Allgemeine Psychologie

 

(= A.) [engl. general psychology], [EM, KOG], ist eines der großen Teilgebiete der Ps. In der A. werden Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wissen, Lernen, Problemlösen, Denken, Entscheiden, Sprachproduktion, Sprachverstehen (Sprachrezeption), EmotionMotivation und Psychomotorik behandelt. Allg. bedeutet, dass Erkenntnisse angestrebt werden, die einen hohen Grad an Allg.gültigkeit aufweisen. Forschungsgegenstand sind grundlegende Prinzipien psych. Funktionen, die für den durchschnittlichen, gesunden Erw. gelten. Es werden also nicht, wie in der Differentiellen Psychologie, Unterschiede zw. Menschen in der Ausprägung best. Merkmale betrachtet; es wird nicht, wie in der Entwicklungsps., die Veränderung im Lebenslauf analysiert. Viele der Erkenntnisse der A. sind auch zentral für andere Teilgebiete der Ps. und verwandter Fächer. So liefert die Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsps. die Grundlage für ergonomische Prinzipien der Gestaltung von Mensch-Maschine-Interaktionen (Mensch-Maschine-System). Die Sprachps. als Teil der A. liefert wichtige Befunde für das Verständnis der Interaktion von Individuen und Gruppen (soziale Interaktion), dem Forschungsgebiet der Sozialps. Lernförderung als Gegenstand der Päd. Ps. kann zielgerichteter erfolgen, wenn die Mechanismen der Speicherung, Konsolidierung und des Abrufs von Information im Gedächtnis bekannt sind. Analoges lässt sich für den Zus.hang von Motivationsps. als Teil der A. und der Verbesserung der Arbeitsmotivation in der Arbeits- und Organisationsps. sagen. Psychol. Psychoth. basiert häufig auf den grundlegenden Prozessen des Lernens und der Aufmerksamkeitssteuerung und nutzt auch Wissen der Motivationsps. Die Kenntnisse normaler emot. Reaktionen und kogn. Verarbeitung sind dabei Ausgangspunkt für das Verständnis und die Therapie emot. und Verhaltensstörungen in der Klin. Ps.

Aufgrund seiner Bedeutung für die gesamte Ps. ist die A. ein Grundlagenfach im Studium der Ps. In Dt. werden ihre Inhalte häufig mit zwei oder mehr Modulen (oft A. I und A. II) im Bachelorstudium repräsentiert, und die A. ist auch zentral in vielen Masterstudien, in denen sie oft mit versch. Begriffen (neben A. u. a. Kognitionsps., Kognition, Kogn. Ps., Exp. Ps., Grundlagen der Ps.) bez. wird. Wie kommt es zu dieser Begriffsvielfalt? Häufig wird die A. unterteilt in Kognitionsps. und Emotions- und Motivationsps. (s. Gebietsüberblicke Emotionsps. und Motivationsps., Kogn. Psy.). Kognition umfasst in Abgrenzung von Emotion und Motivation als Sammelbegriff alle mentalen Prozesse der Verarbeitung von Informationen, also die Mehrzahl der oben genannten Inhalte der A. Die zentrale Methode der A. ist das Experiment, die gezielte Manipulation von Faktoren, um deren Einfluss auf psych. Prozesse, letztlich auf Erleben und Verhalten, gezielt zu analysieren. Die A. ist methodologisch breit aufgestellt mit vielen Bezügen und fließenden Übergängen zu den Neurowiss., den Kognitionswiss. und Sprachwiss. In der A. werden neben obj. Verhaltensdaten wie Reaktionszeiten und subj. Daten für die Erlebensseite neurowiss. Daten erhoben. In der Theorienbildung werden auch die Techniken der mathemat. Modellbildung genutzt. Computersimulationen machen es möglich, Theorien so zu spezifizieren, dass die Konsequenzen  von Annahmen am Rechner studiert und direkt mit empirischen Daten verglichen werden können. Dies hat die Theorienbildung zur Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Information und ihre Nutzung zur Steuerung von Verhalten wesentlich stimuliert.

In der zeitlichen Abfolge der Forschungsorientierungen der A. spiegelt sich die Geschichte der Ps. insges. Man denke an die Psychophysik etwa ab Mitte des 19. Jhd., die Forschung zum Zus.hang von physischen Reizen und Wahrnehmungsphänomenen, mit Namen wie WeberFechner und Helmholtz. Wundt, sein 1879 gegründetes Experimentallabor und das darin realisierte Forschungsprogramm stehen am Beginn einer systematisch betriebenen exp. Ps. mit Schwerpunkt auf  allg.psychol. Phänomenen. Dt. Gestaltpsychologen wie WertheimerKöhler und Lewin versuchten in der ersten Hälfte des 20. Jhd. über die Betonung des Ganzen für die psych. Verarbeitung seiner Teile Prinzipien der Wahrnehmung und des Denkens herauszuarbeiten. Der grob zeitgleiche Behaviorismus (zentrale Vertreter Watson und Skinner) mit seiner strikten Ablehnung introspektiv gewonnener Daten und der ausschließlichen Orientierung am Verhalten nahm seinen Ausgang von der Erforschung von Lernphänomenen und bestimmte v. a. im angloamerik. Raum weite Bereiche der Ps. in der ersten Hälfte des 20. Jhd. Auch die bewusste Abwendung vom Behaviorismus, oft als kognitive Wende bez., ging von diesem Teilgebiet der A., der Lernps., aus.

Die wesentlichsten Impulse für die Forschung in der A. kamen in den letzten Jahrzehnten von einer immer weiteren Verfeinerung der exp. Methodik und der damit einhergehenden Verbesserung stat. Verfahren und von den Kognitionswiss. und den Neurowiss. Aktuelle Forschungsschwerpunkte der A. untersuchen das Erleben und Verhalten und die zugrundeliegenden kogn., motivationalen und emotionalen Prozesse und Funktionen. Dabei profitiert die A. von den enormen Fortschritten bei der Gewinnung von Daten über neuronale Strukturen und Prozesse. Insbes. bildgebende Verfahren haben es bspw. möglich gemacht, Erleben und Verhalten direkt auf ihre neuronalen Substrate zu beziehen. Dies hat etwa in der Emotionsps. völlig neue Erkenntnisse ermöglicht. Insges. ist die A. eines der forschungsstärksten Gebiete der Ps. mit hohem Internationalisierungsgrad. «Kein anderes theoret. Programm ist bisher in der Geschichte der Ps. ähnlich erfolgreich gewesen wie der theoret. Ansatz der modernen Kogn. Ps., der kogn. Leistungen als Ergebnis von Informationsverarbeitungsprozessen konzeptualisiert» (Prinz, Müsseler, 2008, 9).

Referenzen und vertiefende Literatur

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