Bedürfnis

 

(= B.) [engl. need], [EM, PER], ein B. kann als Zustand oder Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch ihn zu beheben, definiert werden. Dabei dürften in der wiss. Literatur meist B. gemeint sein, die ein Lebewesen zu seiner Erhaltung und Entfaltung braucht, und nicht Ad-hoc-Entscheidungen im Supermarkt. In der Frühphase der psychol. Diskussion zum Thema Beweggründe oder Ursachen des Handelns (Handlung) verwendeten die Forscher oft den Begriff B., dem heute eher derjenige des Motivs entsprechen würde. Lewin hat in seinem Person-Modell B. und Quasi-B. angenommen, die innerhalb der Person «gespannten Systemen» entsprechen. Diese drängen auf Entspannung und schlagen sich unter best. situativen Bedingungen in Verhalten nieder. Quasi-B. stellen dabei eine best. B.form dar, die etwa aufgrund einer Absicht oder einer übernommenen Aufgabe entsteht. Sie wirken wie die «echten» B. und können durch diese verstärkt werden. Auch Murray sprach von B. Er hat als Erster die psychol. Methodik eingesetzt und eine größere Zahl von Personen klin.-psychodiagn. untersucht, um die B. zu eruieren, die nötig sind, um menschliches Handeln zu beschreiben. Er unterschied zw. primären (Hunger, Durst etc.) und sekundären oder höheren B. Nach seinen Ergebnissen können 20 solcher höheren B. (needs, need, need-press) als gesichert gelten, etwa Erniedrigung, Leistung, sozialer Anschluss, Aggression etc. Seine empirisch gewonnenen Ergebnisse haben die Motivationsps. (Motivation) bis heute beeinflusst.

B. werden heute eher als Grundlage von Motiven angesehen. Diese sind Repräsentationen von komplexen Situationen und Handlungsoptionen, die zur Befriedigung von B. von Belang sein können, zugleich legen sie deren Sollwert fest: Wie viel zw.menschliche Interaktion (soziale Interaktion), wie viel Bewältigung schwieriger Aufgaben, wie viel Durchsetzung eigener Interessen sind nötig, um einen jeweils motivspezif. Sollwert des B. zu erreichen? Motive manifestieren sich auch darin, Situationen zu interpretieren, aufzusuchen oder herzustellen, die die Bedürfnisse des dominanten Motivs zu befriedigen in der Lage sind. Motive stellen so Verknüpfungen des betreffenden B. mit b.relevanten Situationen, Zielen (Ziele), Handlungsoptionen und Selbstaspekten her. In Einklang mit neueren Tendenzen in der Ps. können die zugrunde liegenden B. auch subkognitiv und subaffektiv wirken, ohne bewusst werden zu müssen. Diese Annahme korrespondiert auch damit, dass man sie nur indirekt (z. B. über projektive Verfahren) erfassen kann.

Offen in der wiss. Diskussion ist, wie viele und welche B. man annehmen muss, um menschliches Erleben und Verhalten zu beschreiben. Hier finden sich versch. Vorschläge, etwa: Leistung (Leistungsmotiv), Affiliation (Anschlussmotiv), Macht (Machtmotiv, klass. Motivationsps.), Neugier, Bindung, Selbstbehauptung (Zürcher Modell), Kompetenz, soziales Eingebundensein, Autonomie oder Selbstbestimmung (Selbstbestimmungs-Theorie). Trotz gewisser Parallelen ist diese Frage noch nicht endgültig beantwortet.

Referenzen und vertiefende Literatur

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