Anna O.

 

(= A.), [KLI], hinter der Falldarstellung des Fräulein A. verbirgt sich die Krankengeschichte der Bertha Pappenheim (1860–1936), die in dem 1895 erstmals erschienen Buch «Studien über Hysterie» von Breuer und Freud veröffentlicht wurde. Viele Autoren bez. die Fallgeschichte als einen Entstehungsmythos der Psychoanalyse. Breuer beschrieb in der Fallgeschichte die hysterische Erkrankung von A., die als 21-Jährige (1880), kurz nach der schweren Erkrankung ihres Vaters, erste Symptome entwickelte. Diese äußerten sich als Störungen in der Sprache (über einige Abschnitte der Behandlung gelang es ihr nur, auf Engl. zu sprechen, jedoch weiterhin Dt. zu verstehen), Lähmungserscheinungen der Nackenmuskulatur, Arme und Beine, Sehstörungen, Somnambulismus, Halluzination sowie den Wechsel zw. zwei getrennten, unabhängigen Bewusstseinszuständen (Bewusstsein), bei denen sie sich in dem einen Zustand nicht an den anderen zu erinnern vermochte. Breuer unterteilte den Krankheitsverlauf in vier versch. Phasen: (1) die latente Inkubation, (2) die manifeste Erkrankung, (3) eine Periode von Somnambulismus, der sich mit «normalen» Zuständen abwechselte, (4) die allmähliche Auflösung der Zustände und Phänomene. Er sah in der Symptomatik von A. einen psych. Ursprung und entwickelte im Verlauf der Behandlung ein Verfahren, bei dem ihm A. unter Hypnose Geschichten erzählte. Dies trug zu einer Linderung und dem schließlichen Verschwinden ihrer Symptome bei. A. selbst prägte für dieses Verfahren die Begriffe talking cure [Redekur] und chimney-sweeping [Kaminfegen], Breuer bez. die Vorgehensweise als kathartisches Verfahren (Kartharsis). Als es ihm gelang, eine erste Deutung in Bezug auf A. zw.zeitlich vollkommenen Verlust der Sprache zu geben (dass sie durch etwas sehr gekränkt sein müsse und beschlossen habe, nicht mehr darüber zu reden), konnte A. wieder sprechen und einige Lähmungserscheinungen gingen zurück. Breuer beschrieb im weiteren Verlauf, dass die hysterischen Phänomene verschwanden, sobald es der Pat. unter Hypnose gelang, das symptomauslösende Ereignis zu reproduzieren. Heute ist bekannt, dass A., entgegen Breuers Darstellung, nach der Behandlung nicht vollkommen geheilt war. Dennoch stellt der Fall eine neue Behandlungsmethode dar, die Freud später für die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie fruchtbar machen konnte.

Verwendete Literatur

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