Antisemitismus

 

(= A.) [engl. anti-semitism, antisemitism], [SOZ, PER], Sammelbez. für alle Einstellungen (Einstellung) und Verhaltensweisen, mit denen die als Juden wahrgenommenen Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen aufgrund dieser Zugehörigkeit diskriminiert werden (Antisemitismusbericht, 2011).

Begriffsherkunft: Von antisemitischen Vorurteilen sprach erstmals der Orientalist Moritz Steinschneider im Jahre 1860 in seiner Auseinandersetzung mit dem frz. Religionswissenschaftler Ernest Renan. Die Wortschöpfung A. wurde als polit. Schlagwort von Wilhelm Marr, einem judenfeindlichen Publizisten, um 1879 eingeführt. Der Terminus A. knüpft an die Bez. Semiten an, die wiederum auf die alttestamentarische Völkertafel (Mose, 1, 10) verweist: Sem, der älteste Sohn Noahs, wurde Stammvater Abrahams und des Volkes Israel, aber auch Ahnvater aller semitischen Völker. Zu den Semiten gehören auch aus heutiger Sicht sehr heterogene Völkergruppen (z. B. Araber, Israelis, Malteser), sodass das Wort A. i. S. der Judenfeindschaft eigentlich irreführend ist.

Judenhass und A.: Der Judenhass (des frühen und späten Mittelalters) war überwiegend christlich-religiös motiviert und entlud sich in brutaler Gewalt (Pogromen) gegenüber den Juden. Der A., der sich in der Zeit zw. 1750 und 1850 herausbildete, stützt sich auf einen politisch propagierten Rassismus, der letztlich zur systemat. Vernichtung von mehr als 6 Mio. Juden im Nationalsozialismus führte.

Erscheinungsformen: Da es bis heute keine allg.gültige Def. des A. gibt, finden sich in der Literatur zur Bez. der Judenfeindschaft entweder traditionelle Begriffe wie Judenhass oder Antijudaismus oder Begriffe mit Beifügungen (z. B. bürgerlicher A., völkischer A., linker A.). Im Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002 bis, 2012), in dem die Forscher zehn Jahre lang auch die Entwicklung des A. analysierten, werden folg. Facetten gegenwärtiger antisemitischer Einstellungen unterschieden: (1) klassischer A., mit dem die offene Abwertung von Juden auf der Basis tradierter Stereotype beschrieben wird, (2) sekundärer A., der durch Relativierung und Leugnung (Auschwitzlüge, Schlussstrichdebatte) der nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden gekennzeichnet ist, (3) antisemitische Separation, mit der die indirekte Abwertung von dt. Juden durch den Zweifel an ihrer Loyalität zu Dt. bez. werden soll, (4) israelbezogener A. als die Übertragung der Kritik an der Politik Israels auf alle Juden und (5) NS-vergleichende Israelkritik, die die israelische Palästinenserpolitik mit der Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus unzulässig gleichsetzt.

Grauzonen: In neueren Alltagsdiskursen werden nicht selten die Grenzen zw. A. und kritischen Äußerungen gegenüber Israel (Israelkritik) bewusst oder unwissentlich verwischt. Ein Vorschlag, die Übergänge zw. einer vermeintlichen Israelkritik und Formen des A. genauer zu def., ist der von dem israelischen Politiker Natan Sharansky (2004) vorgeschlagene 3D-Test: A. liege dann vor, (1) wenn unter dem Deckmantel einer Kritik an Israel der Staat dämonisiert werde (z. B. wenn israelische Bürger als Nazis bez. werden), (2) ein Doppelstandard angelegt (z. B. wenn die israelische Politik mit anderen Maßstäben gemessen wird als die ähnliche Politik anderer Regierungen) oder (3) eine Delegitimierung Israels betrieben werde (z. B. wenn dem Staat Israel die Existenzberechtigung abgesprochen wird).

Theorien des A.: Neben psychoanalyt., soziolog. und geschichtswiss. Erklärungen haben v. a. persönlichkeits- und sozialpsychol. Ansätze (z. B. Theorie der autoritären Persönlichkeit, Sündenbock-Theorie, Frustrations-Aggressions-Hypothese, Social Identity Theory (Identität und Selbst)) die Erforschung antisemitischer Einstellungen und Handlungen vorangetrieben (Beyer, 2015).

Gegenwärtig Schwerpunkte der A.-Forschung: Ausmaß und Entwicklung antisemitischer Einstellungen und Straftaten in Dt. und Europa, A. in politischen Bewegungen, antisemitische Einstellungen bei Migranten und Muslimen, A. in den klassischen und sozialen Medien, soziale und politische Instabilitäten und A. (Grimm & Kahmann, 2018).

Verwendete Literatur

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