Austauschforschung

 

(= A.) [engl. exchange research], [SOZ], ein Sammelbegriff für sprach- und sozialwiss., historische und päd. Untersuchungen zu interkultureller Kommunikation und Fremdverstehen. Im dt. Sprachraum sind seit etwa 1980 verstärkte Bemühungen registrierbar, Bedingungen, Verlauf und Effekte interkultureller Begegnungen im Kontext der Angewandten Sozialps. zu erforschen und für die Praxis einer Integration dt. Spätaussiedler, ausländischer Arbeitnehmer und Studenten für den Schüler- und Studentenaustausch, die Planung und Durchführung internat. Jugendbegegnungsveranstaltungen, die Auswahl und Vorbereitung dt. Entwicklungshelfer und anderer Arbeitskräfte für deren Tätigkeit im Ausland, nicht zuletzt auch für eine sensibilisierende landeskundliche Information und Einstellungsbildung dt. Touristen und zur Reiseleiterschulung fruchtbar zu machen (Breitenbach et al., 1986, Thomas, 1983, 1984). Als neues Tätigkeitsfeld für Arbeits- und Organisationspsychologen ist – im Zusammenwirken mit Pädagogen, Soziologen, Kulturanthropologen und Betriebswirtschaftlern – in den 1990er-Jahren auch im dt.sprachigen Raum der Aufgabenbereich «intern. bzw. interkulturelles Management» systematisch erschlossen worden (Dülfer, 1991). Aufträge multikult. engagierter Unternehmen gelten vorwiegend der Planung, Durchführung und Evaluation versch. Typen von Vorbereitungs- und Trainingsmaßnahmen für Fach- und Führungskräfte im Auslandseinsatz (Thomas & Hagemann, 1992); darüber hinaus gelten sie jedoch zunehmend der Beratung und Begleitung der technischen, sozialen und kul. Organisation des Auslandsgeschäfts im Ganzen. Schwerpunkte der sozialwiss. Projekt- und Beratungstätigkeit sind die Managementbereiche Verhandeln, Führungsstile, Zusammensetzung multikultureller Arbeitsteams, Marketing und Werbung im fremdkulturellen Kontext (Hofstede, 1980, Berry et al., 1996). Trainingsveranstaltungen werden entweder kulturübergreifend durchgeführt (z. B. mithilfe der Critical Incident Technique und der Culture-Assimilator-Programme (Brislin et al., 1986)) oder kulturspezifisch angelegt. Ausgearbeitete Vorbereitungsprogramme existieren im dt. Sprachraum vorzugsweise für die USA und den ostasiatischen Raum (Liang, 1996). Eine angewandte A. und deren Weiterentwicklung zu einer Kulturstandardlehre ist nicht zu verwechseln mit einer emischen, primär geisteswiss.-historischen Kulturpsychologie (Jahoda, 1996) und auch nicht mit einer auf die Feststellung von Universalien bzw. Herauspräparierung von «typischen Erlebens- und Verhaltensunterschieden» hin entworfenen Kulturvergleichenden Psychologie (Thomas, 1985, 1993; Lonner & Malpass, 1994). Zentrale Untersuchungsgegenstände einer im Ganzen recht praxisnahen A. sind vielmehr die beim Zusammentreffen von Kulturen bzw. Kulturrepräsentanten auftretenden Belastungs- bzw. Animations- und Anreicherungsreaktionen: auf der einen Seite die Schockphänomene, Missverständnisse, Intergruppenspannungen und feindseligen Gefühle, auf der anderen Seite die produktiven Provokationen, die Synergieeffekte, die Lern- und Reifungsgewinne bei den kult. involvierten Akteuren. Die Ersteren zu vermeiden bzw. zu reduzieren, die nachfolgend Genannten zu fördern und zu nutzen ist die vorrangige Zielsetzung einer angewandten interkult. Sozialps. (Thomas, 1992).

Verwendete Literatur

Sie sind schon registriert? Zur Anmeldung
Erstellen Sie einen Account um das komplette Literaturverzeichnis einzusehen.