Deindividuation

 

(= D.) [engl. deindividuation; lat. de- ab-, weg-, individuum Einzelwesen], [SOZ], Entpersönlichung, Nivellierung interindiv. Unterschiede. D. ist zunächst einmal nichts anderes als Anonymität des Einzelnen in der Gruppe und der Gesellschaft. Mit dem von Festinger et al. (1952) eingeführten Konzept sollte das Gefühl beschrieben werden, das Einzelne erleben, wenn sie derart in eine Gruppe «eintauchen», dass sie sich selbst nicht mehr als Individuen wahrnehmen und ihre Selbstkontrolle (Selbstregulation) verlieren. Zimbardo (1969) beschreibt D. als einen «komplexen hypothetischen Prozess, in dem eine Reihe antezedenter sozialer Bedingungen zu Änderungen in der Wahrnehmung des Selbst und anderer führt und dadurch eine Schwellenerniedrigung für sonst unterdrücktes Verhalten hervorruft». In seinem Modell der D. zählt er Anonymität, große Gruppengröße, nicht definierte Verantwortlichkeiten (Soziale Verantwortung), unspezif. Gruppenaktivitäten, Erregung und Aktivierung, fehlendes Feedback über Eigenaktivitäten, hohe Reizdichte, unstrukturierte oder neuartige Situationen zu den Antezedenzien. Aus einer derartigen Konstellation ergeben sich dann sehr häufig Kontrollverlust und die Minimierung der Gewaltschwelle. Zu den Konsequenzen dieser Konstellation führt Zimbardo impulsives und irrationales Verhalten an (Impulsivität), das sich selbst verstärkt und intensiviert und das nur schwer zu stoppen ist und teilweise auch nicht mehr erinnert werden kann. V. a. in exp. Untersuchungen wird D. primär in Form der Anonymität des Einzelnen in der Gruppe untersucht. Das klass. Gefängnis-Experiment (Stanford-Prison-Experiment) von Zimbardo et al. (1982) zeigte, dass Studenten – die durch ihre «Verkleidung» (Rolle) als Gefängniswärter – extrem brutal mit den als Gefangenen ebenfalls deindividuierten Studierenden umgingen, sodass das Experiment aufgrund der aggressiven Übergriffe nach wenigen Tagen abgebrochen werden musste. Silke (2003) konnte nachweisen, dass von den 500 Gewalttaten in Nordirland in 206 Fällen die Täter ihre Gesichter hinter Masken und Kapuzen verbargen. In ihrer Metaanalyse haben Postmes und Spears (1998) 60 D.-Studien ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass Anonymität zum Verlust der indiv. Hemmungen führt und man stärker auf die Gruppen ausgerichtet ist. Außerdem reagiert man intensiver auf Reizgegebenheiten in der Situation, seien sie nun neg., etwa in den Masken und Verkleidungen (wie etwa beim Ku-Klux-Klan), oder aber auch pos. wie bei den «Uniformen» einer Krankenschwester. Vergleichbar in seiner Wirkung ist neben Anonymität auch die Gruppengröße. Bsp.: gewaltbereite Gruppen in Fußballstadien; Zunahme von Gewalttaten in Lynchsituationen mit der Zahl der Personen (Mullen, 1986). V. a. Diener (1980) hat in seinem Modell betont, dass D. durch ein reduziertes Selbstbewusstsein erzeugt wird. Anonymität, ein hohes Erregungsniveau (u. a. ausgelöst durch Alkoholkonsum und stark rhythmisierende Musik), ein hoher Gruppenzusammenhalt und die Fokussierung auf best. äußere Ereignisse (wie Sportveranstaltungen, aber auch Demonstrationen etc.) führen zur D. Depersonalisation, Massenpsychologie, Masse.

Referenzen und vertiefende Literatur

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