Autismus-Spektrum-Störungen

 

(= ASS) [engl. autism spectrum disorder; gr. αὐτός(autos) selbst]; umfassen eine Gruppe heterogener, meist angeb. Störungen mit frühem Beginn. Grundlegendes Funktionsmerkmal ist die Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation, die jedoch im Ausprägungsgrad stark variieren kann. Die Störung betrifft sowohl Menschen mit durchschnittlich kogn. Leistungsvermögen und Sprachniveau als auch Menschen mit geistiger Behinderung (Intelligenzminderung) und eingeschränktem oder fehlendem Sprachvermögen. Der Begriff ASS wird erstmals 2013 im DSM-5 der American Psychiatric Association eingeführt. Kriterien nach DSM-5: (1) Klin. bedeutsame, persistierende Defizite der sozialen Kommunikation und Interaktion in allen drei Punkten, manifestiert durch: (a) deutliche Defizite der nonverbalen und verbalen Kommunikation und der sozialen Interaktion, (b) mangelnde soziale Gegenseitigkeit, (c) Mangel, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, die dem Entwicklungsalter angemessen sind. (2) Restriktive, repetitive Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten in mind. zwei der folg. drei Punkte: (a) stereotypes motorisches oder vokales Verhalten, (b) exzessives Festhalten an Routinen und ritualisierten Verhaltensmustern, (c) restriktive und fixierte Interessen. (3) Die Symptome müssen bereits seit der frühen Kindheit bestehen (sie könnten sich aber auch erst dann vollst. manifestieren, wenn soziale Anforderungen den Mangel an begrenzten Kapazitäten übersteigen). Die Unterteilungen werden im DSM-5 nach Schweregraden der drei Symptombereich def.

Im ICD-10 der WHO dagegen fallen ASS derzeit noch unter die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und umfassen die Diagnosen Frühkindlicher Autismus (ICD-10 F84.0), Atypischer Autismus (F84.1) und Asperger-Syndrom (F84.5; Asperger-Störung). Zentrale Charakteristika sind qual. Auffälligkeiten der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie stereotype Verhaltensweisen, eingeschränkte Interessen und Aktivitäten. Kinder mit ASS zeigen bereits früh grundlegende Defizite in der sozialen Gegenseitigkeit und des Spielverhaltens. Das Interesse an anderen Menschen ist begrenzt, Freundschaften werden kaum aufgebaut. Emotionalität und Empathie im Hinblick auf andere Personen sind schwer zu erkennen. Mimik und Gestik sind häufig verarmt. Gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen werden schlecht verstanden.

Die Prävalenz der ASS in der Bevölkerung beträgt ca. 1 %. Bei ca. 70 % der Betroffenen sind ASS mit mind. einer weiteren komorbiden psych. Störung (v. a. Aktivitäts-Aufmerksamkeitsstörungen (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), PhobieAngststörungen und Zwangsstörungen, Epilepsie) assoziiert. Die Störung unterliegt einem starken genetischen Einfluss, Umwelteinflüssen kommt eine deutlich geringere Bedeutung zu. In etwa 30–50 % der Fälle besteht zusätzliche eine geistige Behinderung (Intelligenzminderung). Neuropsychol. besteht v. a. ein Defizit der kohärenten Reizwahrnehmung, was dazu führt, dass Menschen mit ASS Schwierigkeiten haben, sich ein verständliches, geschlossenes Bild von der Welt zu machen. Auf neurobiol. Ebene findet man z. B. konsistent eine abgeschwächte Aktivierung des Gyrus fusiformeis während des Betrachtens von Gesichtern, was die typische Schwäche bei der Gesichterverarbeitung und der Identifikation von Affekt bei ASS bedingt. Eine Früherkennung autistischer Störungen ist ca. ab dem 2. Lebensjahr möglich (bedeutsam ist hier das Entwicklungsalter). Typische Frühsymptome sind mangelnder Blickkontakt, reduzierte gemeinsame Aufmerksamkeit (joint attention), fehlende Reaktion auf die elterliche Stimme und Sprachentwicklungsverzögerung. Ab dem Alter von 2–3 Jahren besteht eine hohe Stabilität der A.-Symptome und Diagnose. Standardisierte diagn. Verfahren verbessern die diagn. Validität, erfordern jedoch eine fundierte Expertise. Als goldener Standard der Diagnostik gilt derzeit das Interview von nahestehenden Personen über den Pat. (Diagnostisches Interview für Autismus – Revidiert (ADI-R)) und das Beobachtungs- und Interview-Untersuchungsinstrument Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS)) in mehreren Modulen entspr. dem Alter und der Sprachfähigkeit.

Derzeit existiert keine kausale Therapie der ASS. Je nach Alter der Betroffenen und Subtyp der Störung haben sich früh beginnende, intensive verhaltenstherap. Interventionen (Verhaltenstherapie), aber auch Gruppentrainings zur Verbesserung der sozio-kommunikativen Fähigkeiten als wirksam erwiesen. Unterstützend kann eine pharmakol. Behandlung der komorbiden Störungen sinnvoll sein. Diagn. Instrumente, die im Bereich Autismus eingesetzt werden, sind im Verzeichnis diagnostischer Verfahren im Index aufgeführt.