Emotionstheorien

 

(= E.) [engl. emotion theories], [EM], E. beschäftigen sich mit den Prozessen, die die Auslösung und Veränderung von Emotionen bestimmen. William James (1890) nahm an, dass Emotionen auf periphere Reaktionen zurückzuführen sind, die in spezif. Situationen auftreten. So postulierte er, dass etwa die Wahrnehmung der eigenen Fluchtbewegung das Gefühl der Angst auslöst (James-Lange’sche-Theorie). Cannon (1927) monierte jedoch, periphere Reaktionen seien zu langsam, um als Auslöser schneller emot. Reaktionen zu fungieren, und zu unspezifisch, um die Vielzahl unterschiedlicher Emotionen auslösen zu können. In der neueren neurophysiologischen Forschung finden sich aber durchaus Belege für die Auffassung, dass Emotionen eine Funktion spezif. Erregungsmuster des Körpers sind (Damasio, 1994). Anknüpfend an Cannon (1927) gehen Schachter & Singer (1962) davon aus, dass periphere Reaktionen zu unspezifisch seien, um als alleinige Ursache emot. Reaktionen infrage zu kommen. In ihrem Zweikomponentenmodell der Emotion werden Emotionen auf diffuse physiol. Erregungszustände zurückgeführt. Diese unspezif. Erregungszustände lösen das Bedürfnis nach Erklärung aus, und die anschließende Attribution) bestimmt die Qualität der erlebten Emotion. Zwar konnte die Kernannahme des Zweikomponentenmodells empir. nicht bestätigt werden. Unbestritten ist aber, dass physiol. Erregung einen Einfluss auf die Intensität erlebter emot. Reaktionen hat.

In der Folge von Schachter & Singer (1962) bestimmen kogn. Erklärungsmodelle die E. Bes. einflussreich ist hier der Ansatz von Richard Lazarus (1991), in dem postuliert wird, dass Emotionen durch kogn. Einschätzungsprozesse (appraisal) bestimmt werden (Appraisal (Einschätzungs)-Theorien, Emotionstheorien, kognitive). Hierbei wird angenommen, dass primäre Einschätzungsprozesse (primary appraisals) die Implikationen der verarbeiteten Information für das eigene Wohlergehen und sekundäre Einschätzungsprozesse (secondary appraisals) die eigenen Möglichkeiten der Bewältigung zum Gegenstand haben. Ob in einer Situation eine Emotion ausgelöst wird, hängt demnach von der subj. Einschätzung ab, ob durch die erlebten Ereignisse die Verfolgung eigener Ziele betroffen ist und ob die jew. Ziele von Belang sind. Die Qualität der ausgelösten Emotion (Freude, Stolz, Angst, Ärger etc.) wird u. a. dadurch bestimmt, ob eine Handlung oder ein Ereignis als dienlich oder hinderlich für die verfolgten Ziele eingeschätzt wird und ob das Ereignis schon eingetreten ist oder noch in der Zukunft liegt. So löst bspw. ein in der Zukunft liegendes hinderliches Ereignis Angst aus, wenn die Ressourcen als möglicherweise unzureichend für die Bewältigung eingeschätzt werden. Eine weitere einflussreiche Emotionstheorie ist das Attributionsmodell von Bernhard Weiner (1986), in welchem postuliert wird, dass die Qualität von Emotionen durch Attributionsprozesse bestimmt ist. Wird bspw. eine neg. bewertete Handlung auf die eigene Person attribuiert, wird Schuld erlebt; wird dieselbe Handlung jedoch auf eine andere Person zurückgeführt, wird Ärger erlebt.

Auch wenn kogn. Prozesse am subj. Erleben von Emotionen beteiligt sind, bestehen Zweifel, ob sehr schnelle Verhaltensreaktionen ebenfalls durch Kognitionen vermittelt werden. Joseph LeDoux (1996) konnte in Tierversuchen zeigen, dass der Neokortex (Gehirn) an der Generierung von Furchtreaktionen (Furcht) nicht notwendigerweise beteiligt ist. Stattdessen können sensorische Reize auch die Amygdala im evolutionär älteren Hirnstamm direkt aktivieren und hiermit eine sehr viel schnellere Reaktion auslösen. Allerdings ist noch offen, inwieweit diese Befunde auf andere Emotionen übertragbar sind.

In der Tradition von Darwin verstehen evolutionsbiol. Ansätze Emotionen als genetisch verankerte Programme (Genetik, Verhaltensgenetik), die die Anpassung des Menschen an seine Umwelt erhöhen. In der neueren Forschung wird bspw. versucht, Unterschiede im Erleben von Emotionen bei Männern und Frauen durch geschlechtsspezifische Anpassungsvorteile best. emot. Reaktionsmuster zu erklären. So konnte gezeigt werden, dass Eifersucht von Männern eher als Reaktion auf die sexuelle Untreue des Partners erlebt wird, während Frauen Eifersucht eher als Reaktion auf die emot. Untreue des Partners zeigen.

Verwendete Literatur

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