Diagnostik, historische Bedingungen

 

[engl. diagnostics, historical conditions], [DIA, HIS], die psychol. Diagnostik (= D.) als angewandte Disziplin der Ps. wurde in ihrer zeitlich-historischen Entwicklung von einigen Rahmenbedingungen und Strömungen geprägt.

Medizin als Vorbild: Mit Wundt (1832–1920) – Begründer der modernen Ps. – wurden med. Erklärungsmuster eingeführt. Die med. D. mit einer dreischrittigen Vorgehensweise von Ursachen(-suche), (Auswahl einer) Intervention sowie einer (Vorgehens-)Evaluation hat als Modell im 19. Jhd. die Med. geprägt. Die Psychiater Kraepelin (1856–1926) und Bleuler (1857–1939) entwickelten Klassifikationsschemata, welche die sog. Geisteskrankheiten in zwei große Formenkreise aufteilten: Schizophrenie (Verlust der Einheit der Person) und zirkuläres Irresein (unregelmäßiger Wechsel von Phasen manischer (Manie) und depressiver Stimmung; Depression). Mediziner hatten Methoden, Klassifikationssysteme, Erklärungsmodelle sowie diagn. und therapeutische Verfahren entwickelt, auf die psychol. Diagnostiker zugreifen konnten (z. B. psychiatrische Gutachtenerstellung). Umgekehrt wurden aber auch Leistungen der psychol. D. abgerufen, wie etwa psychol. Tests, die Mediziner einsetzten, um gesundheitliche Störungen zu identifizieren oder Verlauf und Erfolg med. Therapien zu messen. So entwickelte sich die D. in Wechselwirkung beider Disziplinen.

Experimentelle Ps.: Methoden der Exp. Ps. ermöglichten es, Verhalten zu messen und überprüfbare Ergebnisse in Zahlen anzugeben, mit dem Ziel, Verhaltensgesetze aufzufinden und in Funktionen darzustellen. Voraussetzung war eine systematische Verhaltensbeobachtung, die i. R. der wiss. Beobachtung unter kontrollierten (exp.) Rahmenbedingungen durchgeführt wird. Ein Experiment soll «Gesetze menschlichen Verhaltens» aufdecken, indem es das angezielte Verhalten provoziert. Ansätze und Einflüsse der Exp. Ps. sind in der psychol. D. z. B. bei Testverfahren im Bereich der Leistungstests sichtbar, die Verhalten, das gemessen werden soll, evozieren.

Typologie/typologische Ansätze: Typologien und typologische Ansätze versuchen mit «griffigen, anschaulichen» Merkmalsbündeln Individuen zu charakterisieren. Typologische Ansätze lassen sich bis in die Antike rückführen: z. B. Galenus (129–199) mit der Lehre von den vier Temperamenten – Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker (sanguinischer Typus), Phlegmatiker oder die antike Physiognomik, die annahm, man könne von körperlichen Erscheinungsformen auf Temperament und Charakter schließen. Typologien wurden auch im 20. Jhd. von Psychologen und Medizinern ausgearbeitet: z. B. Jung (1875–1961) mit den vier Grundfunktionen – Empfinden, Denken, Fühlen und Intuition – sowie den zwei Einstellungsformen – Introversion, Extraversion. Auch Eysencks (1916–1997) Nähe zum typologischen Denken wird durch seine drei Grunddimensionen – Extraversion, Neurotizismus, Psychotizismus – deutlich. Demzufolge hat jeder Mensch einen Anteil an jeder der drei Grunddimensionen, jedoch dominiert bei jedem eine Dimension, nach der er «klassifiziert» werden kann. Der Einfluss des typlogischen Denkens auf die psychol. D. zeigt sich u. a. in der Entwicklung und Etablierung von Fragebogen. So z. B. bei Eysenck mit dem Eysenck Personality Questionnaire (und weiteren Versionen), der zur Konstruktion von etablierten, weitverbreiteten Persönlichkeitsinventaren führte (z. B. dt. Standard- und Kurzfassung des Eysenck Personality Questionnaire-revised (EPQ-R, EPQ-RK), Eysenck Personality Inventory (EPI)). Auch Jungs Grundtypen fließen in die Konstruktion von Fragebogen ein, so haben Katherine Briggs und Isabel Briggs-Myers 1989 mit dem Myers-Briggs Typenindikator (MBTI) ein Instrumentarium veröffentlicht, das es erlauben soll, Personen einem der Grundtypen nach Jung zuzuordnen.

Persönlichkeitsps.: Einflüsse der Persönlichkeitspsychologie sind auf meth. sowie auf inhaltlicher Bezugsebene wirksam. Einerseits übernahm die D. das Anliegen, Menschen mit vielfältigen Methoden zu beschreiben (z. B. mit Leistungs- und Persönlichkeitstests, explorativen Methoden, Diagnostik, multimethodale, Diagnostik, multimodale). Des Weiteren können Persönlichkeitstheorien als diagn. Erklärungsmodelle dienen z. B. Freud (1856–1939) mit der Instanzenlehre (Ich, Es und Über-Ich) und den psychosexuellen Entwicklungsphasen (orale, anale, ödipale, latente und genitale Phase) oder etwa Thomae (1915–2001) mit einer biografisch orientierten Persönlichkeitstheorie. Freuds Modelle der Instanzen und Entwicklungsphasen wurden von Diagnostikern als Interpretationshilfe übernommen, um menschliches Verhalten (häufig in der D. des «abnormen Verhaltens») zu deuten, zu interpretieren und zu verstehen. Thomaes Konzept erfordert eine multimodale Diagnostik, um das «Individuum in seiner Welt» zu begreifen. Um demnach das vielgestaltige menschliche Verhalten möglichst unverzerrt zu erfassen, ist eine induktive Vorgehensweise vorgeschlagen, die bei drei Verhaltenseinheiten (Handlung, Tages- und Lebenslauf) ansetzt und mit generellen Beschreibungskategorien (Daseinsthemen, Daseinstechniken, Strukturierungen) vertiefend beschreibt.