autoritärer Charakter

 

(= a. C.) [engl. authoritarian character; franz. autoritaire Gehorsam fordernd, unterdrückend, lat. auctoritas Ansehen, Macht, Würde, gr. χαρακτήρ (charakter) Prägung, Eigenart], [PER, SOZ], ein Muster von Charakterzügen, v. a. die Bereitschaft zur Herrschaft und zur eigenen Unterwerfung. Wilhelm Reich hatte 1933 mit seiner Massenps. des Faschismus einen fundamentalen Zusammenhang zw. autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie behauptet und damit die erste größere, aus psychoanalytisch-gesellschaftskritischer Sicht geschriebene Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus (Nationalsozialismus, Psychologie im) versucht. Fromm (1945), der den Begriff des Sozialcharakters bzw. Gesellschaftscharakters prägte, erweiterte das Konzept und fasste im a. C. soziale Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften (Persönlichkeitsmerkmal) zus., die das Sozialverhalten neg. prägen: die Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, außerdem Destruktivität (Zerstörungslust), Selbsterhöhung und starre Konformität: Diese Menschen bewundern die Autorität und streben danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig wollen sie selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen. Zu dieser durchgehenden Orientierung an Macht und Stärke gehört eine Denkweise, die an Konventionen hängt, zugleich abergläubische und stereotype Züge (Stereotyp) hat, sensible und künstlerische Seiten zurückweist und alles Fremde, fremde Menschen und Sitten, ablehnt (Ethnozentrismus). Der a. C. tendiert dazu, Ideologien zu folgen, ist konform, bei extremer Ausprägung «potenziell faschistisch» und destruktiv. Die psychol. Erklärung dieser Charakterstruktur sah Fromm primär nicht in einer Triebstruktur, sondern in der Unfähigkeit von Menschen mit ihrer prinzipiellen Freiheit umzugehen – sie fliehen vor dieser selbstverantwortlichen Freiheit in eine konforme Sicherheit und orientieren sich an der Autorität. Dieser soziale Charakter wird v. a. durch typische Grunderlebnisse innerhalb der Familie und im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse und Anpassungen vermittelt («Escape from Freedom», 1941). Bereits in den Jahren 1929 und 1930, teils in seiner Zeit als Leiter der Abteilung Sozialps., des «Frankfurter Institut für Sozialforschung», unternahm Fromm zus. mit Hilde Weiss in Berlin eine umfangreiche empirische Erhebung zum autoritären, revolutionären und ambivalenten Charakter mit der damals noch unüblichen Fragebogenmethode: «Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches». Von Fromm stammen wesentliche Grundlagen der späteren Forschung zur autoritären Persönlichkeit.

Referenzen und vertiefende Literatur

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