Arbeitslosigkeit

 

(= A.) [engl. unemployment], [AO, WIR], drei Merkmale von A. sind wesentlich für eine Definiton: (1) Nichtvorhandensein einer Erwerbsarbeit, (2) Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt und (3) Suche nach Erwerbsarbeit. Die Umsetzung dieser Kriterien variiert von Land zu Land etwas. Dt. Arbeitslose dürfen bspw. bis zu 15 h pro Woche einer Erwerbsarbeit nachgehen, in anderen Ländern wie z. B. Japan ist es deutlich weniger. Die Hauptfragen und -themen der psychol. Forschung zur A. sind nach Paul & Moser (2007):

(1) Existiert ein Zusammenhang zw. A. und psychischer Gesundheit? Wenn ja, ist dann die Arbeitslosigkeit tatsächlich ursächlich verantwortlich für Veränderungen der psychischen Gesundheit? Gemäß Ergebnissen von Metaanalysen lässt sich ein Zusammenhang zw. A. und psych. Gesundheit zweifelsfrei nachweisen (Paul & Moser, 2009). Der Unterschied zw. Erwerbstätigen und Arbeitslosen ist demnach von mittlerer Stärke, was mit erheblichen praktischen Auswirkungen einhergeht. Unter den Arbeitslosen haben nämlich durchschnittlich 34% der untersuchten Personen mit nennenswerten psych. Problemen zu kämpfen, während der entspr. Anteil unter Erwerbstätigen nur 16% beträgt. Die neg. Effekte der Arbeitslosigkeit beziehen sich auf ein breites Spektrum von Indikatoren psych. Gesundheit: unspezif. Störungssymptome, Depressionssymptome, Angstsymptome, Lebenszufriedenheit/emot. Wohlbefinden sowie Selbstwertgefühl. Bei all diesen Variablen zeigen sich Unterschiede zw. Arbeitslosen und Erwerbstätigen, wobei für psychosomatische Störungssymptome die Unterschiede nur schwach ausfallen. Bei psychosomatischen Symptomen (Psychosomatik) handelt es sich um Gesundheitseinschränkungen wie z. B. Rücken- oder Kopfschmerzen, die zwar körperlich lokalisiert sind, bei denen aber eine psych. Mitverursachung anzunehmen ist.

(2) Moderatoren des Zusammenhangs zw. A. und psychischer Gesundheit: Metaanalytische Moderatoranalysen (Moderatorvariable) zeigen, dass Männer stärker unter A. leiden als Frauen (Paul & Moser, 2009). Angehörige gewerblich-technischer Berufe werden von A. stärker beeinträchtigt als Angehörige von Büroberufen, was vermutlich durch die unterschiedlichen finanziellen Ressourcen beider Gruppen zu erklären ist. Ein weiterer Moderator ist die Dauer der A.: Je länger Menschen arbeitslos sind, desto mehr verschlechtert sich ihr Befinden. Ein möglicher Adaptationseffekt bei sehr langer A.dauer erscheint dabei wahrscheinlich, konnte aber noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Ländervergleiche zeigen, dass der ökonomische Entwicklungsstand einen moderierenden Einfluss ausübt: In reicheren Ländern wirkt sich A. weniger gravierend auf die psych. Gesundheit aus als in ärmeren Ländern (Paul & Moser, 2009). Die Einkommensverteilung spielt aber ebenfalls eine Rolle, da Arbeitslose in egalitäreren Ländern besser mit ihrem Schicksal zurechtkommen als in Ländern, die durch eine stark ungleiche Verteilung finanzieller Ressourcen gekennzeichnet sind. Eine vermittelnde Rolle dürfte hierbei vermutlich die Generosität des staatlichen Arbeitslosenunterstützungssystems spielen, eine Annahme, für die sich auch empirische Hinweise finden.

(3) Führt A. zu psych. Beanspruchung oder psych. Beanspruchung zu A.? Die Tatsache eines querschnittlichen Zusammenhangs zw. A. und psych. Gesundheit erlaubt noch nicht die Schlussfolgerung, dass A. sich ursächlich auf das Befinden auswirkt, also sozusagen «krank macht» (Evidenzbasierung, Kausalität). Es ist z. B. denkbar, dass Menschen mit einem schlechten seelischen Befinden leichter ihre Stelle verlieren als gesundheitlich nicht eingeschränkte Personen. Ebenfalls denkbar ist, dass Personen mit eingeschränkter psych. Gesundheit, wenn sie erst einmal arbeitslos geworden sind, länger brauchen, um wieder in ein Beschäftigungsverhältnis zurückzufinden. Motivationsprobleme bei der Arbeitssuche könnten hierfür Gründe sein, aber auch neg. Auswahlentscheidungen potenzieller Arbeitgeber, die z. B. eine depressionsbedingte traurige Mimik oder selbstkritische Äußerungen im Interview zum Anlass nehmen könnten, Ablehnungen auszusprechen. Metaanalysen der inzw. mehreren Dutzend Längsschnittstudien im Bereich der psych. A. zeigen, dass Arbeitsplatzverluste mit einer deutlichen Verschlechterung des psych. Befindens einhergehen, während der Wiedereintritt in die Erwerbsarbeit nach einer Phase der A. von einer deutlichen Verbesserung des Befindens begleitet wird. Bei Jugendlichen zeigt sich, dass ein Wechsel von der Schule in die Erwerbsarbeit ebenfalls mit einer deutlichen Verbesserung der psych. Gesundheit einhergeht. Junge Menschen, die im Ausbildungssystem verbleiben und z. B. ein Studium aufnehmen, zeigen eine leichte Verbesserung der psych. Gesundheit. Junge Menschen hingegen, die nach der Schule keine Stelle finden und arbeitslos werden, zeigen keine signifikante Verschlechterung ihres Befindens. A. blockiert also offensichtlich die pos. Entwicklung der psych. Gesundheit, die sich normalerweise in dieser Altersphase beobachten lässt. Insges. sprechen diese längsschnittlichen Ergebnisse für eine Verursachung von psych. Beanspruchungssymptomen durch die A., da auf Wechsel des Erwerbsstatus jeweils Wechsel des Befindens folgen, die auf einen neg. Effekt von Arbeitslosigkeit hindeuten. Der Umstand, dass eine Kausalwirkung von der A. zur psych. Gesundheit belegbar ist, schließt die Existenz anderer Erklärungsmuster aber noch nicht aus. Konfundierende Variablen und gesundheitsbezogene Selektionseffekte auf dem Arbeitsmarkt könnten ebenfalls wirksam sein und zumindest einen Teil des Befindensunterschieds zw. Arbeitslosen und Erwerbstätigen erklären. Es liegen inzw. auch metaanalytische Befunde vor, die die Existenz der angesprochenen Selektionseffekte bestätigen (Paul & Moser, 2009). Erwerbstätige, die in naher Zukunft ihre Stelle verlieren werden, unterschieden sich schon vorher dahingehend von Erwerbstätigen, die ihre Stelle nicht verlieren werden, dass sie schon vor der Kündigung eine eingeschränkte seelische Gesundheit aufweisen. Unter Arbeitslosen hat eine eingeschränkte seelische Gesundheit ebenfalls neg. Auswirkungen, da sie die Wahrscheinlichkeit reduziert, bald einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Bei Jugendlichen zeigt sich ein ähnliches Bild: Jugendliche, die nach der Schule arbeitslos werden, weisen schon in der Schule ein schlechteres psych. Befinden auf als Jugendliche, die nach der Schule rasch eine Stelle finden werden.

(4) Welche Aspekte der A. beeinträchtigen die psych. Gesundheit? Der Befund, dass A. psych. Leiden auslöst, führt zu der Frage, wodurch dieser Effekt vermittelt wird. Nach der Theorie von Jahoda (1983; Jahoda, Marie) werden die neg. psych. Effekte der Erwerbslosigkeit durch Mangelerlebnisse verursacht, zu denen der Verlust eines Arbeitsplatzes führt. Zum einen ist hier der rein ökonomische Mangel zu nennen (= Deprivation der manifesten Funktion der Erwerbsarbeit). Dieser ökonomische Mangel ist nach Meinung von Jahoda in der heutigen Zeit aber deutlich weniger gravierend als früher, bspw. während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Unabhängig hiervon führt A. aber auch noch zu einem Mangel in einigen psych. wichtigen «Erfahrungskategorien», die die Erwerbsarbeit normalerweise verfügbar macht (= Deprivation der latenten Funktionen der Erwerbsarbeit). Die Autorin nennt fünf Kategorien: «die Auferlegung einer festen Zeitstruktur, die Ausweitung der Bandbreite sozialer Erfahrungen in Bereiche hinein, die weniger stark emot. besetzt sind als das Familienleben, die Teilnahme an kollektiven Zielsetzungen oder Anstrengungen, die Zuweisung von Status und Identität durch die Erwerbstätigkeit und die verlangte regelmäßige Tätigkeit» (Jahoda, 1983, 99). Es muss allerdings festgestellt werden, dass in empirischen Studien regelmäßig auch die finanzielle Situation eine bedeutsame Rolle bei der Erklärung des psych. Befindens spielt.

Nach der Inkongruenz-Hypothese (Paul & Moser, 2006) liegt bei Arbeitslosen eine Inkongruenz zw. Arbeitswerten und persönlicher arbeitsbezogener Lebensrealität vor, die zu Einschränkungen der psych. Gesundheit führen kann. Arbeitslose zeichnen sich demnach typischerweise durch eine hohe Wertschätzung der Erwerbsarbeit aus, die aber mit der tatsächlichen Lebenssituation konfligiert. Metaanalysen zur Arbeitsbindung von Erwerbstätigen und Arbeitslosen ergaben in der Tat hypothesenkonforme Resultate: Zum einen unterscheiden sich beide Gruppen nur schwach bzgl. ihres Employment Commitment, also ihrer inneren Bindung an die Erwerbsarbeit. Beide Gruppen sind durch hohe Ausprägungen dieser Variable gekennzeichnet. Dies führt dazu, dass sich Arbeitslose in einer Inkongruenz-Situation befinden (hohe Arbeitsbindung bei Fehlen von Arbeit), nicht aber Erwerbstätige (hohe Arbeitsbindung bei Vorhandensein von Arbeit). Zudem lässt sich belegen, dass inkongruente Ausprägungen der Arbeitsbindung jew. mit eingeschränkter psych. Gesundheit einhergehen. Bei Arbeitslosen bedeutet dies, dass Personen, denen Arbeit sehr wichtig ist, stärker leiden als Personen, die Arbeit als weniger wichtig ansehen. Umgekehrt zeigen Erwerbstätige, die der Arbeit eine zentrale Rolle in ihrem Leben einräumen, ein besseres Befinden als Erwerbstätige, die Arbeit als wenig bedeutsam für ihr Leben ansehen. Je nachdem, ob man Arbeit hat oder nicht, geht eine hohe Arbeitsbindung also entweder mit einem bes. guten oder einem bes. schlechten psych. Gesundheitszustand einher. Eine inkongruente, also nicht zur gegenwärtigen Arbeitssituation passende Arbeitsbindung ist jew. mit Gesundheitseinschränkungen korreliert. Da sich Arbeitslose insges., als Gruppe, in einer Inkongruenzsituation befinden, ist daher eine schlechtere psych. Verfassung zu erwarten und empirisch auch nachweisbar.

(5) Interventionen für Arbeitslose: Das Interesse psychol. orientierter Forscher bestand bisher zumeist darin, die Wirksamkeit best. Maßnahmen im Hinblick auf ihre psych. Auswirkungen zu evaluieren. Es geht dabei letztlich darum, die Standardfragestellung, ob eine Maßnahme denn die Vermittlungsquote erhöhe, zu ergänzen um einige «weichere», aber deshalb nicht weniger relevante Kriterien. Typischerweise wurden dabei Trainings evaluiert, die eine Mischung aus Qualifizierungs-, Sozial- und Bewerbungstraining darstellen. Einige der Untersuchungen zur Wirksamkeit solcher Trainings sind von sehr hoher meth. Qualität wie z. B. die Evaluation des JOBS-Programms, bei der eine große Stichprobe, die bzgl. demografischer Charakteristika der US-Arbeitslosenpopulation sehr ähnelte, mittels eines Kontrollgruppendesigns mit Zufallszuteilung der Untersuchungsteilnehmer zu den Untersuchungsgruppen über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet wurde (Vinokur et al., 2000). Dabei zeigte sich, dass das JOBS-Programm, das sich in erster Linie der Vermittlung von Bewerbungstechniken und -fähigkeiten widmet, einen deutlich pos. Effekt sowohl auf die Wahrscheinlichkeit der Wiederbeschäftigung als auch auf die psych. Gesundheit hatte.

(6) Outplacementberatung: Bei Outplacement (= O.) handelt es sich um eine Maßnahme, die deutliche Überschneidungen mit einem klass. Anwendungsfeld der angewandten Ps. aufweist, nämlich der Karriereberatung. Die zunehmende Verbreitung von O.beratung auch in Dt. ist eine noch recht neue Entwicklung. Das entlassende Unternehmen übernimmt also die Kosten der Beratung, was zunächst überraschen mag, aber plausibel wird, da Unternehmen auf diese Weise teure Rechtsstreitigkeiten vermeiden und lange Restlaufzeiten teurer Arbeitsverträge verkürzen können. Zudem wirkt es sich pos. auf das Unternehmensimage und das Klima innerhalb des Unternehmens aus, wenn deutlich wird, dass das Unternehmen auch im Falle einer Trennung zu seiner Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter steht. Inhaltlich kann die O.beratung, die zumeist als Einzelberatung stattfindet, in drei Phasen untergliedert werden (Heizmann, 2003). (1) In der ersten Phase, die der Situationsanalyse und der Zielsetzung gewidmet ist, werden die Trennungsgründe analysiert und die häufig traumatische Trennungserfahrung emot. verarbeitet. Dann wird – u. a. mithilfe psychol. Testverfahren – ein Stärken- und Schwächenprofil erstellt, woraufhin die beruflichen Ziele des Klienten geklärt werden. Die Leitfragen dieser Phase lauten: «Was kann ich? Was will ich? Was braucht der Markt?» (2) Die zweite Phase dient der Vorbereitung der Bewerbungskampagne. Hier werden die notwendigen Bewerbungsunterlagen wie Anschreiben und Lebenslauf formuliert und Arbeitszeugnisse überprüft und ggf. zu ändern versucht, z. B. indem man mit dem Verfasser die Intention best. Formulierungen bespricht und ggf. auf Änderung dringt. Zudem werden mögliche Zugangswege zum Stellenmarkt ermittelt, wobei der verdeckte Stellenmarkt besondere Aufmerksamkeit erhält. Dieser kann bspw. durch Kontaktnetzarbeit und Initiativbewerbungen erschlossen werden. Außerdem wird in dieser Phase versucht, das Kommunikationsverhalten des Klienten zu optimieren, sodass er in Bewerbungsgesprächen einen möglichst günstigen Eindruck vermitteln kann (z. B. Rollenspiele, Videofeedback). (3) Die dritte Phase ist der Durchführung der Bewerbungskampagne im Arbeitsmarkt gewidmet. Hier nimmt sich die Outplacementberaterin (zumeist üben Frauen diese Beratungstätigkeit aus) zunehmend zurück und beschränkt sich auf eine Supervisions- und Coachingfunktion (Coaching).

Verwendete Literatur

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