüber, ob ein definiertes Kriterium erfüllt ist (z. B. Schulfähigkeit).

(3) Eigenschafts- vs. Verhaltensdiagnostik: Während die Eigen­schafts­diagnostik Personenmerkmale in der Regel als eher stabil und überdauernd (z. B. Intelligenz) annimmt, betont die Verhaltensdiagnostik insbeson­dere die Situationsabhängigkeit und Veränderbarkeit der Merkmale und des Verhal­tens (z. B. Verhaltensanalyse).

(4) Unimethodale vs. multimethodale Diagnostik: Obwohl die Diagnostik häufig auf lediglich einem methodischen Zugang (z. B. Fragebogen, Beobachtung oder Interview) beruht (unimethodale Diagnostik) ist die multimethodale Diagnostik, die auf der Integration von Informationen auf Basis unterschiedlicher Methoden fußt (z. B. Multitrait-Multimethod-Ansatz), vorzuziehen, wenn Einzelmethoden keine hinreichend valide Informationsbasis gewährleisten (z. B. Selbstauskünfte in Bewerbungsgesprächen).

(5) Dimensionale vs. klassifika­torische Diagnostik: Psychologische Merkmale können als kontinuierlich ausgeprägt (z. B. Motivation, Intelligenz) oder als qualitativ bzw. kategorial angenommen werden (z. B. Störungstyp). Dimensionale Diagnostik zielt auf die Schätzung von Merkmalsausprägungen auf einer als kontinuierlich angenommenen Dimension ab, während die kategoriale Diagnostik die Identifikation der Zugehörigkeit von Personenmerkmalen zu sich ausschließenden Kategorien anstrebt.

 

Methoden und Datenquellen

Die Psychologische Diagnostik verwendet ein breites Spektrum an Methoden, deren psychometrische Begründung und Evaluation einen Schwerpunkt darstellen. Psychologische Diagnostik sollte auf einem Modell des zu diagnostizierenden Problembereichs begründet sein und davon ausgehend die zentralen Merkmale oder Merkmalsdimensionen (z. B. Indikatoren der psychischen Belastung, Motivation, Kompetenzen) erfassen. Als Datenquellen dienen z. B. psychometrische Tests (insbesondere Leistungs- und Einstellungs­tests), Beobach­tungs- und Befragungs­methoden, aber auch biochemische und bildgebende Verfahren. Ambulatory Assessment sowie computer- und internet­basierte Erhebungsverfahren gewinnen als moderne Verfahren immer stärker an Bedeutung.

Zur Erfassung vielfältiger Konstrukte in allen Anwendungsbereichen stehen geprüfte und etablierte psychologische Testverfahren zur Verfügung, die die fundierte Erfassung relevanter Konstrukte oder typologischer Profile ermöglichen. Im Lexikon werden historisch bedeutsame oder für die Anwendungsgebiete besonders zentrale Instrumente vorgestellt. Die Darstellungen informieren knapp über konzeptuelle Grundlagen, Anwendungsaspekte und die erfassten Konstrukte. Diese Informationen ermöglichen einen Überblick über wichtige Merkmale der Instrumente, die jedoch in der Regel nicht hinreichend für eine letztendliche Entscheidung bzgl. der Auswahl optimaler Verfahren sind. Hierzu müssen weitergehende Informationen zu den Verfahren aus den angegebenen Quellen oder publizierter Testbeschreibungen berücksichtigt werden. In Anhang II findet sich ein Überblick über die im Lexikon berücksichtigten Testverfahren.

 

Zielsetzungen und Anwendungs­gebiete

(1) Beschreibung und Klassifikation: Die Feststellung der Ausprägung einzelner Merkmale oder multidimensionaler Profile setzt die Identifikation relevanter Merkmale und deren fundierte Messung voraus. Entscheidungsrelevante Informa­tionen (z. B. Einstellung eines Mitarbeiters, Therapieindikation) basieren in der Regel auf der begründeten Integration mehrerer Merkmalsausprägungen. Weiterhin ist die Klassifikation durch Zuordnung zu definierten Merkmalsbereichen (z. B. Lernpotenzial: hoch vs. niedrig; therapiebedürftig: ja vs. nein) häufig für die Nutzung der Befunde erforderlich.

(2) Erklärung: Gezielte Identifikation (potenziell) verursachender Merk­mals­ausprägungen oder -konstellationen (z. B. Verhaltensdiagnostik).

(3) Prognose: Identifikation prädiktiv valider Merkmalsausprägungen oder -konstellationen für zukünftige Merkmalsausprägungen oder Ereignisse. Es können interindividuelle (z. B. Identifikation geeigneter Bewerber) und intraindividuelle (z. B. Modifizierbarkeit des Verhaltens von Mitarbeitern) prognostische Zielsetzungen unterschieden werden.

(4) Evaluation: Psychologische Diagnostik von Merkmalen, die bei einer Intervention den Erfolg (Summative Evaluation) oder den Verlauf bzw. Optimierungsmöglich­keiten anzeigen (Formative Evaluation).

Psychologische Diagnostik ist in allen psychologischen Anwend­ungs­disziplinen von Bedeutung und es haben sich z. T. disziplinspezifische Standards etabliert: z. B. sind in der Lehr-Lern­forschung Kompetenz­struktur- und Kompetenz­niveau­modelle, in der Klinischen Psychologie Klassifikations­systeme, in der Arbeits- und Organi­sationspsychologie eignungsdiagnostische Verfahren und in der Neuro- und Biopsychologie biochemische und bildgebende Verfahren von besonderer Bedeutung. Dies impliziert zum einen, dass eine fundierte Psychologische Diagnostik Kenntnisse zu den Standards der Anwendungsgebiete erfordert, und zum anderen, dass die Kenntnisse zur Psychologischen Diagnostik Teil des erforderlichen Kompetenzspektrums von Psychologen in allen angewandten psychologischen Disziplinen sind.

 

Psychometrie, Gütekriterien und Teststandards

Diagnostische Erhebungsverfahren müssen testtheoretisch fundiert und hinsichtlich zentraler psychometrischer Gütekriterien geprüft werden. Test­theoretische Modelle (z. B. Klassische Testtheorie, Item-Response-Modelle) und Skalierungsverfahren wer­den eingesetzt, um begründet von Datenstrukturen (manifeste Merkmale) auf bedeutsame Konstrukte (latente Merkmale) schließen zu können. Dabei wird ange­nommen, dass dem beobachtbaren Antwortverhalten eine wahre, zu schätzende Merkmalsausprägung zugrunde liegt. Items, die ein Konstrukt erfassen und zu einem diagnostischen Kennwert zusammengefasst werden, müssen statistisch dem Kriterium der Eindimensionalität (Homogenität) genügen und bilden eine Skala. Je expliziter die dimensionale Struktur eines Verfahrens und die Homogenität der Skalen geprüft werden, desto psychometrisch fundierter kann eine Merkmalsdiagnostik erfolgen.Erst wenn sichergestellt ist, dass Befunde einer diagnostischen Erhebung unab­hängig von der konkreten Untersuchungssituation sind (Objektivität), Merkmals­ausprägungen genau abbilden und Personen zuverlässig voneinander trennen (Reliabilität) und genau das Merkmal abbilden, dass sie vorgeben zu messen (Validität), kann diese als psychometrisch gesichert gelten. Zudem sollte eine Normierung des Verfahrens vorliegen, damit der Befund in Bezug zu einer relevanten Referenzgruppe eingeordnet und interpretiert werden kann. Im Falle der Fremdbeobachtung durch unabhängige Dritte stellt die Übereinstimmung der Beurteiler ein zentrales Kriterium der Verlässlichkeit der Befunde dar.Inzwischen liegen mehrere Teststandards oder Leitlinien vor, deren Einhaltung Qualitätsstandards psychologischen Testens sicherstellen sollen (z. B. International Test Commission (ITC, 2000), DIN 33430, Moosbrugger & Höfling, 2010). Diese betreffen insbesondere (1) die Testkonstruktion und -prüfung, für die eine umfassende Orientierung an Gütekriterien verlangt wird, (2) die Testadaptation und -übersetzung, im Rahmen derer die psychometrische Äquivalenz von Testversionen sichergestellt werden muss, (3) die Testanwendung, die nach fachlichen und ethischen Standards erfolgen muss, sowie die Qualitätsbeurteilung psychologischer Tests nach definierten Standards.Da die fachgerechte Anwendung und Interpretation eine fundierte Kenntnis der testtheoretischen Grundlagen erfordert, dürfen nur Personen mit einer einschlägigen wissenschaftlichen Ausbildung psychologische Tests anwenden.

 

Verwendete Literatur

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