Empathie-Altruismus-Hypothese

 

(= E.) [engl. empathy-altruism hypothesis], [EM, SOZ], prosoziales Verhalten (= p. V.) kann dazu dienen, eine aversive affektive Erregung (Erregungsreaktion) zu reduzieren, die durch das Aufeinandertreffen mit einer Person, die Not erleidet, ausgelöst wird. Dieser neg. Erregungszustand kann jedoch noch eher beendet werden, indem die Notfallsituation verlassen wird, sofern eine Flucht relativ leicht möglich ist (Fluchtmöglichkeit). Im Ggs. zu der egoistischen Motivation basiert altruistische Motivation (Altruismus) auf dem primären Ziel, der Person in Not zu helfen. Die Emotionen bei egoistisch-motivierter Hilfe wird als persönliches Unbehagen erlebt, die Emotion bei altruistisch-motivierter Hilfe als empathische Sorge (Empathie). Notsituationen lassen sich danach unterscheiden, ob sich der Beobachter leicht entfernen kann oder nicht. Die E. von Daniel Batson (1991, 2011) greift diese Differenzierung und die damit verbundenen motivationalen Unterschiede des Helfens (altruistisch vs. egoistisch motiviert) auf. Die E. besagt, dass empathische Sorge als altruistische Basis p. V. bei leichter und bei schwerer Fluchtmöglichkeit motiviert. Hingegen wird für persönliches Unbehagen angenommen, dass es als egoistische Basis p. V. nur bei schwerer Fluchtmöglichkeit motiviert, da die Person den Situationsdruck und die damit verbundene affektive Erregung überwinden möchte. In Situationen mit leichter Fluchtmöglichkeit rufen empathische Emotionen, die in der Situation ausgelöst werden, Hilfeleistung hervor, während egoistische Bestrebungen nur wenig Hilfsbereitschaft fördern, da diese durch das Verlassen der Notsituation besser befriedigt werden können.

Es liegen zahlreiche exp. Überprüfungen der E. vor. Z. B. zeigte sich in einen Experiment von Bierhoff & Rohmann (2004), dass Pbn bei niedriger empathischer Sorge und leichter Fluchtmöglichkeit wenig halfen. Bei hoher empathischer Sorge (sowohl bei leichter und erschwerter Fluchtmöglichkeit) sowie bei niedriger empathischer Sorge und erschwerter Fluchtmöglichkeit war die Hilfsbereitschaft hingegen hoch. Dieses Ergebnismuster wird auch als 3:1-Ergebnismuster bez., da in drei der vier Zellen eines 2 x 2-Versuchsplans mit niedriger/hoher empathischer Sorge und leichter/schwerer Fluchtmöglichkeit ein hohes Niveau des p. V. auftritt, während das p. V. in der vierten Zelle (niedrige empathische Sorge plus leichte Fluchtmöglichkeit) geringer ausfällt. Diese und weitere Ergebnisse lassen sich dahingehend interpretieren, dass es ein unabhängiges altruistisches Motivsystem neben dem egoistischen Motivsystem gibt.

Das Auftreten von empathischer Sorge bei Beobachtern einer Notlage wird unter best. situativen Bedingungen gefördert. Dazu zählt eine enge Beziehung mit dem Opfer, die durch Ähnlichkeit, Nähe oder Zuneigung gekennzeichnet ist, das eigene Erleben der Notlage des Opfers in der Vergangenheit oder das aktive Hineinversetzen in die Lage des Opfers. Im Weiteren wurden zwei Komponenten der soziale Verantwortung unterschieden: die moralische Erfüllung der berechtigten Erwartungen Anderer und die Befolgung der sozialen Spielregeln. Es bestand ein pos. Zusammenhang zw. der moralischen Erfüllung der berechtigten Erwartungen anderer und Hilfeverhalten in Situationen mit leichter Fluchtmöglichkeit. Die Befolgung der sozialen Spielregeln hing mit Hilfeverhalten in Situationen mit erschwerter Fluchtmöglichkeit pos. zus. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass soziale Verantwortung als altruistische Komponente die moralische Erfüllung von Erwartungen anderer und als egoistische Komponente die Befolgung sozialer Spielregeln umfasst (Bierhoff, 2010). Nach Hoffman (2000) ergibt sich eine Entwicklungssequenz, sodass sich das egoistische Motiv zuerst manifestiert. Das egoistische Motiv stellt die Basis dar, auf der das altruistische Motiv entsteht. Für die Entwicklung des altruistischen Motivs in der Kindheit ist die kognitive Entwicklung ausschlaggebend, insbes. die Entwicklung der Perspektivenübernahme, die eine anspruchsvolle kogn. Leistung darstellt. Ein altruistisches Motivsystem setzt voraus, dass die Person die Perspektive einer anderen Person übernehmen kann. Daher wird vermutet, dass sich das allg., undifferenzierte Mitgefühl des Kleinkinds in persönliches Unbehagen und empathische Sorge differenziert.

Referenzen und vertiefende Literatur

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