Emotionstheorien, kognitive

 

(= kogn. E.), [engl. cognitive emotion theories], Emotionstheorien, [EM, KOG], nehmen an, dass zumindest die zentrale Gruppe der im Alltag unterschiedenen Emotionen (z. B. Freude, Trauer, Furcht, Ärger usw.) best. Kognitionen über ihre Objekte voraussetzt (Genaueres dazu unten). Die kogn. E. gehen auf Aristoteles (350 v. Chr.) zurück und waren auch in der Anfangszeit der akademischen Ps. im 19. Jhd. präsent (z. B. Meinong, 1894); als Pioniere der kogn. E. in der neueren Ps. gelten jedoch allg. Magda B. Arnold (1960) und Richard S. Lazarus (1966). Arnold knüpfte explizit an die auf Aristoteles zurückreichende «kognitive» Tradition der Theoriebildung über Emotionen an und verband diese mit evolutionspsychol. Annahmen und Hypothesen zu den neurophysiol. Korrelaten von Emotionen; Lazarus (1966) formulierte Arnolds Theorie geringfügig um und machte sie zur Grundlage eines empirischen Forschungsprogramms. Grundannahme der kogn. E. Arnolds ist, dass Emotionen dann und nur dann entstehen, wenn die Person auslösende Ereignisse auf best. Weise einschätzt (appraisal); d. h., best. Kognitionen darüber erwirbt. Die emotionsrelevanten Kognitionen sind erstens faktische oder nicht evaluative Kognitionen (paradigmatisch: Tatsachenüberzeugungen, wie z. B. die Überzeugung (Überzeugungssystem), dass ein best. Ereignis eingetreten ist); und zweitens evaluative Kognitionen oder Bewertungen (paradigmatisch: Wertüberzeugungen, wie z. B. die Überzeugung, dass ein Ereignis gut oder schlecht, gefährlich oder frustrierend ist). Arnolds kogn. E. wird deshalb als Einschätzungs- oder Bewertungstheorie der Emotion (engl. appraisal theory, Appraisal (Einschätzungs)-Theorien) bez. Z. B. freut sich Anna darüber, dass sie im Lotto gewonnen hat (= Sachverhalt p), wenn sie (a) glaubt (oder genauer, zum Glauben gelangt), dass p besteht, und (b) p als gut für sich bewertet bzw. glaubt, dass p gut für sie ist. Analog erlebt Anna Kummer über p, wenn sie glaubt, dass p besteht, und p als schlecht für sich bewertet. Analoges gilt für alle anderen Emotionen: Auch diese setzen faktische und evaluative Kognitionen über ihre Objekte voraus; diese Kognitionen sind jedoch von Emotion zu Emotion mehr oder weniger verschieden. Die Emotion selbst ist nach Arnold eine als Gefühl erlebte, von den Einschätzungen verursachte Tendenz zur Annäherung (bei pos. Emotionen) bzw. zur Meidung (bei neg. Emotionen). Außer der erlebten Handlungstendenz bzw. dem Gefühl verursachen Einschätzungen zudem mehr oder weniger oft körperliche Aktivierung sowie versch. Ausdrucksreaktionen (z. B. einen best. Gesichtsausdruck; Mimik).

Seit den 1960er-Jahren sind die Einschätzungstheorien der Emotion zum dominanten Erklärungsmodell der Emotionsentstehung in der Ps. geworden. Im Laufe der Jahre wurde die ursprüngliche Bewertungstheorie von Arnold und Lazarus jedoch in versch. Hinsichten als mangelhaft befunden und dementspr. wurden verbesserte Einschätzungstheorien vorgeschlagen (z. B. Frijda, 1986; Lazarus, 1991; Ortony et al., 1988; Scherer, 2001; vgl. Ellsworth & Scherer, 2003; Reisenzein et al., 2003). Die neueren Einschätzungstheorien teilen mit der Arnold-Lazarus-Theorie die Grundannahme, dass Emotionen das Produkt von faktischen und evaluativen Kognitionen sind. Anders als bei Arnold und Lazarus wird jedoch typischerweise zw. unterschiedlichen Arten von Bewertungen (z. B. persönlich erwünscht/unerwünscht vs. moralisch gut/schlecht) unterschieden, und es werden zusätzliche und z. T. auch andere faktische Einschätzungsdimensionen postuliert (z. B. Wahrscheinlichkeit, Unerwartetheit, Verantwortlichkeit).

Neben Unterschieden in Bezug auf die Details des Einschätzungsprozesses unterscheiden sich die ps. Bewertungstheorien auch in anderen Punkten; insbes. in ihren Annahmen zur Beziehung zw. Einschätzung und Emotion und damit zus.hängend, zur Natur der Emotion. Dabei lassen sich drei Hauptpositionen unterscheiden: (1) Nach der kausalen Theorie sind Einschätzungen typische oder sogar notwendige Ursachen von Emotionen, welche von den Einschätzungen versch. Zustände sind, z. B. Handlungsimpulse (Arnold, 1960; Frijda, 1996) oder Gefühle von Lust und Unlust (Ortony et al., 1988). (2) Nach der Teil-Ganzes-Theorie sind die Einschätzungen zus. mit einer oder mehreren anderen Komponenten (z. B. Handlungsimpuls, körperliche Erregung) Bestandteile der Emotion (Lazarus, 1991). (3) Nach der Identitätstheorie sind die Emotionen mit den Einschätzungen (spez. mit bewertenden Urteilen) identisch; nach dieser Auffassung sind Emotionen also nichts anderes als eine spez. Art von Kognition. Diese «radikale» Form der kogn. E. findet man in der Ps. allerdings kaum, wohl aber bei prominenten neueren Vertretern der phil. Form der Bewertungstheorie, der sog. Urteilstheorie der Emotion (engl. judgment theory) (z. B. Nussbaum, 2001; Solomon, 1976; vgl. Roberts, 2003). Die psychol. Bewertungstheorien der Emotion bilden die Grundlage der meisten existierenden Computermodelle der Emotionen (Marsella et al., 2010).

Referenzen und vertiefende Literatur

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