Extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS)

 

[engl. extrapyramidal symptoms, extrapyramidal side-effects], auch extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen, extrapyramidale Nebenwirkungen, Abk. EPMS, im Engl. auch EPS, [PHA], unerwünschte Wirkungen, die durch Antipsychotika/D2-Dopaminrezeptor-Antagonisten ausgelöst und durch die Verminderung der dopaminergen Neurotransmission im extrastriatalen System durch diese Substanzen erklärt werden. Es werden fünf versch. Syndrome voneinander abgegrenzt: Frühdyskinesien, Akathisie, Parkinsonoidmalignes neuroleptisches Syndrom (NMS), Spätdyskinesien. NMS und Spätdyskinesien sollten besser als Komplikationen denn als unerwünschte Wirkungen einer Therapie mit Antipsychotika bez. werden. Frühdyskinesien treten i. d. R. innerhalb der ersten 24–48 Std., immer jedoch innerhalb der ersten Woche, nach Beginn der Behandlung mit einem Antipsychotikum auf. Es handelt sich um unwillkürliche, dystone, choreatische, athetoide oder torsionsdystone Bewegungsabläufe, i. d. R. der Muskulatur des Kopfes, des Halses oder der oberen Extremitäten. Es kommt zu Kontraktionen der Zunge und der mimischen Muskulatur, typisch sind auch Blickkrämpfe. Als Opisthotonus wird ein Krampf der Streckmuskulatur des Rückens bez. Spasmen der Larynx- (= Kehlkopf) und Pharynx- (= Schlund) Muskulatur können lebensbedrohlich sein. Bes. sensibel für die Entwicklung von Frühdyskinesien sind junge Männer. Frühdyskinesien werden bes. häufig bei Behandlung mit hochaffinen klass. Antipsychotika (z. B. Haloperidol) beobachtet, generell nimmt die Inzidenz mit der verabreichten Dosis des Antipsychotikums zu. Die Behandlung besteht in der Verabreichung von Anticholinergika, ggf. initial intravenös.

Unter Akathisie versteht man eine subj. als quälend empfundene Unruhe, die mit der Unfähigkeit verbunden ist, ruhig sitzen zu bleiben, und dem Drang sich zu bewegen. Eine Akathisie tritt meist in der ersten Behandlungswoche auf, bei sehr empfindlichen Personen kann schon eine Einmalgabe zur Akathisie führen. Auch hier steigt das Risiko dosisabhängig, bes. häufig ist eine Akathisie unter hochaffinen klassischen Antipsychotika. Wichtigste therap. Maßnahme ist die Dosisreduktion, ggf. kann vorübergehend ein Betablocker versucht werden. Das Parkinsonoid ist ein medikamentös induziertes Parkinson-Syndrom, dessen Symptomatik von einem Morbus Parkinson ununterscheidbar sein kann. Bei älteren Pat. ist er gelegentlich eine wichtige Differenzialdiagnose. Es entwickelt sich meist innerhalb von einigen Tagen bis wenigen Wochen nach Beginn der Behandlung mit einem Antipsychotikum. Wie der M. Parkinson ist es charakterisiert durch Bradykinese (= Verlangsamung der Bewegungen) bis zur Akinese, kleinschrittigen Gang, Hypo- und Amimie, Hypersalivation, Rigor und von Tremor, i. d. R. der oberen Extremitäten. Ausgeprägte Blockade von D2-Dopaminrezeptoren durch hohe Antipsychotika-Dosierungen und/oder Gabe hochaffiner klassischer Antipsychotika erhöht auch das Risiko für ein Parkinsonoid. Unter Antipsychotika, die einen sehr schwachen Antagonismus von D2-Rezeptoren entfalten (z. B. Clozapin und Quetiapin) kommt ein Parkinsonoid (wie auch Frühdyskinesien) praktisch gar nicht vor. Differenzialdiagnosen sind neben dem M. Parkinson eine Neg.symptomatik oder ein i. R. einer Schizophrenie auftretendes depressives Syndrom. Wichtigste Behandlungsmaßnahme ist auch hier die Dosisreduktion, ggf. die Umstellung auf ein anderes Präparat, vorübergehend können Anticholinergika gegeben werden. Zum malignen neuroleptischen Syndrom siehe dort. Spätdyskinesien sind Komplikationen einer längerfristigen, mind. mehrmonatigen, i. d. R. aber mehrjährigen, antipsychotischen Therapie. Im höheren Lebensalter treten sie manchmal auch spontan, d. h. ohne antipsychotische Behandlung, auf. Meist beginnen sie als unwillkürliche, stereotype Bewegungen im Bereich der Zungen-, Mund- und Gesichtsmuskulatur. Wird die antipsychotische Behandlung unverändert fortgesetzt, sind später auch die Extremitäten- und Rumpfmuskulatur betroffen. Spätdyskinesien verschwinden im Schlaf, ihre Intensität kann bei emot. Erregung zunehmen. Die Inzidenz nimmt mit dem Alter deutlich zu, wobei Frauen häufiger betroffen sind. Spätdyskinesien sind schwer zu behandeln und oft irreversibel. Ihrer Prävention durch rationale und möglichst niedrig dosierte Behandlung kommt daher die wichtigste Bedeutung zu. extrapyramidales System.

Referenzen und vertiefende Literatur

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