Anlage-Umwelt

 

[engl. nature-nurture/gene-environment], [EW, PER], sind ein Begriffspaar, das die Frage beschreibt, wie stark bestehende Unterschiede in der Persönlichkeit von Mitgliedern einer best. Altersgruppe und Kultur durch genetische Unterschiede (Genetik) zw. ihnen oder durch Unterschiede in ihrer bisherigen Umwelt bedingt sind. Diese Frage betrifft also die Persönlichkeitsentwicklung. Während diese Frage in der Öffentlichkeit oft kontrovers diskutiert wird, weil genetische und Umwelteinflüsse als Ggs. angesehen werden, besteht in der Ps. inzw. eine breite Übereinstimmung darin, dass sie vielmehr in Wechselwirkung über die Zeit stehen, da genetische Unterschiede Einfluss auf die Umwelt und Umweltunterschiede Einfluss auf die Genaktivität (z. B. durch epigenetische Programmierung) nehmen können. Von «Anlage» wird dabei nicht mehr gesprochen, da dieser Begriff zu unscharf ist.

Meth. lassen sich zwei Ansätze unterscheiden. In der Verhaltensgenetik [engl. behavior genetics] wird der Einfluss von genetischen und Umweltunterschieden auf Persönlichkeitsunterschiede indirekt geschätzt mithilfe des Vergleichs der Persönlichkeitsähnlichkeit von Personen-Paaren unterschiedlicher genetischer Ähnlichkeit. Zentrale Annahme ist, dass eine größere Persönlichkeitsähnlichkeit bei genetisch enger verwandten Paaren als genetischer Effekt interpretiert werden kann. Quantitativ wird hierbei die Heritabilität h² (Heritabilitäts-Index bzw. -Koeffizient) geschätzt (der Anteil der genetischen Varianz in der betrachteten Altersgruppe an der Varianz der Persönlichkeitsunterschiede). Der nicht erklärte Rest 1-h² beruht dann auf der Varianz des Messfehlers und der Umweltvarianz (wird nicht für die Varianz des Messfehlers korrigiert, wird der Umwelteinfluss überschätzt).

Die Heritabilität wird direkt geschätzt durch die Differenz zw. der Korrelation der Persönlichkeitseigenschaft zw. genetisch identischen Paarlingen (eineiige Zwillinge) und der Korrelation dieser Eigenschaft zw. genetisch nicht verwandten Paarlingen (Adoptivgeschwister). Meist werden jedoch eineiige mit zweieiigen Zwillingen verglichen (Zwillingsmethode) oder Adoptivgeschwister mit leiblichen Geschwistern (Adoptionsmethode); in diesen Fällen schätzt die Korrelationsdifferenz nur 50% des genetischen Einflusses, da zweieiige Zwillinge und leibliche Geschwister zu 50% genetisch identisch sind. Deshalb schätzen Zwillings- und Adoptionsmethode den genetischen Einfluss durch die doppelte Korrelationsdifferenz. Da Zwillinge und Adoptivgeschwister nicht repräsentativ für die Bevölkerung sind (z. B. eingeschränkte Variabilität vieler Persönlichkeitseigenschaften von Adoptivkindern aufgrund ihrer Vermittlung in möglichst stabile Adoptivfamilien), sind beide Methoden fehleranfällig, wobei sich die Fehler aber oft gegenseitig aufheben, wenn Daten möglichst vieler unterschiedlicher Geschwistertypen (z. B. auch Halbgeschwister) gleichzeitig zur Schätzung herangezogen werden (Kombinationsmethode).

Hauptergebnisse der auf inzw. sehr großen Geschwisterstichproben beruhenden Schätzungen sind, dass nach Kontrolle des Messfehlers Unterschiede in der Intelligenz und den fünf Hauptfaktoren der Persönlichkeit (BIG FIVE) zu etwa 50% durch genetische Unterschiede und zu etwa 50% durch Umweltunterschiede bedingt sind, wobei die Schätzungen von der betrachteten Persönlichkeitseigenschaft und z. T. auch von der betrachteten Altersgruppe abhängen (so nimmt z. B. der genetische Einfluss auf Intelligenzunterschiede bis zum Erreichen des Rentenalters zu bis auf ca. 80%).

Bei Einstellungen variieren die Schätzungen allerdings stark. So wurde in einer großen australischen Zwillingsstudie 0% genetischer Einfluss für die Einstellung zur Koedukation, aber über 50% genetischer Einfluss für die Einstellung zur Todesstrafe gefunden. Letzteres wurde in Nachfolgestudien in den USA weitgehend durch Intelligenzunterschiede und andere genetisch beeinflusste Persönlichkeitseigenschaften erklärt (z. B. je höher die Intelligenz, desto neg. die Einstellung zur Todesstrafe). Dieses Bsp. illustriert, dass korrelativ identifizierte genetische Einflüsse auf eine Persönlichkeitseigenschaft nicht direkt kausal (Kausalität) interpretiert werden dürfen, da sie höchst indirekt vermittelt sein können über genetische Einflüsse auf andere Eigenschaften, die mit der betrachteten Eigenschaft korreliert sind (stat.: sie mediieren den genetischen Einfluss; Mediatorvariable).

Zudem muss berücksichtigt werden, dass es Korrelationen zw. genetischen und Umweltunterschieden gibt, die ebenfalls mit dem Alter variieren können (z. B. zunehmende Passung zw. Genom und Umwelt im Falle von Intelligenz). Diese Korrelationen können schon bei der Zeugung vorhanden sein, da Kinder mit jedem Elternteil zu 50% genetisch identisch sind und die Eltern sich aufgrund ihrer Persönlichkeit in best. Umwelten befinden (passive Genom-Umwelt-Korrelation). Die Korrelation kann dann im Verlauf der Entwicklung zunehmen durch aktive Auswahl von Umwelten, die zur eigenen genetischen Ausstattung passen (aktive Genom-Umwelt-Korrelation) und zu- oder abnehmen durch Reaktion der sozialen Umwelt auf diese genetische Ausstattung (reaktive Genom-Umwelt-Korrelation). Z. B. wird die Zunahme des genetischen Einflusses auf Intelligenzunterschiede durch abnehmende passive und zunehmende aktive Genom-Umwelt-Korrelation erklärt. Ein Beleg für die Genom-Umwelt-Korrelation bei Intelligenz ist die Tatsache, dass der IQ zw. Ehepartnern ähnlich hoch korreliert wie zw. Eltern und ihren leiblichen Kindern (engl. assortative mating); diese Korrelation aufgrund der Partnerwahl kann durch alle drei Formen der Genom-Umwelt-Korrelation zustande kommen.

In der Molekulargenetik [engl. molecular genetics] (Verhaltensgenetik) werden Unterschiede im Genom mit Unterschieden in der Persönlichkeit korreliert. Da das menschliche Genom erst nach 2000 weitgehend entschlüsselt wurde, ist hierzu noch wenig bekannt, zumal die sehr große Zahl möglicher relevanter Gene (Tausende der ca. 24 000 menschlichen Gene) es schwer macht, gefundene Korrelationen für einzelne Gene von Zufallsbefunden abzugrenzen. Bisher ist kein einziges Gen bekannt, dessen häufigere Varianten überzufällig mit Persönlichkeitsunterschieden korrelieren (die seltenen pathologischen Gene der Humangenetik ausgenommen). Alternativ werden deshalb neuerdings genomweite Assoziationsstudien (GWAS) [engl. genome-wide association studies] durchgeführt, in denen interindividuelle Unterschiede in Tsd. von Genen simultan an Tsd. von Personen mit Persönlichkeitsunterschieden dieser Personen korreliert werden. Wenn dabei auch die Korrelationen der einzelnen Gen-Varianten untereinander berücksichtigt werden, konnten so Unterschiede in der Intelligenz älterer Menschen zu etwa 50% durch Unterschiede in ihren Genomen erklärt werden, was die Schätzungen der Verhaltensgenetik weitgehend bestätigt. Verhaltensgenetik.

Referenzen und vertiefende Literatur

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