Chamäleon-Effekt

 

(= C.) [engl. Chameleon Effect], [EM, KLI, KOG, SOZ], das unbewusste Nachahmen von Gesten, Gesichtsausdrücken und generell von nonverbalen Verhaltensweisen; auch häufig mit dem aus der Biologie entlehnten Begriff des Mimikry bez. Eines der wichtigsten Exp. zum C. stammt von Chartrand und Bargh (1999). In einem Versuchsgruppen-Kontrollgruppen-Design wurden Pbn gemeinsam mit einem Helfer des Vl gebeten, versch. Fotos einzuschätzen. Tatsächlich sollten die Helfer des Vl – ohne Wissen der echten Pbn – entweder in best. Weise regelmäßig ihr Gesicht mit der Hand überstreichen oder mit dem Fuß wippen. Gemessen wurde u. a. die Rate, ob und inwieweit die echten Pbn dieses Verhalten nachahmten. Die Befunde zeigen, dass dann, wenn der Helfer oder die Helferin des Vl sein bzw. ihr Gesicht mit der Hand berührte, dies auch die Pbn signifikant häufiger taten. Ebenso ahmten diese auch das Wackeln mit dem Fuß signifikant häufiger nach. Pbn, die automatisch das nonverbale Verhalten nachahmten, erlebten die Interaktion mit dem Helfer signifikant angenehmer als Personen mit geringeren Nachahmungsraten.

Eine wichtige indiv. Variable, durch die der C. beeinflusst werden kann, ist die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Personen, die im hohen Maße dazu in der Lage sind, scheinen auch bes. gute, unbewusste Nachahmer zu sein. Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme bezieht sich dabei ausschl. auf das kogn. Verstehen eines anderen Menschen und nicht auf das affektive Nachempfinden von möglichen Emotionen dieses anderen. Das affektive Nachempfinden (Empathie) scheint keinen oder einen tendenziell neg. Einfluss auf das unbewusste Nachahmen zu haben.

Chartrand und Bargh vermuten, dass der C. in kollektivistischen Gesellschaften häufiger zu finden sein wird als in individualistischen Gesellschaften (Kollektivismus-Individualismus). Personen mit hohen Extraversions- und Offenheitswerten (Fünf-Faktoren-Modell) ahmen eher das Sprachtempo ihrer Kommunikationspartner nach als Personen mit geringeren Werten auf diesen Persönlichkeitsdimensionen (Kurzius, 2015). Personen mit hohen Self-Monitoring-Werten (Selbstüberwachung) ahmen im Vgl. zu schwachen Selbstüberwachern unbewusst eher das nonverbale Verhalten von solchen Personen nach, mit denen sie evtl. künftig zu tun haben werden oder die ihnen nützlich sein könnten. Lakin et al. (2003) verweisen auf den evolutionären Hintergrund der unbewussten Verhaltensnachahmung und bez. sie als «sozialen Klebstoff» [engl. social glue], der es Menschen ermöglicht hat, mit ihren Kommunikationspartnern eine soziale Gemeinschaft zu konstituieren und vertrauensvolle Beziehungen zu installieren (nicht verbale Kommunikation). Insofern spielt der C. auch in der Gestaltung und Stabilisierung von Paarbeziehungen oder psychoth. Beziehungen eine wichtige Rolle (Therapiebeziehung).

Referenzen und vertiefende Literatur

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