Compliance

 

(= C.) [engl.] (Regel-)Befolgung, Einhaltung, Zustimmung, Folgsamkeit, Therapiemotivation, [KLI, PHA], der Begriff C. hat sich internat. als Terminus technicus für die Therapiemitarbeit und -motivation bei der Inanspruchnahme von professionellen Gesundheitsdienstleistungen in klin. Kontexten etabliert. Entspr. bez. Non-Compliance eine mangelnde Kooperationsbereitschaft oder -fähigkeit. In der WHO-ICD-10-Klassifikation wird Non-Compliance unter der Codierung «Z91.1 Nichtbefolgung ärztlicher Anordnungen» als «personal history of non-compliance with medical treatment and regimen» def. Der verwandte Begriff Adherence [engl. Einhaltung, Festhalten, Festhaften, Anhängen, Anhänglichkeit, Befolgung von Weisungen; Adhärenz] bedeutet demgegenüber im klin. Kontext eine willentliche Entscheidung des Pat., den Therapieplan zu befolgen oder nicht. Adhärenz wird also eher als intentionale Form (Intention) der Kooperativität verstanden, während C. eher mit Informations- und Kompetenzdefiziten assoziiert ist. Die verbreiteten Termini Non-Compliance bzw. Non-Adhärenz werden allerdings häufig syn. verwendet und zeichnen sich durch eine hohe begriffliche Unschärfe aus. Der C.-Begriff ist auch wegen seiner ideologischen Prägung in die Kritik geraten. Das traditionelle Verständnis von C. i. S. von «Therapiegehorsam» und «Therapietreue» wird dem zeitgemäßen Anspruch des Respektes vor der Pat.autonomie und -selbstbestimmung nicht gerecht, sondern reflektiert ein überholtes Therapeut-Pat.-Verhältnis (Therapiebeziehung). Nach modernem Verständnis könnte Pat.-C. def. werden als «Summe aller konstruktiven Beiträge des Pat. zum Gelingen einer Therapie – einschließlich der aktiven Teilhabe an den Therapieentscheidungen, der Einhaltung des vereinbarten Therapieschemas, dessen selbstständige und flexible Anpassung an den Krankheitsverlauf sowie aller erforderlichen Aktivitäten zur eigenständigen Symptom-/Störungskontrolle, Risikovermeidung, Problembewältigung (Coping) und prophylaktischer Maßnahmen». Non-C. ließe sich entspr. als Oberbegriff verwenden für alle Kooperationsverweigerungen und Abweichungen von dem vereinbarten Therapieplan, welche Zielerreichung und Therapieerfolg gefährden.

Bei chronischen körperlichen Erkrankungen liegt die Rate ausreichender Therapiemitarbeit i. S. der «Medikations-Adhärenz», also dem Anteil von behandelten Pat. mit einer verordnungskonformen Arzneimitteleinnahme hinsichtlich Dosierung, Frequenz, Kontinuität und Dauer zur Erzielung eines ausreichenden Therapieeffektes im Mittel unter 50 %, d. h., mind. jede zweite Arzneimitteltherapie bleibt aufgrund mangelnder Anwendungsgüte durch die Pat. unterhalb der klin. Wirkungsschwelle. Bei psychiatrischen Erkrankungen fällt die Non-C.-Rate überdurchschnittlich aus. Die Medikamenten-C. wird empirisch mit obj. Methoden («pill counting», Electronic Monitoring Systems, Spiegelkontrollen in Blut, Urin, Speichel) gemessen, da Pat.selbstangaben unzuverlässig sind. Die Therapiemitarbeit in der Psychoth. bezieht sich auf qual. andere Aspekte wie Termineinhaltung, Pünktlichkeit, interaktionale Beteiligung in den Therapiesitzungen oder Erledigung von «Hausaufgaben». In Bezug auf Letztere weisen empirische Daten auf eine noch höhere Rate von Non-C. als in der Arzneimitteltherapie (60–70 %) hin. Inhaltlich ist zw. intentionaler Non-C. (fehlende Störungseinsicht oder -akzeptanz, Therapieverweigerung, fehlender Mitarbeitsbereitschaft z. B. bei fremdinitiierter Behandlung) und nonintentionaler Non-C. (unzureichende Mitarbeit aufgrund von Wissens- und Kompetenzdefiziten). Die Gründe für mangelnde Therapiemitarbeit sind indiv. unterschiedlich und werden durch versch. Einflussfaktoren der Störung (kogn. oder motivationale Einschränkungen, fehlende Störungseinsicht, Ambivalenz bzgl. Therapieziel z. B. bei Sucht- und Substanzbezogenen Störungen), der Behandlung (Nebenwirkungen, Risiken, hohe Therapiekomplexität, großer Aufwand bzw. Belastung, Alternativen), personaler Charakteristika (Alter, Geschlecht, Sozial- und Bildungsstatus, Einstellungen, Vorurteile, Bildungsstand, Informiertheitsgrad, Nutzen-/Schadenwahrnehmung) und Settingbedingungen (Kostenübernahme, institutionelle Rahmenbedingungen, Atmosphäre, Umgebungsmerkmale) beeinflusst. Dementspr. sind Maßnahmen zur C.-Verbesserung vielfältig und indiv. abzustimmen. Generell sollte die Therapiemitarbeit systematisch und wiederholt überprüft werden. Non-intentionale Formen der Non-C. können durch Psychoedukation und Kompetenz-/Fertigkeitstrainings sowie durch organisatorische (Regelmäßigkeit im Tagesablauf) oder technische Hilfsmittel (Erinnerungshilfen, SMS-Reminder etc.) behandelt werden, wobei elektronischen Kommunikationsmedien (Smartphones, E-Mails, Online-Informationen) eine wachsende Bedeutung zukommt. Intentionale Barrieren in der Therapiemitarbeit von Pat. müssen im Gespräch geklärt und ggf. mit psychoth. Methoden (z. B. motivierende Gesprächsführung) behoben werden. Entscheidende Voraussetzung für eine gute Therapiemitarbeit bleibt aber eine vertrauensvolle und kooperative Beziehung zw. Arzt/Therapeut (Empathie, therapeutische) und Pat., die auf der Akzeptanz der Autonomie und Selbstbestimmung der Beteiligten beruht.

Verwendete Literatur

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