Depression im Kindes- und Jugendalter

 

[engl. depression in childhood and adolescence; lat. depressus herabgedrückt], [EW, KLI], ist eine psychische Störung, die v. a. durch eine ausgeprägte und anhaltende emot. Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit (Antrieb) und Freudlosigkeit gekennzeichnet ist. Wie bei Erwachsenen ist Depression (= D.) auch unter Kindern und insbes. unter Jugendlichen (Adoleszenz) recht häufig. Die Sechs- bzw. Zwölf-Monats-Prävalenz wird für das Kindes- auf 2% und für das Jugendalter auf 4–8% geschätzt, ab dem Jugendalter sind Mädchen ca. doppelt so oft betroffen wie Jungen. Symptomatik und Erscheinungsbild können im Einzelfall sehr heterogen sein. Neben den oben genannten Kernsymptomen treten laut ICD-10 (International Classification of Diseases (ICD)) weitere emot. (Schuldgefühle, Verlust von Selbstvertrauen), kogn. (Entscheidungs- und Konzentrationsschwierigkeiten), behaviorale (Agitiertheit oder Hemmung) und körperliche Probleme (Schlafstörungen und Veränderungen des Appetits) sowie Suizidgedanken (Suizidalität) auf. Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen können außerdem eine starke Reizbarkeit bzw. dysphorische Stimmung sein, ausgeprägte Langeweile, körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfweh, Trennungsängste, Rückzug, regressives Verhalten oder auch selbstverletzendes Verhalten. Gemäß ICD-10 kann eine einzelne depressive Episode von einer rezidivierenden (wiederkehrenden) depressiven Störung (mit mind. zwei depressiven Episoden) unterschieden werden. Eine weitere depressive Störung ist die sog. Dysthymia oder dysthyme Störung, bei der es sich um eine weniger schwere, aber mind. zwei Jahre andauernde depressive Verstimmung handelt. Im ICD-10 können für Kinder und Jugendliche auch Störungen des Sozialverhaltens mit depressiver Störung klassifiziert werden. Weniger spezif. depressive Symptombilder können unter gegebenen Voraussetzungen auch den Anpassungsstörungen oder den der sonstigen emot. Störung des Kindesalters zugeordnet werden. D. im Kindes- und Jugendalter tritt häufig komorbid (Komorbidität) mit anderen Störungen auf, hierzu zählen im Kindesalter v. a. Angststörungen und auch aggressives Verhalten, im Jugendalter kommen Substanzmissbrauch und Essstörungen hinzu. Der Verlauf der D. im Kindes- und Jugendalter gestaltet sich sehr unterschiedlich, einzelne Episoden können von zwei Wochen bis zu mehreren Jahren andauern. Eine Remission erfolgt durchschnittlich schneller als bei Erwachsenen (Depression, Remission), aber es besteht ebenso ein erhöhtes Risiko für weitere depressive Episoden sowie andere psych. Störungen und psychosoziale Beeinträchtigungen bis in das Erwachsenenalter.

Für die D. im Kindes- und Jugendalter kann von einer multifaktoriellen, biopsychosozialen Ätiologie ausgegangen werden. Im Einzelfall können die Entwicklungswege zu einer D. sehr unterschiedlich sein. Als dispositionelle (Disposition) bzw. vorausgehende Risiken können das Temperament und die genetische Veranlagung (Verhaltensgenetik), frühe familiäre Belastungen sowie Mängel der Eltern-Kind-Interaktion (Eltern-Kind-Beziehung) und der elterlichen Erziehung und Bedürfnisbefriedigung erachtet werden. I. S. einer erhöhten Vulnerabilität können sich hieraus eine negative Grundstimmung, eine mangelnde Emotionsregulation, unzureichende soziale Kompetenzen, eine Rückzugs- und Vermeidungstendenz oder verzerrte, einseitige Wahrnehmungsmuster entwickeln. Als auslösende Faktoren spielen oft kritische Lebensereignisse (Life-Event, kritisches) und soziale Belastungen (Belastung, psychische, Trennungen, Verluste, Überforderung, Krankheit, Ablehnung und Ausgrenzung etc.) sowie Entwicklungseinflüsse (kogn. Reifung (Entwicklung, kognitive), körperliche Veränderungen der Pubertät, Autonomieentwicklung, Zunahme von Rollenanforderungen etc.) eine Rolle. Aufrechterhaltend können sich insbes. anhaltende zw.menschliche Schwierigkeiten, sozialer Rückzug und ein Verlust pos. Erfahrungen, dysfunktionale Kognitionen oder auch Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt auswirken.

Gemäß vorliegenden Forschungsergebnissen und Leitlinien gilt die kogn. Verhaltenstherapie als die am besten untersuchte und erfolgreichste psychotherap. Behandlung bei D. im Kindes- und Jugendalter. Elemente der Behandlung sind u. a. die Vermittlung eines nachvollziehbaren Störungs- und Bewältigungsmodells, die Steigerung von angenehmen Aktivitäten und Freizeitbeschäftigungen sowie die Förderung sozialer Kompetenzen und der sozialen Integration. Weitere Ziele sind das Relativieren verzerrter Kognitionen, ein angemessener Umgang mit neg. Gefühlen und Stress sowie die Steigerung des Selbstwertgefühls. Meth. kommen u. a. eine ressourcenorientierte und validierende Gesprächsführung, Psychoedukation, Selbstmanagement, Rollenspiele sowie erlebnisorientierte Übungen zum Einsatz. Eine intensive Elternarbeit und die Verringerung psychosozialer Belastungen kommen hinzu. Auch für die Interpersonale Psychotherapie, die Familientherapie und die tiefenpsychol. Therapie (Tiefenpsychologie) liegen Behandlungsansätze vor. Bei mittelgradigen und schweren depressiven Episoden stellt auch die Psychopharmakotherapie eine Behandlungsoption dar. Hier werden aktuell selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, selektive (SSRI)) empfohlen. Elemente der Kognitiven Verhaltenstherapie haben sich auch in Programmen zur universellen und selektiven Prävention der D. im Kindes- und Jugendalter bewährt. Depression.

Referenzen und vertiefende Literatur

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