Dokumentarische Methode

 

(= D.) [engl. documentary method; lat. documentum Urkunde, Lehrbeispiel], [FSE], die D. ist maßgeblich von Ralf Bohnsack entwickelt worden, in ihren Ursprüngen v. a. in Hinblick auf Gruppendiskussionsverfahren zur Analyse kollektiver Orientierungsmuster, also von (sozialem) konjunktivem Wissen (vgl. Bohnsack, 2010; Corsten, 2010). Im Zuge ihrer Etablierung ist die D. aber auch auf andere Bereiche ausgeweitet worden (vgl. Bohnsack et al., 2001). Bei einem engen Fokus auf die Wissenssoziologie von Karl Mannheim (2004), auf welcher die D. nach Bohnsack beruht, zeigt diese aber v. a. im Zusammenhang von Gruppendiskussionsverfahren ihre meth. Stärke. Die D. nach Bohnsack beruht auf der Methode der dokumentarischen. Interpretation von Karl Mannheim (2004). In seiner Wissenssoziologie (vgl. Corsten, 2010) differenziert Mannheim insbes. einen obj. bzw. immanenten Sinngehalt und einen dokumentarischen Sinngehalt von sprachlich-kommunikativen Ausdrücken (Sprache, Kommunikation). Damit ist gemeint, dass in allen sprachlich-kommunikativen Ausdrücken sich neben der obj., wortwörtlichen Ebene noch ein weiterer Sinn dokumentiert, der insbes. einen konjunktiven, also einen sozialkollektiven Sinn beinhaltet (vgl. Indexikalität). Dieser konjunktive Sinn wird vor dem Hintergrund gemeinsamer Erfahrungsräume von sozialen Akteuren gebildet, wie Generation, Milieu, Geschlecht, Gruppenzugehörigkeiten (Gruppe). Das Ziel der D. M. nach Bohnsack ist es somit v. a., jenen konjunktiven Sinn, der sich nur d. in Textdokumenten (Gruppendiskussionen, qualitative Interviews) äußert, herauszuarbeiten. Ein Kernbestandteil dieses Rekonstruktionsprozesses ist die «Einklammerung des Geltungscharakters», d. h., es wird nicht nach der «normativen Richtigkeit» bzw. der «Wahrheit» (Wahrheit, wahr, Bohnsack, 2010) gefragt, sondern alle sprachlich-kommunikativen Phänomene sind stets für sich gesehen sinnhaft, denn darin drückt sich ein d. Sinn aus. So hat z. B. eine obj. Lüge dennoch einen sozialen Sinn.

Die operative Umsetzung dieses Erkenntniszieles spiegelt sich sodann in der Unterscheidung von zwei Analysephasen wider: der formulierenden Interpretation (= f. I.) und der reflektierenden Interpretation (= r. I.). (1) Die f. I. hat grob gesagt das Ziel, den obj. bzw. immanenten Sinngehalt des Textes offenzulegen, womit die wörtliche Bedeutung von Äußerungen gemeint ist. Damit soll erreicht werden, noch innerhalb des Relevanzrahmens (also der kollektive Orientierungsrahmen auf der Basis des dokumentarischen, konjunktiven Sinns) der Befragten zu bleiben (vgl. Bohnsack, 2010), diesen also noch nicht zu abstrahieren, um eine Inventarisierung dessen zu erreichen, was im Diskursverlauf wann gesagt wird (im Prinzip i. S. einer Themeninventarisierung). (2) Da nun aber alle Sprecher auch Angehörige eines spezif. konjunktiven Erfahrungsraums (Erfahrung) sind und somit sich in den Äußerungen stets auch noch ein weiterer Sinn dokumentiert, nämlich der dokumentarischen Sinngehalt des konjunktiven Wissens, hat die nächste Phase des Interpretationsprozesses, die r. I., die Aufgabe, diesen (konjunktiven) d. Sinngehalt zu rekonstruieren.

Diese I. soll ermöglicht werden einerseits über die Analyse von Propositionen (Bohnsack, 2010), also spezif. semantischen Gehalten, über die man auf den Orientierungsrahmen schließen kann. Andererseits wird dies wiederum nur durch eine komparative Analyse (ebd.) ermöglicht. Dies bedeutet, dass man die Analyse der spezifischen semantischen Gehalte der Propositionen nur über den Vergleich mit Gegenhorizonten innerhalb der textuellen Daten erreichen kann, worin sich das komparatistische Grundprinzip Qualitativer Sozialforschung) wiederfinden lässt. Mit dieser komparativen Analyse wird schließlich versucht das Ziel zu erreichen, Regelmäßigkeiten und Muster im qual. Sinn zu identifizieren, ganz i. S. der Idee des «homologen Musters» – als eine standortgebundene «weltanschauliche Totalität» von Karl Mannheim (2004).

Referenzen und vertiefende Literatur

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