Berufswahltheorien

 

(= B.) [engl. theories of vocational choices], [AO], wichtiger Beitrag der Berufspsychologie und in engem Zusammenhang mit den Anwendungsfeldern der Berufsberatung und Berufseignungsdiagnostik stehend. Gegenstand von B. sind berufsbezogene Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse über die gesamte Lebensspanne, Determinanten des Berufswahlverhaltens oder berufsbezogenes Erleben und Verhalten (z. B. Berufszufriedenheit, Berufserfolg, Verweildauer im Beruf). Es findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, die sich vorwiegend ergänzen und nicht ersetzen, weil sie sich jew. auf unterschiedliche Abschnitte und Inhalte der beruflichen Entwicklung konzentrieren und sich auch in ihrer primären Zielsetzung unterscheiden (Erklärung vs. Vorhersage). V. a. im angloamerikanischen Raum sind einige wenige Ansätze dominant, die sich empirisch bewährt haben und zugleich spezif. Beratungs-/Interventionskonzepte sowie erprobte eigene Messinstrumente bieten (vgl. Brown & Lent, 2005). Die wichtigsten Theorien lassen sich nach ihren phasentypischen und inhaltlichen Schwerpunkten gruppieren:

(1) Berufliche Entwicklung über die Lebensspanne. Super (1957, 1990) beschreibt Stufen der beruflichen Entwicklung, die jew. eigene berufliche Entwicklungsaufgaben an das Individuum stellen. Die erfolgreiche Bewältigung der phasentypischen Aufgaben bestimmt den weiteren Verlauf. Zentrale Konstrukte sind das Selbstkonzept und das Berufskonzept, die sich beide im Entwicklungsverlauf herausbilden und verändern. Individuen wählen Berufe, die zu ihrem Selbstkonzept passen. Mit dem Begriff der Berufsreife (vocational maturity) beschreibt Super das berufliche Entwicklungsniveau und versteht darunter die adäquate Inangriffnahme der phasentypischen beruflichen Entwicklungsaufgaben (Messinstrumente: Berufsreife). Im Vordergrund einer auf Supers Ansatz beruhenden (nondirektiven) Beratung stehen die Diagnose und die Förderung der Berufsreife.

(2) Person-Job Fit. Hier steht die Passung von Person- und Berufsmerkmalen im Vordergrund. Grundlage bildet ein differentiell-psychol. Modell der Berufswahl (Differentielle Psychologie), das auch in der dt. Berufsberatung verfolgt wird. (a) Der weltweit und auch im dt.sprachigen Raum bekannteste Ansatz stammt von J. D. Holland (Holland, 1959, 1994, 1997). Er hat eine Typologie von Orientierungen entwickelt, die sowohl Persönlichkeitstypen als auch berufliche Umwelten beschreibt (handwerklich, forschend-intellektuell, künstlerisch, sozial, unternehmerisch, konventionell, Interessen, hexagonales Strukturmodell (Holland)). Personen wählen danach diejenigen beruflichen Umwelten aus, die zu ihren dominierenden Orientierungen passen. Mittels sog. sekundärer Konstrukte (Kongruenz, Differenziertheit und Konsistenz) macht Holland Vorhersagen über das Berufswahlverhalten, die Passung von Person und Beruf sowie über die spätere Berufszufriedenheit. Zur Messung der Holland’schen Konstrukte stehen eine Reihe dt.sprachiger Instrumente zur Verfügung (Allgemeiner Interessen-Struktur-Test mit Umwelt-Struktur-Test - Revision (AIST-R/UST-R), Explorix, Explojob). Sie werden vornehmlich zur Unterstützung der Berufsfindung Jugendlicher eingesetzt. Hollands Typologie ist Bestandteil des staatlichen amerikanischen Berufsberatungs- und Berufsklassifikationssystems O*Net. (b) Theorie der Arbeitsanpassung (Theory of Work Adjustment, TWA) von Dawis et al. (1964, Dawis, 2005). Hier steht die Zeit der Berufsausübung im Vordergrund. Eine Besonderheit der TWA ist, dass Passung von zwei Seiten betrachtet und definiert wird: Das Verhältnis von personseitigen Fähigkeiten und arbeitsseitigen Anforderungen bestimmt, wieweit das Arbeitsverhalten vom Arbeitgeber als zufriedenstellend bewertet wird (satisfactoriness). Das Verhältnis von personseitigen Bedürfnissen, Werten und Interessen und korrespondierenden arbeitsseitigen Verstärkerangeboten bestimmt die Zufriedenheit des Individuums (satisfaction). Die Verweildauer (tenure) an einem best. Arbeitsplatz oder in einem Beruf wird wiederum wesentlich über das zufriedenstellende Arbeitsverhalten und die Zufriedenheit bestimmt. Für nicht zufriedenstellendes Arbeitsverhalten oder Unzufriedenheit (als Indikatoren fehlender Passung) werden erwartbare Anpassungsprozesse vorhergesagt. Eine Berufsberatung i. S. der TWA sollte folgerichtig beide Perspektiven (Eignung für den Beruf und Eignung des Berufes) berücksichtigen. Zur Messung der zentralen Konstrukte wurden zahlreiche Instrumente entwickelt, die sowohl für Forschungszwecke als auch für die Berufsberatung und zur Arbeitsanalyse einsetzbar sind (Dawis, 2005). Die Ebene der berufsbezogenen Werte wurde in das bereits genannte O*Net aufgenommen und ergänzt die fähigkeits- und interessenbezogene Selbsterkundung und Berufsklassifikation.

(3) Integrative Ansätze. Sie berücksichtigen soziologische bzw. sozialpsychol. Aspekte und konzentrieren sich auf die Dynamik und Veränderbarkeit berufswahlrelevanter Kognitionen und Interessen. Zentrales Anliegen ist die Erklärung eingeschränkten Berufswahlverhaltens (Beschränkung auf wenige Berufe, geschlechtstypische Berufspräferenzen und -abneigungen). (a) Das Konzept von Linda S. Gottfredson (Theory of Circumscription and Compromise, Gottfredson, 1981, 2005) konzentriert sich auf die Entwicklung von subj. Berufsbildern, Berufswünschen und beruflichen Ambitionen. Bereits in früher Kindheit bildet sich eine kogn. Karte von Berufen (occupational map), die vom jew. Stand der kogn. Entwicklung und von der parallel verlaufenden Selbstkonzeptentwicklung (Selbstkonzept, Entwicklung) geprägt ist. Durch die fortschreitende kogn. Entwicklung enthält diese Karte immer mehr und zunehmend differenzierter gruppierte Berufe. Zugleich wird im Zuge der Selbstkonzeptentwicklung das Spektrum der Berufe, die für die eigene Person in Betracht gezogen werden, kontinuierlich und weitgehend unbewusst beschränkt (social space, zone of acceptable alternatives; 6–8 Jahre: Passung zum Geschlecht, 9–13 Jahre: Passung zur eigenen sozialen Klasse und dem Begabungsniveau, ab 14 Jahre: Passung zu den eigenen Interessen, Werten und Kompetenzen). Berufswünsche und berufliche Abneigungen sind somit das Ergebnis eines Eingrenzungsprozesses (circumscription) und unmittelbarer Ausdruck des Selbstkonzeptes. Die eigentliche Berufswahl erfolgt aus einem bereits stark eingeschränkten Spektrum. Notwendige berufsbezogene Kompromisse (Berufswunsch vs. reale Berufsoptionen) sind geprägt vom hierarchischen Selbstkonzept: Je zentraler ein Berufsmerkmal für das Selbstkonzept ist, desto später wird es preisgegeben. Geschlecht, soziale Klasse und Intelligenz sind daher wichtige Prädiktoren des Berufswahlverhaltens, berufsbezogene Interessen und Werte leisten demgegenüber einen schwächeren Vorhersagebeitrag. Eine wichtige Aufgabe der Berufsberatung i. S. dieses Ansatzes ist es, ausgeblendete und verworfene Berufsoptionen zu prüfen. Als diagn. und didaktisches Instrument wurde hierzu die MVC (Mapping Vocational Challenges, Gottfredson & Lapan, 1997) entwickelt. (b) Sozial-kogn. Perspektive (soziale Kognition). Der Ansatz von Bandura (1977a) wurde ursprünglich herangezogen, um Geschlechtsunterschiede bei der Laufbahnentwicklung zu erklären und die berufliche Entwicklung von Frauen zu fördern (Hackett & Betz, 1981). In der Folge wurde er dann mit der sozial-kogn. Laufbahntheorie (Social Cognitive Career Theory, SCCT; Lent et al., 1994, Lent, 2005) zu einem eigenständigen berufspsychol. Ansatz weiterentwickelt. Als zentrale Erklärungsgrößen sowohl für die Entwicklung beruflicher Interessen als auch für das Berufswahlverhalten und für berufliche Leistung und Erfolg werden hier Selbstwirksamkeitserwartungen (Selbstwirksamkeitserwartung; self efficacy expectations, SWE) und Ergebniserwartungen (outcome expectations) einer Person erachtet. Beide Größen sind wiederum das Ergebnis von Lernerfahrungen und Rückmeldungen der Umwelt zu best. Aktivitäten. Sowohl übersteigertes als auch zu geringes Selbstvertrauen (SWE im Vergleich zu den obj. Fähigkeiten) können die Entwicklung von Fertigkeiten und die Leistung beeinträchtigen. Für die Berufseignungsdiagnostik (DIN 33430, Personalauswahl) ergibt sich daraus, dass neben Fähigkeiten und Interessen auch bereichsspezifische Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartungen einbezogen werden sollten. Aus der Perspektive der SCCT sollte Berufsorientierung früh ansetzen und die Ausbildung angemessener allg. und bereichsspezifischer SWE unterstützen, am besten bereits in der Kindheit, bevor sich Interessen und Berufswünsche stabilisieren und Optionen vorzeitig ausgeschlossen werden. Überschneidungen des SCCT-Ansatzes ergeben sich mit frühen motivationspsychol. Erwartung-Wert-Theorien (Vroom, 1964, Kleinbeck, 1975), bei denen die Instrumentalität von Berufen für best. Motivziele (z. B. sozialer Einfluss und Ansehen, Erfolg durch Leistung oder sozialer Anschluss) im Vordergrund steht.

Referenzen und vertiefende Literatur

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