Entwicklungspsychopathologie

 

(= E.p.) [engl. developmental psychopathology], Psychopathologie, [EW, KLI], die E.p. ist eine eigenständige wiss. Teildisziplin, die an der Schnittstelle zw. Klin. Kinderpsychologie und E.psychologie entstand. In Abgrenzung zu diesen Disziplinen beschäftigt sich die E.p. mit den Ursachen und dem Verlauf individueller Muster normalen und auffälligen Verhaltens (Verhaltensstörungen). Dabei wird angepasstes wie auch fehlangepasstes Verhalten als ein Resultat eines dynamischen Wechselspiels von biospsychosozialen Risikofaktoren und Ressourcen in der Entwicklung aufgefasst. Die E.p. beschränkt sich gegenüber der Klin. Kinderps. nicht nur auf das bloße Untersuchen der Entstehungsbedingungen und Auswirkungen psych. Störungen in einem best. Alter. Vielmehr betont sie den Prozesscharakter pathologischen Geschehens, indem auch der bisherige Verlauf von Anpassung und Fehlanpassung gegenüber entwicklungstypischen Herausforderungen berücksichtigt wird. Durch die Betrachtung von E.verläufen über die gesamte Lebensspanne (Lebensspannenpsychologie) können der Beginn und Verlauf psych. Störungen, ihre gleich bleibenden oder wechselnden Erscheinungsformen, ihre Vorboten, Begleit- und Folgeerscheinungen ermittelt werden. In Abgrenzung zur E.ps., die sich ausschließlich der normalen E. von Kindern und Jugendlichen widmet, vergleicht die E.p. sowohl unauffällige als auch pathologische E.

Die Komplexität menschlicher E. erfordert dabei eine interdisziplinäre und integrative Sichtweise. So bedient sich die E. Kenntnissen versch. Disziplinen (z. B. Genetik) sowie fachspezifischen wie auch fachübergreifenden Forschungsmethoden (z. B. Längsschnittuntersuchung und Querschnittuntersuchung, Familien- und Adoptionsstudien). Für die E.p. ist v. a. der Einsatz von Längsschnittstudien unverzichtbar, weil sich mit dieser Forschungsmethode indiv. E.verläufe dokumentieren bzw. interindiv. versch. Verläufe miteinander vergleichen lassen. Auf diese Weise können Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie altersgemäße Veränderungen in der angepassten und fehlangepassten E. identifiziert werden. Von großer Bedeutung ist auch die Untersuchung von versch. Äußerungsformen einer psych. Störung im E.verlauf und des Einflusses von Alter und vom E.stand. So kann sich etwa Depression im Kindesalter in anderen Verhaltensweisen als im Jugendalter (Adoleszenz) manifestieren, wodurch sich versch. Interventionstrategien ergeben. Zentral für die E. ist die Frage, ob die genannten Verhaltensweisen zu den versch. Zeitpunkten in einer systematischen Beziehung stehen.

Eine weitere Aufgabe der E.p. besteht in der Klärung der Frage, wie Anpassung und Fehlanpassung erklärt werden können. Dazu bedient sie sich dem Konzept der Risiko- und Schutzfaktoren bzw. Ressourcen (Salutogenese). Risikofaktoren stellen Bedingungen dar, die die Wahrscheinlichkeit einer Fehlanpassung erhöhen und so eine psych. Störung begünstigen. Ressourcen dienen entweder dazu Fehlentwicklungen abzumildern (Schutzfaktoren) oder auszugleichen (Kompensationsfaktoren) und werden erst unter pathogenen Umständen wirksam. Im Fokus stehen das Zusammenwirken von Risikofaktoren und Ressourcen und deren Auswirkungen über die Zeit. Grundsätzlich führen ungünstige Ausgangsbedingungen nicht zwingend bei allen Betroffenen zu Beeinträchtigungen (Multifinalität). Auch lassen sich psych. Störungen nicht auf eine Ursache zurückführen, sondern resultieren aus unterschiedlichen Ausgangsbedingungen und E.verläufen (Äquifinalität). Ob und in welcher Intensität sich ein Risikofaktor ungünstig auf den weiteren E.verlauf auswirken kann, ist auch entscheidend durch die Vulnerabilität einer Person mitbestimmt. Der Begriff Vulnerabilität umschreibt eine bes. Empfindlichkeit gegenüber Umweltbedingungen, die von Geburt an vorhanden sein kann oder erworben wurde. Zudem unterscheiden sich Personen in ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Umständen (Resilienz), welche v. a. durch die gelungene Bewältigung von Anforderungen und Risiken erworben wird.

Die E.p. trägt zu einem besseren Verständnis psych. Störungen bei, indem sie den klin. Anwendungsgebieten empirisch fundierte Modelle über die E.abfolge von psych. Störungen unter Berücksichtigung von deren Vorläufern und Ausdifferenzierungen liefert. Sie stellt damit einen e.orientierten Bezugsrahmen für den rechtzeitigen Beginn, den Aufbau und die Abfolge von Präventions und Interventionsprogrammen. Darüber hinaus ergeben sich Empfehlungen für die Diagnostik (Entwicklungsdiagnostik) und Aussagen zur E.prognose.

Referenzen und vertiefende Literatur

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