Entwicklung, kognitive

 

(= k.E.) [engl. cognitive development], [EW, KOG], bez. die E. des Denkens. Denken als Ausdruck höherer geistiger Prozesse wie Schlussfolgern (Schließen, logisches) und Problemlösen läuft intern, von außen nicht zu beobachten ab und kann gerade von jüngeren Kindern sprachlich kaum beschrieben werden. Deshalb stellt es eine bes. Herausforderung dar, kindliches Denken empirisch zu untersuchen. Der Schweizer Forscher Piaget hat ab den 1920er-Jahren diese Absicht verfolgt und aufgrund seiner Analysen die wohl einflussreichste Theorie der k. E. aufgestellt (Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget). Eine seiner Hauptaussagen besteht darin, dass Kinder vier aufeinander aufbauende Stadien durchlaufen, wobei jedes Stadium eine charakteristische Art und Weise ihres Denkens zum Ausdruck bringt. Im Laufe des sensu-motorischen Stadiums (sensu-motorische Entwicklungsstufe) werden sensu-motorische Erfahrungen verinnerlicht, wodurch Denken in Gang kommt. Im prä-operationalen Stadium (prä-operatorische Entwicklungsstufe) wird das kindliche Denken zunehmend symbolisch. Die Denkoperationen sind aber noch nicht vollst., sodass typische Denkfehler auftreten. Im konkret-operationalen Stadium (konkret-operatorische Entwicklungsstufe) sind Kinder fähig, vollst. Denkoperationen durchzuführen, die sich jedoch ausschließlich auf konkret beobachtbare Inhalte beziehen. Erst im formal-operationalen Stadium (formal-operatorische Entwicklungsstufe) sind die Denkoperationen in hohem Maße abstrakt, sodass zur Problemlösung systematisch Hypothesen getestet werden können.

Die Bedeutung von Piagets Arbeiten ragt auch weiterhin in aktuelle Forschungen hinein. Hierbei wird als sog. domänenspezif. Theorien herausgearbeitet, dass die k. E. nicht, wie von Piaget angenommen, auf solchen allg., inhaltsunspezif. Veränderungen von vier Denkstufen beruht. Stattdessen wird angenommen, dass Veränderungen des kindlichen Denkens entscheidend durch spezif. Erfahrungen und erworbenes Wissen beeinflusst werden. Die domänenspezif. Theorien der k. E. gehen davon aus, dass der Mensch nach der Geburt mit einem spezif. Kernwissen und mit spezif. Lernmechanismen (Lernmechanismen, angeborene) ausgestattet ist, mit deren Hilfe schnell neues Wissen erworben wird. Dabei kann das kindliche Wissen im Wesentlichen drei Bereichen zugeordnet werden: Wissen über das Verhalten von Objekten (Physik, intuitive Physik), von Menschen (Ps., mentalistische Alltagspsychologie) und von nicht menschlichen Lebewesen (Biol., intuitive Biologie). Man geht davon aus, dass Kinder durch Erfahrungen mit der Umwelt ihr Wissen nicht einfach nur ansammeln, sondern dass sie ihr gewonnenes Wissen mit dem schon bestehenden Wissen immer zu einem kohärenten Ganzen organisieren, das für sie insges. Sinn ergibt. Eine solche Organisation kann wie eine Art Theorie aufgefasst werden, die die Kinder implizit über einen Wissensbereich aufstellen.

Zeitgleich zu Piaget, aber beheimatet in der Kultur Russlands, entstand eine andere, ebenfalls sehr einflussreiche Theorie der k.E., die soziokult. Theorie von Lew Wygotski (Entwicklung, soziokultureller Ansatz nach Wygotski). Wygotsky stellte in seiner Theorie heraus, welche herausragende Bedeutung der kult. Kontext für die k.E. besitzt. In Wygotskys Theorie wird das Kind in erster Linie als soziales Wesen betrachtet, welches sein Denken im Kontext des Denkens anderer Personen entwickelt. Er geht davon aus, dass das Intermentale, der Austausch zw. Kind und einer anderen Person, zum Intramentalen, der Gedankenwelt innerhalb eines Kindes wird. Wygotsky betrachtet das Kind in der sog. Zone der proximalen Entwicklung (Zone der nächsten Entwicklung), die das Entwicklungspotenzial eines Kindes ausdrückt. Wygotsky nimmt an, dass sich das Kind selbst mithilfe psychol. Werkzeuge formt. Die Sprache ist für ihn das wichtigste psychol. Werkzeug.

Referenzen und vertiefende Literatur

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