Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget

 

[engl. development, Piaget's stage theory], [EW, KOG], nach dem Verständnis von Piaget (Piaget, Jean, 1896–1980) verläuft die geistige Entwicklung (= E.;  Entwicklung, kognitive) des Menschen über qual.-unterscheidbare Stufen (Entwicklungsphasen, -stufen). Diese Stufen unterscheiden sich primär darin, wie der Mensch sein Wissen über die Welt subj. repräsentiert (Repräsentationsstufen). Piaget unterschied drei Repräsentationsstufen, nämlich eine sensu-motorische, eine vorstellungsbezogene oder konkrete und eine formal-logische oder zeichenhafte. Innerhalb jeder Stufe geht es darum, unkoordinierte oder schlecht koordinierte Schemata in logische Strukturen zu integrieren (Strukturgenese). Dadurch werden aus (unverbundenen) «actions» «reversibleopérations». Da Piaget diesen Erwerb von Strukturen am häufigsten und auch mit den eindrücklichsten exp. Einfällen an Kindern zw. fünf und acht Jahren demonstrierte, hat es sich eingebürgert, die E. innerhalb dieser Repräsentationsstufe auf zwei große E.stufen aufzuteilen, weshalb viele Darstellungen dieser Theorie insges. vier E.stufen unterscheiden, nämlich eine sensu-motorische Entwicklungsstufe, eine sog. prä-operatorische Entwicklungsstufe, eine onkret-operatorische Entwicklungsstufe und eine formal-operatorische Entwicklungsstufe. Dies schien eine Zeit lang umso gerechtfertigter, als am Anfang der Eindruck vorherrschte, im Alter von etwa sechs Jahren würden die meisten Kinder die konkreten Operationen in allen inhaltlichen Bereichen erreichen.

(1) Auf der ersten Stufe (sensu-motorische E.stufe) erwirbt das Kind praktisch-räumliche Umgangsweisen mit seiner Welt, mit denen es gleichzeitig seine sinnliche Wahrnehmung organisiert. Dies sind Lokomotionen (Lokomotion) im Raum oder die Erkenntnis konstanter Größe von Gegenständen trotz unterschiedlicher Entfernung, «gleicher» Farbe trotz unterschiedlicher Beleuchtung oder das Wiedererkennen der Mutter und anderer Personen oder das Vermissen einer abwesenden Person (sog. Objektpermanenz). Die erste Stufe entwickelt sich im Wesentlichen über die ersten 18 Monate. (2) Auf der prä-operatorischen E.stufe kann sich das Kind Weltausschnitte und den Umgang mit ihnen mental vorstellen, auch wenn sie nicht aktuell präsent sind. Dadurch kann es Zusammenhänge denken (Denken), z. B. ursächliche Beziehungen (Kausalität) oder einen längeren und unübersichtlichen Weg zu einem best. Ziel. Die Zusammenhänge werden aber noch oft falsch oder zu einfach gedeutet, weil es noch nicht über die eigentlichen konkreten Operationen verfügt. (3) Dass Kinder mehrere Aspekte der gleichen Realität gleichzeitig und realitätsgerecht berücksichtigen können, macht die konkret-operatorische Stufe aus. Es kann sich z. B. vorzustellen, dass der Transport von sechs Kisten zum gleichen Ergebnis führt, wenn man dreimal läuft und je zwei Kisten trägt wie wenn man zweimal läuft und je drei Kisten trägt. Nach Piagets Überzeugung erreichen diese Vorstellungsschemata ab etwa dem sechsten Lebensjahr auf breiter Front Operationscharakter, d. h. sie vernetzen sich zu verlässlichen reversiblen kogn. Strukturen. (4) Die vierte Stufe ist die formale (ab etwa elf Jahren und oft viel später). Ab dieser Stufe wird der abstrakte Umgang mit der Welt möglich, d. h. der Umgang mit Namen und Zeichen ohne aktuelle Vorstellung des Gemeinten. Wie auf der ersten und der zweiten/dritten Stufen geht es auch auf dieser Stufe darum, zunächst unverbundene kogn. Aktionsschemata in kogn. Strukturen (Strukturgenese) einzubinden, woraus die formalen Operationen entstehen. Wer z. B. weiß, dass die Fläche eines Quadrats immer die Quadratur einer Seite ist, kann verlässlich schließen, dass ein Quadrat von 2 m Länge 4 m² umfasst.

Beim Erklimmen je höherer Stufen gehen die Fähigkeiten der vorausgehenden Stufen nicht verloren; auch die Aktivitäten der versch. Stufen verbinden sich systematisch. Die Lebensalterangaben werden heute nicht mehr so ernst genommen; es gibt große interindiv. und indiv.-bereichsspezif. Unterschiede (décalage).

Verwendete Literatur

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