Bildungspsychologie

 

(= B.) [engl. educational psychology], [PÄD], beschäftigt sich aus psychol. Perspektive mit allen Bildungsprozessen, die zur Entwicklung von Bildungskomponenten (wünschenswerte Persönlichkeitsausprägungen (Persönlichkeitsmerkmal) aus gesellschaftlich-normativer Perspektive) beitragen, sowie mit den Bedingungen, Aktivitäten und Maßnahmen (wie z. B. Instruktion durch Lehrpersonen, Wissensvermittlung durch Medien), die diese Prozesse gemäß psychol. Theorien und Modelle beeinflussen können (z. B. initiieren, aufrechterhalten, unterstützen, optimieren; Spiel et al., 2008). Das Konzept der B. fußt auf einem integrativen Rahmenmodell (= Strukturmodell der B.), das es ermöglicht, psychol. Handeln in dem breiten Feld von Erziehen (Erziehung), Lernen (Lernen) und Bilden systematisch einzuordnen.

Das Strukturmodell der B. wird durch drei Dimensionen aufgespannt: (1) die Bildungskarriere eines Individuums, (2) die Aufgabenbereiche von Bildungspsychologen und (3) die Handlungsebenen, auf denen die bildungps. Aktivitäten und Maßnahmen angesiedelt sind (s. Abb.). Die B. gliedert (1) die Bildungskarriere eines Individuums in sieben Phasen vom Säuglings- und Kleinkindalter bis zum höheren Erwachsenenalter (Lebensspannenpsychologie). In der Bildungskarriere sind viele Bildungssituationen für alle Individuen obligatorisch, einige sind jedoch nur für best. Gruppen von Bedeutung. Durch die Dimension der Bildungskarriere bekommt lebenslanges Lernen einen zentralen Stellenwert in der B. Nicht nur die Erforschung der Bildungsprozesse und ihrer Produkte in versch. Phasen der Bildungskarriere ist Aufgabe der B., sondern ebenso der aktive Eingriff in das Bildungsgeschehen zum Zwecke seiner Weiterentwicklung und Optimierung z. B. durch Interventionen, woraus sich die Aufgabenbereiche der B. ergeben. Die B. unterscheidet (2) fünf Aufgabenbereiche, die als gleichberechtigte bildungspsychol. Tätigkeitsfelder angesehen werden: Forschung, Beratung, Prävention, Intervention, Monitoring und Evaluation. Obgleich die Grenzen zw. diesen Aufgabenbereichen fließend sind, erscheint schon allein aufgrund des Umfangs des Aufgabenspektrums von Bildungspsychologen eine Segmentierung sinnvoll. Die bildungspsychol. Aufgaben sind (3) auf drei Handlungsebenen zu leisten, die an dem ökologischen Modell von Bronfenbrenner (Entwicklung, ökologischer Ansatz nach Bronfenbrenner) orientiert sind: der Makroebene (Ebene der bildungspolitisch relevanten Gesamtsysteme), der Mesoebene (Ebene der Institutionen) und der Mikroebene (Ebene der individuellen Bedingungen). Die Handlungsebenen systematisieren die Bedingungen und Maßnahmen, von denen gemäß «psychol. Theorien» Effekte auf Bildungsprozesse angenommen werden. So sind auf der Mikroebene v. a. die indiv. Lernbedingungen (Lernvoraussetzungen) von Relevanz, z. B. die Instruktion durch Lehrpersonen. Auf der Mesoebene geht es um die Bedingungen und Wirkungen der Institutionen, die ein Individuum im Verlauf der Bildungskarriere durchläuft, z. B. ob eine Schule nach Leistungs- oder Altersgruppen organisiert ist. Politische Programme und strukturelle Bedingungen (wie z. B. Gesamtschule vs. differenziertes Schulsystem) sind auf der Makroebene angesiedelt.

Das Strukturmodell liefert eine Rahmenstruktur, welche die Verortung bildungspsychol. Handelns ermöglicht sowie die interne und externe Kommunikation erleichtert. Es zeigt Schnittstellen mit anderen Disziplinen systematisch auf und macht Felder interdisziplinärer (Interdisziplinärität) und multidisziplinärer Aktivitäten identifizierbar. Zusätzlich zur Verortung von konkretem bildungspsychol. Handeln im Strukturmodell sollte auch die Benennung der Population erfolgen, auf welche sich dieses Handeln bezieht. Die Def. der Population erfolgt dabei anhand ihrer Bildungsvoraussetzungen. Mit diesem Konzept geht die B. weit über die formale Integration des Bildungsbegriffs in die Ps. hinaus. Zur Päd. Ps. hat sie eine gewisse Nähe, jedoch auch eine klare Abgrenzung. In ihrer Ausrichtung versteht sich die B. weder als (reines) Grundlagen- noch als (reines) Anwendungsfach, sondern vielmehr als ein Fach, das beide Komponenten gleichermaßen integriert. Die Verzahnung von Erkenntnis- und Anwendungsziel wird als Kernmerkmal der bildungspsychol. Identität aufgefasst.

Bildungspsychologie: Strukturmodell

Referenzen und vertiefende Literatur

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