Burn-out

 

(= B.) [engl. burn brennen, out aus], [AO, GES, KLI], ist der Oberbegriff für best. Typen persönlicher Krisen, die mit eher unauffälligen Frühsymptomen beginnen und in völliger Arbeitsunfähigkeit oder im Suizid enden können. Diverse Phasenmodelle unterscheiden rein intuitiv zw. drei und zwölf Entwicklungsstadien. Wegen des Prozesscharakters von B. sind Prävalenzraten nicht sinnvoll anzugeben. In großen repräsentativen Bevölkerungsstichproben Dt. bez. sich 10,5 % (2007) bzw. 7,7% (2011) als «ausgebrannt». Pressemeldungen einer steigenden B.-Prävalenz in den deutschsprachigen Ländern sind meth. nicht überzeugend belegt.

Während das Phänomen bereits im Alten Testament (4. Buch Mose, 11) zu finden ist, das Verbum «to burn out» bereits von Shakespeare verwendet wurde u. Ä. schon vor Jahrzehnten in der psychol. Fachliteratur geschildert wurde (Reaktanz, erlernte Hilflosigkeit, Zielbindungsverlust, Entfremdung, Entfremdungserlebnis), beginnt die neuere Begriffsgeschichte mit zwei unabhängig voneinander erschienen Artikeln von Freudenberger (1974) und Ginsburg (1974), ersterer Psychoanalytiker, letzterer Verwaltungsfachmann, beide tätig in New York City. Die Resonanz in den populären Medien der USA, mit einiger Zeitverzögerung dann auch der dt.sprachigen Länder, war gewaltig und hält bis heute an. B. ist für mind. 60 Berufe und Lebenssituationen beschrieben worden, die Berichte stammen aus mehr als 60 Ländern (Schaufeli & Enzmann, 1998, Rösing, 2003). Die Symptomatik wird nicht einheitlich beschrieben – Burisch (2010) trug mehr als 130 Symptome zus. – und überlappt mit der diverser anderer Störungsbilder (z. B. Depression). Als Kernsymptome gelten emot. Erschöpfung, Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung, Depersonalisation (Depersonalisations-Syndrom), (treffender: Dehumanisierung) und Überdruss. Dies aber wohl v. a., weil so die Skalen des Maslach Burnout Inventory (MBI; Maslach et al., 1996; 22 Items) bzw. des Tedium Measure (Aronson et al., 1983; 21 Items) benannt sind, zweier amerik. Fragebögen, für deren dt. Übersetzungen u. a. Normen fehlen. Als Alternativen kommen v. a. die Burnout-Screening-Skalen I und II (BOSS; je 30 Items) und das Hamburger Burnout-Inventar (HBI; zugänglich z. B. über www.burnout-institut.eu/Burnout-Test.8.0.html; 40 Items) infrage. Eine Übersicht diagn. Instrumente, die zur Erfassung von arbeitsbezogener psych. Belastung eingesetzt werden, sind im Verzeichnis diagnostischer Verfahren im Index aufgeführt.

Die unscharfe Abgrenzung trägt dazu bei, dass B. in der ICD-10 nur als (nicht kassenfähige) Zusatzdiagnose Z73.0 auftaucht, was sich in der ICD-11 kaum ändern wird. U. a. aus diesem Grunde wird dem Begriff B. von manchen Psychiatern die Existenzberechtigung abgesprochen. Eine Def. dreier niederländischer Spitzenverbände von Medizinern und Psychologen (zugänglich z. B. über www.burnout-institut.eu/Burnout-Service.33.0.html; niederländische Def. von B.), deren Trennschärfe die der üblichen ICD-Definitionen mind. erreicht, ist in Dt. noch weitgehend unbekannt. Immerhin empfahl die Dt. Gesellschaft für Psychiatrie, Psychoth. und Nervenheilkunde im März 2012, von Z73.0 vermehrt Gebrauch zu machen.

Die meisten ätiologischen Ansätze sehen B. ausgelöst und aufrechterhalten durch chronische Fehlbeanspruchung in Dauerstress-Situationen (Stress). Während manche Forscher ihr Augenmerk v. a. auf exogene Faktoren der (Arbeits-)Umwelt richten, z. B. eine unbefriedigende Aufwands-Ertrags-Balance (Gratifikationskrise), andere auf persönliche Dispositionen wie Perfektionismus oder die Unfähigkeit zur Abgrenzung, sind bis auf Extremfälle stets beide Faktorengruppen beteiligt. Oft ist schon die begriffliche Separierung schwierig, z. B., wenn gefährdete Persönlichkeiten gerade sie gefährdende Umstände aufsuchen. Die Fehlbeanspruchung muss im Übrigen keineswegs immer aus der Arbeitswelt stammen. Entspr. können Interventionen an der Änderung der Verhältnisse (Verhältnisprävention), also außen, ansetzen, oder innen, indem sie bspw. die Konfliktfähigkeit (Konfliktverhalten) stärken, beim Verlassen stressreicher Situationen unterstützen und, wo beides nicht möglich oder sinnvoll erscheint, zur Modifikation eigener Bewertungs- oder Verhaltensmuster (Coping) anregen. Gut kontrollierte Erfolgsuntersuchungen solcher Interventionen sind einstweilen rar, was insbes. durch meth. Probleme mitbedingt ist. Demand-Control-(Support-)Modell.

Verwendete Literatur

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