Alltagspsychologie

 

(= A.) [engl. psychology of daily life/everyday life], [KOG, PER, SOZ], meint entweder die vorwiss., populäre, nicht reflektierte (naive) Ps. (Populärpsychologie) oder eine Richtung der wiss. Persönlichkeitspsychologie und Sozialpsychologie, die sich mit dem Erleben und Verhalten der Menschen unter den alltäglichen Bedingungen befasst. Die Begriffsbildung ist uneinheitlich und es gibt einige mehr oder minder syn. Begriffe: alltagsnahe Psychologie, Alltagstheorien. Zu den Vorläufern der A. gehören auch die ersten Entwicklungspsychologen mit ihren Verhaltensbeobachtungen von Kindern (mentalistische Alltagspsychologie), Lewin mit seinem Interesse an den dynamischen Wechselbeziehungen zw. dem Individuum und der sozialen Umwelt, die Forschung von Barker und Mitarbeitern mit sehr genauen Verhaltensbeobachtungen in natürlichen behavior settings (behavior setting) sowie die Zeitbudgetforschung, welche untersucht, wofür die Menschen ihre Zeit verwenden. A. wird von Lehr und Thomae (1991) als Tageslaufanalyse, u. a. in wichtigen Lebensabschnitten wie Berufsausbildung oder Familiengründung verstanden: «Da psychisches Geschehen sich in erster Linie im Alltag abspielt und von ihm gar nicht zu trennen ist, können wir seinen Verlauf und seine Struktur überhaupt nur kennenlernen, wenn wir Einblick in seine alltäglichen Erscheinungsweisen gewinnen.» Es kommt auf «reale Lebensumstände und ihre kog. Repräsentation» an. Der indiv. Lebensraum des Menschen, die Sinngebung dieser Lebenswelt und die allg. Phänomenologie (Phänomen, Phänomenologie) der Lebenswelt haben auch in versch. geistes- und sozialwiss. Richtungen großes Interesse gefunden (u. a. Alfred Schütz), jedoch kaum zu empirischen Erhebungen geführt. In vielen Fragestellungen der Arbeitspsychologie, Sozialps., Schulpsychologie, Freizeitps. usw. geht es direkt um das Alltagsgeschehen. In seiner wissenschaftstheoretischen und politischen Kritik an der Allgemeinen Ps. hatte Klaus Holzkamp betont, der wirkliche, lebendige, historische Mensch sei das eigentliche Thema der Ps., nicht ein abstraktes, isoliertes Individuum. Die anschließenden Diskussionen zeigten, wie schwierig es angesichts der unterschiedlichen Wertesysteme und Absichten aller beteiligten Personen ist, die Relevanz einer psychol. Aussage zu bewerten. In neuerer Zeit kritisierte u. a. Sam Gosling die Tendenz der heutigen Sozialps., viele Fragestellungen unter künstlichen Laborbedingungen mit computerunterstützten Simulationen oder Modellierungen und mit fragwürdiger Generalisierbarkeit (mangelnder ökologischer Validität) zu analysieren, statt soziales Verhalten unter Alltagsbedingungen zu erforschen (naturalistische Methode). In der sich heute weitgehend auf Fragebogen stützenden Persönlichkeitsforschung sehen Baumeister, Vohs und Funder (2007) eine Forschung, die sich eher auf Fingerbewegungen (beim Ankreuzen der Antworten oder der Bedienung einer Tatstatur) statt auf das tatsächliche Alltagsverhalten bezieht.

Die A. hat mehrere ineinander verschachtelte Perspektiven. Auch in wiss. Theorien mischen sich oft noch vorläufige oder unzureichend geprüfte Annahmen und in die Alltagstheorien durchaus auch psychol. Forschungsergebnisse. So vermitteln Bücher und Massenmedien viele Begriffe und Erklärungsversuche, z. B. aus Psychoanalyse, populärer Stresstheorie oder reduktionistisch vereinfachter Neurowissenschaft. Wenn Psychologen Fragebogen und Interview verwenden, könnten sie mit den erhaltenen Antworten auch Komponenten der Alltagstheorien in ihre eigenen Konzeptionen importieren. Im Einzelfall, d. h. in akt. Selbstberichten, z. B. über psych. Probleme und Erkrankungen, kann die Differenzierung zw. den indiv. und konventionellen Alltagstheorien (subj. Krankheitstheorien) und den indiv. zutreffenden Bedingungen schwierig sein. Deshalb muss sich die wiss. Alltagsps. mit den subj. Theorien der untersuchten Personen auseinandersetzen, um das Risiko zu verringern, eben jene populären Konzepte zu reproduzieren. Die methodenkritische wiss. A. sucht Erklärungen in zweierlei Hinsicht: für das Alltagsgeschehen selbst und für die naiven Alltagstheorien, welche sich die Menschen über dieses Alltagsgeschehen bilden. Es mangelt nicht an theoretischen Reflexionen über die A., doch besteht ein Kontrast zu den oft sehr begrenzten empir. Untersuchungen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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