Epistemologie, genetische

 

(= g. E.) [engl. genetic epistemology], Epistemologie, [EW, KOG, PHI], der Begriff g. E. wurde von Piaget (Piaget, Jean; Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget) geprägt und kennzeichnet das Anliegen seiner gesamten Forschung. Piaget war ein ausgebildeter Zoologe mit starken phil. Interessen. Um zu überleben und um Ziele zu erreichen, muss der Mensch wie alle Lebewesen mit seiner Umgebung erfolgreich interagieren. Dazu gehört eine adäquate Erkenntnis der Welt. Geprägt durch das biol. Denken des 19. Jhd., sollte das Erkennen resp. die Kognition nach Piaget aus ihrem Entstehen verstanden werden, d. h., die Erkenntnistheorie (Epistemologie) sollte genetisch betrieben werden. Und natürlich wollte der naturwissenschaftlich ausgebildete genetische Epistemologe seine Forschung empirisch betreiben. Weil aber die Geschichte der menschlichen Kognition empirisch nur sehr lückenhaft erschlossen werden kann, untersuchte Piaget die Entstehung des Wahrnehmens (Wahrnehmung) und Denkens an Kindern: So wurde aus dem naturwiss. Philosoph Piaget (nebenbei oder fast versehentlich) ein Entwicklungspsychologe. Piagets E. ist grundlegend konstruktivistisch (Konstruktivismus): Die (Denk-)Begriffe (von Piaget auch Assimilationsschema oder einfach Schemata genannt) sind Kreationen des denkenden und erkennenden Menschen, mit denen er auf die Welt zugeht (Assimilation), die er fortlaufend an der Realität prüft und notfalls anpasst (Akkommodation). Wahrnehmungen, Begriffe, Meinungen oder Überzeugungen sind nie definitiv wahr, sondern immer vorläufig wahr, so lange eben, als sie sich bewähren. Dabei bleibt ein Problem, nämlich dass die Wahrnehmung der Bewährung letztlich in der gleichen Weise relativ ist. Im Laufe der Genese resp. der Entwicklung schließen sich die Erkenntnisinstrumente oder Schemata zu Strukturen zus., wodurch immer komplexere kogn. Leistungen möglich werden (Strukturgenese). Die elementarsten kogn. Schemata resp. Strukturen sind sensu-motorische, sie werden im Laufe der Entwicklung überhöht (nicht ersetzt) durch Denken mit Vorstellungen und schließlich gar mit abstrakten Zeichen. Dem phil. Grundinteresse Piagets entspricht auch, dass er die g. E. nur für den «Normalfall» nachzeichnete und interpretierte. Ihn interessierten die Kompetenzen der großen normalen Mehrheit und nicht die einzelnen Performanzen unter spez. Umständen (Motivationsschwankungen, zufällige Immissionen etc.) oder die Leistungen von versch.artig eingeschränkten oder behinderten Menschen (Intelligenzminderung, Behinderung).

Referenzen und vertiefende Literatur

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