Entwicklung, soziokultureller Ansatz nach Wygotski

 

[engl. development, socio-cultural approach], [EW, KOG, SOZ], Lew S. Wygotski (engl. Vygotsky) (1896–1934; Begründer der sog. kulturhistorischen Schule der sowjetischen Ps.) hat eine dezidiert soziokulturelle Perspektive in die Entwicklungsps. eingebracht. Während des Stalinismus drohten seine Arbeiten in Vergessenheit zu geraten, aber seit den 1970er-Jahren werden sie wieder verstärkt rezipiert und gelten heute als wichtigster ps. Beitrag zum Sozialkonstruktivismus. Die zentrale Annahme Wygotskis ist, dass psych. Prozesse einen sozialen Ursprung besitzen und jede psych. Funktion zunächst eine soziale und äußere war, bevor sie verinnerlicht und zur i. e. S. psych. wird. Wygotski spricht von Interiorisation als einem fundamentalen Gesetz psych. Entwicklung (=E.). Weil er schon den Säugling «mit seiner gesamten Lebensweise» auf die Kommunikation mit Erwachsenen ausgerichtet sieht, steht es für Wygotski außer Frage, dass bereits die ersten Kontakte des Menschen mit der Realität soziokulturell vermittelt sind. Für dieses Verständnis von psych. E. ist die Vermittlung über psych. Werkzeuge wie Sprache und andere Formen sozialer Symbolik (Symbol) von außerordentlicher Bedeutung, und Wygotski sieht den Schlüssel für das Verständnis kognitiver Entwicklung in der Untersuchung der Begriffsentwicklung und Wortbedeutungen. Hierin und in der Auffassung von psych. E. als einem diskontinuierlichen Prozess mit Übergängen zw. altersspezif. charakteristischen Denkformen (Denken) bestehen deutliche Parallelen zw. Wygotski und Piaget (Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget). Auch die von Wygotski herausgearbeiteten Etappen der Begriffe. zeigen hohe Übereinstimmungen zum Phasenmodell Piagets. So charakterisiert Wygotski die vorschulischen kindlichen Begriffsbildungen als Komplexe oder Pseudobegriffe, die unmittelbar an sinnliche Erfahrung gebunden, anhand zufälliger Merkmale gebildet sind und i. S. von «Familienbez.» fungieren. Demgegenüber spricht Wygotski bei im Schulalter gebildeten «Alltagsbegriffen» dem Wort eine andere Funktion zu, insofern die zugrunde liegenden Gegenstandsmerkmale logisch begründet und hierarchisch klassifiziert sind. Hiervon grenzt Wygotski noch wiss. Begriffe ab, die wesentlich auf Abstraktionen beruhen und die Konstruktion abstrakter Systeme erlauben. Im Unterschied zu Piaget betont Wygotski aber als Hauptrichtung der E. des kindlichen Denkens, dass diese «nicht vom Individuellen zum Sozialisierten, sondern vom Sozialen zum Individuellen» (Wygotski, 1972, 44) verläuft. In diesem Zusammenhang widerspricht er bezogen auf das Phänomen des «egozentrischen Sprechens» der Interpretation Piagets, indem er es als «von Anfang an sozial» und i. S. seiner Interiorisationshypothese als Übergangsphänomen zum inneren Sprechen versteht. Bezogen auf den Beziehungsaspekt von E. ist Wygotskis Konzept der Zone der nächsten Entwicklung von bes. Bedeutung: Hierdurch lenkt Wygotski den Blick auf das, was das jew. Kind in einem interaktiven Zusammenhang optimal zu erfassen vermag. Im asymmetrischen Verhältnis Kind-Erwachsener ist dieser E.bereich definiert durch die Differenz zw. dem Niveau der Aufgabenlösung unter Anleitung und dem Niveau selbstständiger Lösung. Bezogen auf symmetrische Beziehungen unter Kindern identifiziert Wygotski im kollektiven Als-ob-Spiel den Raum, in dem die Kinder sich in der Zone der nächsten E. befinden, insofern sie in der Fantasie über sich selbst hinauswachsen und spielerisch realisieren, was im Alltag noch nicht gekonnt wird.

Referenzen und vertiefende Literatur

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