Entscheidungsheuristiken

 

(= E.) [engl. decision heuristics], [EM, KOG, SOZ], E. (vom altgr. heuriskein finden) sind vereinfachende kogn. Strategien (Daumenregeln) zum Treffen von Entscheidungen (Entscheiden) bzw. zur Lösung von Entscheidungsproblemen. E. sind eine mögliche Lösung des Problems der Überlastung der Informationsverarbeitungskapazität, das optimale rationale Entscheidungsstrategien mit sich bringt, wie z. B. das Prinzip der Maximierung des erwarteten Nutzens (Kosten-Nutzen-Kalkulation) bei Entscheidungen unter Risiko oder das multiattributive Nutzenprinzip bei multidimensionalen Entscheidungen (= E.) unter Sicherheit. E. vermeiden das Überlastungsproblem insbes. dadurch, dass sie nur einen Teil der potenziell entscheidungsrelevanten Informationen auswerten. E. wurden sowohl für Entscheidungen unter Sicherheit als auch für Entscheidungen unter Risiko und für strategische Entscheidungen in kompetitiven Spielen vorgeschlagen (Hart, 2005; Jungermann et al., 2005). Am weitesten ausgearbeitet ist die Theorie der E. für den Fall von multidimensionalen (multikriteriellen) Entscheidungen unter Sicherheit. Das sind Entscheidungen, für die mehrere Zieldimensionen (Attribute) relevant sind, bei denen die Ergebnisse bei Ausführung der Handlung (Wahl einer Option) jedoch mit praktischer Sicherheit eintreten, sodass Wahrscheinlichkeitgrade nicht berücksichtigt werden müssen. Ein Bsp. ist die Wahl zw. versch. Autos, die sich nach Preis, Benzinverbrauch, Sicherheit usw. unterscheiden. Nach der Majoritätsheuristik wird diejenige Option gewählt, die auf den meisten Attributen die beste Ausprägung besitzt. Nach der Dominanzheuristik wird eine dominante Option gewählt: Eine Option, die auf allen Attributen mind. ebenso gut ist wie alle anderen und auf mind. einem Attribut besser. Nach der Lexikografischen Ordnungsheuristik werden die Attribute zuerst nach Wichtigkeit geordnet, danach wird die Option mit der besten Ausprägung auf dem wichtigsten Attribut gewählt; sind zwei oder mehr Optionen auf diesem Attribut gleichwertig, wird das zweitwichtigste Attribut herangezogen usw. Diese E. ist kogn. bes. sparsam, weil sie potenziell eine Entscheidung auf der Basis eines einzigen Grundes erlaubt (one-reason decision making; Gigerenzer & Gaissmaier, 2006). Eine weitere interessante und breit anwendbare E. ist die von Simon (1955) vorgeschlagene Satisficing-Heuristik. Es gibt eine Reihe von Versuchen, auf der Grundlage von E. umfassendere Prozessmodelle der Entscheidung zu entwickeln. Bsp. dafür sind die Image-Theorie von Beach (1990) mit den zwei Phasen Vorauswahl von Optionen und eigentliche Wahl sowie die Dominance-Structuring-Theorie von Montgomery (1983) mit den Phasen Vorauswahl von Optionen, Finden einer sog. «vielversprechenden» Option (einer Option, die einer dominanten Option möglichst nahe kommt), Prüfung auf Dominanz und (falls notwendig) Restrukturierung des Entscheidungsproblems mit dem Ziel, eine nicht dominante vielversprechende Option zu einer dominanten zu machen.

Von den E. im engeren Sinn zu unterscheiden sind Urteilsheuristiken, kogn. Heuristiken zur Bildung von Urteilen (Gigerenzer & Gaissmaier, 2006). Diese (manchmal unscharf ebenfalls als E. bez.) Heuristiken sind für Entscheidungen jedoch ebenfalls von Bedeutung insofern, als Entscheidungen auf Urteilen (Wert- und Tatsachenüberzeugungen, Überzeugungssystem) beruhen. Bsp. für entscheidungsrelevante Urteilsheuristiken sind die Gefühlsheuristik zur Bildung von Werturteilen (Objekt o ist gut/schlecht, wenn o angenehme/unangenehme Gefühle verursacht; Schwarz & Clore, 2007) und die Take-the-best-Heuristik (eine Urteilsheuristik, die der lexikografischen E. entspricht) zur Bildung von Urteilen darüber, welche von zwei Alternativen die höhere Ausprägung auf einem Kriterium hat (Gigerenzer & Gaissmaier, 2006).

Während E. zunächst als «arme Verwandte» der optimalen (rationalen) Entscheidungsregeln betrachtet wurden – man glaubte, dass ihre Einfachheit durch eine meistens suboptimale Entscheidung erkauft werden müsse – zeigen neuere Forschungsergebnisse, dass E. die normativ optimalen Strategien in vielen Situationen annähern können (d. h., sie können in diesen Situationen ebenso oft zu guten Entscheidungen führen). Z. B. konnte gezeigt werden, dass in wiederholten strategischen Spielen eine einfache E., die auf der Minimierung von erwarteter Reue beruht, langfristig zur normativ optimalen Lösung des Spiels führt (Hart, 2005). Analoge Ergebnisse liegen für Urteilsheuristiken vor. So haben Studien zur Take-the-best-Heuristik gefunden, dass diese Urteilsheuristik in einer breiten Klasse von Situationen ebenso gute Resultate liefert wie die für diese Urteilsprobleme einschlägigen normativen Strategien (Gigerenzer & Gaissmaier, 2006). Entscheiden unter Unsicherheitkognitive Fehler.

Referenzen und vertiefende Literatur

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