Diffusion der Verantwortung

 

(= D.) [engl. diffusion of responsibility; lat. diffundere auseinanderfließen], [SOZ], bezieht sich auf das empirische Ergebnis, dass mehrere Zeugen eines Unfalls i. d. R. zus.genommen keine größere Wahrscheinlichkeit der Intervention aufweisen als ein einzelner Zeuge. Im Mittelpunkt dieses Phänomens steht die Erkenntnis, dass die indiv. Neigung bei einem Unfall zu helfen geringer wird, wenn mehrere Beobachter anwesend sind, die ebenfalls eingreifen könnten (Hilfeleistung). Die Erklärung der D. besteht nach Latané und Nida (1981) darin, dass sich Zeugen einer Notlage weniger für eine Intervention verantwortlich fühlen, wenn sie Teil einer Gruppe sind.

Die Abwehr des Gefühls der V. (Soziale Verantwortung) erfolgt nach Bierhoff (2010) auf der kogn. und auf der motivationalen Ebene. Die kogn. Rechtfertigungsstrategie besteht darin, dass die V. den anderen ebenfalls Anwesenden zugeschrieben wird. Auf der motivationalen Ebene ist von Bedeutung, dass eine Hilfeleistung immer mit Kosten verbunden ist. D. kann daher als eine motivationale Strategie zur Vermeidung dieser Kosten aufgefasst werden. Das Phänomen der D. wurde auch in Feldexperimenten empirisch belegt (Bierhoff et al., 1990) und metaanalytisch abgesichert (Fischer et al., 2011; Latané & Nida, 1981). Um D. zu verringern, besteht die Möglichkeit, die Bürger über den zugrunde liegenden psychol. Mechanismus, z. B. als Teil der Erste-Hilfe-Ausbildung, aufzuklären. Denn der paradoxe Effekt der D. wird im Alltag vielfach unterschätzt. Erste-Hilfe-Kurse bieten auch die Möglichkeit das Kompetenzgefühl, bei einem Unfall wirksam helfen zu können, zu erhöhen. Subjektive Kompetenz trägt zur Entscheidungssicherheit in Gefahrensituationen (z. B. Autounfall) bei, durch die die wahrgenommene V. erhöht wird, aber ein direkter pos. Effekt auf die Hilfsbereitschaft ausgeübt wird (Bierhoff et al., 1990). Das Kompetenzgefühl kann durch Leistungsrückmeldungen verbessert werden.

Neben der D. trägt auch die pluralistische Ignoranz und die Hemmung durch die Beobachtung durch andere zur Verringerung der Interventionsbereitschaft, wenn mehrere Zeugen anwesend sind, bei (Bierhoff, 2010). Erstere wird in vielen Alltagssituationen beobachtet (Miller & McFarland, 1987). Letztere wird auch als Bewertungsangst bez.

Referenzen und vertiefende Literatur

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