Entwicklung, moralische

 

(= moral. E.) [engl. moral development], [EW], wird in den Entwicklungstheorien von Jean Piaget 1932 (Piaget, 1976b) und Lawrence Kohlberg (19741995) vorrangig als E. des moral. Urteils (im Ggs. zum moral. Handeln) konzipiert. Piaget unterscheidet bei der moral. E. die heteronome Moral (Orientierung an erwachsener Autorität) von der autonomen Moral («demokratisch» vereinbarte Regeln). Der Übergang zw. diesen Phasen vollzieht sich zunächst in Bereichen, die von Erwachsenen wenig kontrolliert werden, z. B. Kinderspielen (Piaget führt dies am Bsp. des Murmelspiels aus). Die moral. Urteilsentwicklung ist für Piaget inhaltlich segmentiert: Die Sequenz von Heteronomie zu Autonomie muss für jeden Bereich sozialer und gesellschaftlicher Regeln erneut durchlaufen werden. Demgegenüber verläuft für L. Kohlberg die moral. E. in sechs Stufen, wobei jew. zwei Stufen einer der folg. drei Ebenen zugeordnet werden: I. Präkonventionelle, II. Konventionelle, III. Postkonventionelle Moral. Die sechs Stufen stellen für Kohlberg qual. unterschiedliche Denkweisen (Denken, Entwicklung, kognitive) dar, mit denen der Einzelne moral. Probleme decodiert und zu lösen versucht. Auf der ersten Stufe erfolgt die Orientierung insbes. an Bestrafung bzw. Belohnung, die zweite Stufe konzipiert eine zweckrationale Moral («Eine Hand wäscht die andere»), auf der dritten Stufe wird die Übereinstimmung mit relevanten Bezugsgruppen bestimmend. Stufe 4 erweitert den Bezugsrahmen um eine gesellschaftliche Perspektive (Gesetze und Pflichten). Die postkonventionellen Stufen lassen sich mit den Stichworten «Sozialvertrag und indiv. Rechte» (5) sowie «ethische Prinzipien» (Ethik) (6) charakterisieren. Diese E.stufen sind nach Kohlberg hierarchisch integriert, d. h. jede Stufe baut auf der vorhergehenden auf. Von daher ist das Überspringen von Stufen theoretisch ausgeschlossen und auch das Zurückfallen auf bereits überwundene Stufen soll i. d. R. nicht vorkommen. Das Erreichen einzelner E.stufen setzt jew. best. kogn. Fähigkeiten sowie eine entspr. entwickelte Fähigkeit zur sozialen Perspektivenübernahme (Selman, 1984) voraus. Mögliche Diskrepanzen zw. moral. Urteilen und konkreten moral. Handlungen sollen mit zunehmender Stufenhöhe geringer werden. Durch die Verknüpfung der moral. E. mit der kogn. E. wird das moral. Urteil von Kohlberg stark rationalistisch aufgefasst. Dies ist vielfach kritisiert worden, u. a. von  J. Haidt (2001), der bezweifelt, dass moral. Urteilen im Alltag Denkprozesse zugrunde liegen. Mittlerweile liegen vielfältige empir. Hinweise vor, dass moralische Urteile v. a. «intuitiv» gefällt und Denkprozesse erst nachträglich (z. B. durch Nachfragen) ausgelöst werden. Da die Kohlberg’schen Stufen als Assimilationsschemata für moral. Problemlagen aufgefasst werden können, sind sie allerdings mit der Annahme einer «gefühlsmäßigen» Auslösung m. Urteile durchaus kompatibel. Gestützt wird die Theorie Kohlbergs u. a. durch die Ergebnisse seiner über 30-jährigen Längsschnittuntersuchung, an der allerdings nur Jungen (ab 10 Jahren) teilnahmen (Heidbrink, 2008).

Möglicherweise verfügen Kinder über best. im Zusammenhang mit der moral. E. relevante Fähigkeiten deutlich früher als dies in der Piaget/Kohlberg-Tradition angenommen wurde. Ergebnisse der exp. Säuglingsforschung (Habituierungsmethode) haben zu Vermutungen geführt, dass einige Voraussetzungen des moral. Handelns angeboren sein könnten, z. B. die Fähigkeit, lebende und unbelebte Objekte zu unterscheiden, dem Blickwinkel anderer Personen zu folgen sowie Erwartungen über deren Verhalten zu entwickeln. In Bezug auf die evolutionären Vorteile kooperativen Verhaltens (Kooperation) sind Verhaltensvergleiche zw. Kleinkindern und Menschenaffen aufschlussreich. Nach Warneken et al. (2006) übertreffen bereits zweijährige Kinder trotz Ebenbürtigkeit bei rein physikal. Aufgaben Schimpansen in Bezug auf sozial-kogn. Fähigkeiten deutlich.

Verwendete Literatur

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