Entwicklung, ökologischer Ansatz nach Bronfenbrenner

 

[engl. development, ecologial approach], [EW, SOZ], zentrales Ziel des ökologischen Ansatzes in der Entwicklungsps. ist es, eine differenzierte Sichtweise relevanter Entwicklungskontexte zu vermitteln und das komplexe Zusammenspiel proximaler und distaler Einflussfaktoren auf die menschliche Entwicklung in den Blick zu rücken. Urie Bronfenbrenner (1917–2005) hat diese Perspektive nachhaltig in die Entwicklungsps. und weit darüber hinaus in die Sozialisationsforschung eingebracht (s. den Themenschwerpunkt «Urie Bronfenbrenner und die Sozialökologie der menschlichen Entwicklung» in Heft 3 der Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, Bronfenbrenner, 2006). Hierbei legte Bronfenbrenner eine systemische Sichtweise zugrunde, die i. S. einer Forschungsheuristik zunächst vier Systemebenen als Entwicklungskontexte in den Mittelpunkt stellte: Mikrosysteme wie die Familie, die i. d. R. in einem spezif. räumlichen Setting agieren und sich durch charakteristische Aktivitäten, Rollen und Beziehungen auszeichnen, Mesosysteme, die durch Übergänge und Interdependenzen zw. einzelnen Mikrosystemen entstehen und – je nach Ausgestaltung der Bezüge – den Wechsel zw. diesen Mikrosystemen in unterschiedlichem Maße erleichtern oder erschweren können (aktuell diskutiert z. B. im Hinblick auf die Kooperation bzw. Erziehungs- und Bildungspartnerschaft von Elternhaus und Schule), Makrosysteme, die durch Wirtschaftsstrukturen, das Rechtssystem und kult. Faktoren (Kultur) charakterisiert sind, und Exosysteme, denen die sich entwickelnde Person zwar nicht selbst angehört, die aber indirekten Einfluss ausüben (z. B. als «long arm of the job», d. h., Einflüsse der elterlichen Erwerbsarbeit auf das Familienleben, durch die Zeitstrukturen und Erfahrungen der Eltern im Berufskontext auch für die Kinder relevant werden). Einen wichtigen Ausgangspunkt lieferte hierbei die Kritik sog. «Social Address-Modelle», die globale Deskriptoren wie Schichtzugehörigkeit (Status, sozioökonomischer) oder Familienform als «Briefkastenadresse» verwenden, ohne sich um eine nähere Charakterisierung der spezif. Lebensumstände zu bemühen und ohne herauszuarbeiten, welche Faktoren hinter dieser «sozialen Adresse» letztlich für die Entwicklung ausschlaggend sind. Im Ggs. hierzu stellte Bronfenbrenner die Bedeutung proximaler Prozesse und Faktoren heraus, die sich an überdauernden Strukturen von Interaktionen im direkten Kontext festmachen lassen und für die konkreten Erfahrungen der Beteiligten maßgeblich sind.

Zwei wesentliche Erweiterungen erfuhr das sozial-ökologische Modell der Entwicklung zum einen durch den Einbezug der Lebensverlaufsperspektive, die mit dem Fokus auf das Timing von Lebensereignissen (Entwicklungsaufgaben, Life-Event-Forschung) und Transitionen (z. B. Übergang von der Schule in die Berufsausbildung bzw. den Beruf) die Bedeutung zeitlicher Faktoren akzentuiert. Mit der Ergänzung der vier Systemebenen um das Chronosystem führte Bronfenbrenner PPCT-Modelle (Person, Process, Context, Time) ein, die neben personalen und Kontextfaktoren sowie entwicklungsrelevanten Prozessen auch zeitliche Faktoren (Lebensphase, historische Zeit) berücksichtigen. Zum anderen hat Bronfenbrenner seine Konzeption als bio-ökologisches Modell weiterentwickelt, das die Debatte um Erbe und Umwelt (nature/nurture, Anlage-Umwelt) aufgreift und die Rolle organismischer, genetischer und physiol. Faktoren (Verhaltensgenetik) in der Erfahrungsbildung und Handlungssteuerung im sozialen Kontext hervorhebt. Diese breit angelegte Forschungsheuristik bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für Forschungsarbeiten, die indiv. Dispositionen wie auch Kontextfaktoren als interdependente Schrittmacher für Entwicklung in den Blick nehmen, wobei Entwicklung hier als aktiver Prozess verstanden wird, der durch das handelnde Subjekt auf der Basis subj. Erfahrungen mitgestaltet wird. I. d. S. ist das bio-ökologische Entwicklungsmodell den interaktionistischen Paradigmen der Entwicklungsps. zuzurechnen.

Referenzen und vertiefende Literatur

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