Bildungsforschung

 

(= B.) [engl. educational research], [PÄD], wurde als Begriff vom Dt. Bildungsrat während der 1970er-Jahre eingeführt und präzisiert. I. R. der B. werden Bildungs- und Erziehungsprozesse bzgl. ihrer Voraussetzungen und Möglichkeiten in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten untersucht. Dies umfasst nicht nur über die Lebensspanne hinweg angesiedelte schulische und außerschulische indiv. Lehr-Lern-Prozesse (Lehr-Lern-Forschung) und damit verbundene Bildungserträge, sondern auch das Bildungswesen als Gesamtkonstrukt sowie dessen Reform im Kontext von Bildungspolitik und Gesellschaft. Ziel der B. ist es, die Bildungswirklichkeit und ihre Problemlagen zu verstehen bzw. Ansatzpunkte für Veränderungen aufzuzeigen. Aufgabe der B. ist es, wiss. fundierte Informationen zu generieren, um auf dieser Grundlage angemessene bildungspraktische und bildungspolitische Entscheidungen treffen zu können. Das Ergebnis der B. ist zum einen die Bereitstellung von Grundlagenwissen über Voraussetzungen, Prozesse und Ergebnisse von Bildung. Zum anderen stellt B. eine wichtige Grundlage zur Entwicklung von technologischem Wissen für päd. Handlungsempfehlungen sowie zur Steuerung des Bildungssystems (Bildungsevaluation) dar.

B. wird nicht als eigenständige Forschungsdisziplin, sondern als interdisziplinär ausgerichtetes Forschungsfeld verstanden. Beiträge zur B. liefern neben den Erziehungswissenschaften vor allen Dingen die Pädagogische Psychologie, die Soziologie und die Fachdidaktiken. Darüber hinaus bringen sich Wirtschafts‑, Politik‑, Rechts‑ sowie Geschichtswissenschaften in die Untersuchung bildungsrelevanter Fragestellungen ein. Zw. den beteiligten Disziplinen besteht große Übereinstimmung, dass B. nicht allein aus theoret. Perspektive betrieben werden kann. Nach heutigem Verständnis ist es erforderlich, Fragestellungen der B. theoret. zu fundieren und anhand wiss. Standards empirisch zu überprüfen. Entspr. ihrer interdisziplinären Ausrichtung ist B. durch integrative Forschungsansätze und Methodenpluralismus gekennzeichnet. Einbezogen werden dabei sowohl quant. als auch qual. Forschungsmethoden (empirische Sozialforschung). Da Bildungsprozesse häufig in Gruppenkontexte eingebunden sind, hat B. wesentlich zur Entwicklung von geeigneten empirischen Analysemethoden (z. B. Mehrebenenanalyse, dokumentarische Methode) beigetragen. Vor dem Hintergrund des lebenslangen Lernens ist B. zudem eng mit dem Begriff der Kompetenz verbunden.

B. errang öffentliche und politische Aufmerksamkeit durch die Ergebnisse internat. Schulleistungsstudien (Large Scale Assessment), wie z. B. PISA-Studien, TIMSS oder IGLU. Übereinstimmend weisen diese Studien auf gravierende Probleme im dt. Schulsystem hin, insbes. im Bereich der Chancengleichheit. Soziale Disparitäten, d. h. systematische Unterschiede in den Bildungserträgen in Abhängigkeit von Geschlecht, sozioökonomischem Status oder Zuwanderungshintergrund, beeinflussen schulische Übergangsentscheidungen sowie berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. Die Ergebnisse der Schulleistungsstudien führten zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem dt. Bildungssystem, in dessen Folge die Implementierung von Bildungsstandards sowie die regelmäßige Evaluation von Bildungserträgen vereinbart wurden. Da die Befunde der B. von unterschiedlichen Gruppen, wie z. B. Wissenschaft, Bildungspolitik oder Schulpädagogik genutzt werden, sind Ergebnisse der B. (z. B. Schulrückmeldungen, Bildungsbericht) so aufzubereiten, dass sie von den unterschiedlichen Adressaten gleichermaßen interpretiert und für evidenzbasiertes Handeln (Evidenzbasierung) genutzt werden können. Hochschuldidaktik.

Referenzen und vertiefende Literatur

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