Fallstudie

 

[engl. case study], [FSE, KLI, PER], eine Untersuchungsmethode vornehmlich der Persönlichkeits- und der Klin. Ps, mit dem Ziel, die indiv. Eigenart eines Menschen oder spez. komplizierte Fragestellungen zu erfassen. «(Sie) ist … ein umfassender Rahmen, in den alle relevanten und bedeutsamen Daten, die sich auf eine Einzelpersönlichkeit beziehen, zusammengefasst und eingeordnet werden müssen» (Allport, 1970). Dies erfordert ein bes. eingehendes Studium der Einzelperson, Sammeln und Verarbeiten aller erreichbaren Daten (z. B. anamnestische-biografische Daten, diagn. Testdaten). Die Ergebnisse werden entweder qualitativ (interpretativ-hermeneutisch) i. S. der «verstehenden Ps.» (Hermeneutik, Verstehen, verstehende Psychologie) oder quant.-stat. (N = 1) i. S. des Wissenschaftsbegriffes der exakten Natur- und Sozialwiss. verwendet (Dukes, 1965; Einzelfallexperiment). Unter den F. befinden sich so bekannte wie die von Ebbinghaus «Über das Gedächtnis», die Wahrnehmungsexperimente von Stratton, die «Krankengeschichte Frl. Anna O. …» von Breuer und Freud, die Studie zur exp. Neurosenforschung von Watson und Rayner oder der Bericht von Jacobson über die neuromuskuläre Aktivität und das Empfinden bei einem Amputierten. Manche von diesen Studien waren Anstöße für große Entwicklungen auf dem Gebiet der Forschung und Theorienbildung, womit schon angedeutet ist, dass es weitere, meist umfangreichere Arbeiten brauchte, um die jew. aufgeworfenen Fragen zu klären oder um die Ergebnisse auf eine breitere Basis stellen zu können.

In der Klin. Ps. hat sich wegen der Mängel der Gruppenuntersuchung seit Langem die exp. Einzelfallstudie angeboten. Damit aber therap. Effekte auf die angewendeten Interventionen zurückführbar sind, müssen Alternativerklärungen ausgeschaltet werden können (externe oder interne Entwicklung, Sensibilisierung durch die Messung, stat. Fluktuation u. a.). Dies geschieht dadurch, dass man die Herstellbarkeit therapeutischer Effekte durch willkürliches Ein- und Absetzen der Intervention versucht nachzuweisen. Nach einer Grundlinie (baseline), die so lange fortgeführt wird, bis die Veränderung sich aufgrund der Sensibilisierung durch die Messung und Fluktuationsphänomene stabilisiert hat, wird die therapeutische Intervention eingeführt, bis ein deutlicher Effekt sichtbar wird. Danach wird sie wieder abgesetzt, um zu zeigen, dass der Effekt auf die Intervention zurückging, um sie später wieder einzuführen und allmählich auslaufen zu lassen (withdrawal design). Eine Variante dieser Versuchsanordnung ist das reversal design, in dem vorzugsweise in lerntheoretisch orientierten Therapieformen therapeutische Kontingenzen nach der Grundlinie zunächst auf das Zielverhalten und dann auf ein dem Zielverhalten entgegengesetztes Verhalten (z. B. Aufmerksamkeit oder Störverhalten) angesetzt wird. Erweisen sich die Therapieeffekte als nicht reversibel, bietet sich das sog. multiple-baseline design an, in dem dieselbe therapeutische Maßnahme entweder auf versch. Ausschnitte des Verhaltensspektrums, auf versch. Situationen oder versch. Individuen einer Klientel angewendet wird.

Ergebnisse solcher Einzelfallexperimente erlauben streng genommen keine Generalisierung über die untersuchte Person hinaus, können aber für sie als repräsentativ angesehen werden. Um trotzdem verallgemeinerungsfähige Befunde zu erhalten, bedient man sich der Replikation und genauen Beschreibung der untersuchten Personen und stützt sich auf die Möglichkeit der logischen Generalisierung. Derartige Untersuchungen dienen nicht nur der Forschung, sondern auch der Therapiekontrolle im praktischen Einzelfall. Es ist auch möglich, derartige Ergebnisse stat. abzusichern, wenn über den gesamten Therapieverlauf wiederholte Messungen vorliegen. Zur Auswertung lässt sich die übliche Statistik (z. B. t-Werte zw. versch. Therapiephasen) nicht verwenden, da die Voraussetzung der Unabhängigkeit der Messwerte innerhalb der Phasen nicht gewährleistet ist. Die Zeitreihenanalyse stellt diese sequenzielle Abhängigkeit der Daten einer Person in Rechnung, indem sie ein Modell dafür findet (z. B. Boxs ARIMA-Modell) und dieses Modell eliminiert. Es verbleiben dann sequenzielle unabhängige Residuen, auf die die üblichen Statistiken (z. B. Korrelation, Varianzanalyse) angewendet werden können. Vielfach erübrigt sich die stat. Analyse von Einzelfalldaten, weil die Effekte so deutlich sind, dass sie keiner weiteren Absicherung bedürfen. Darüber hinaus sind undeutliche Effekte, die nunmehr stat. hervortreten, für die klin. Praxis oft irrelevant. Hier kann die Statistik jedoch eine «Lupe» darstellen, mit deren Hilfe Wirkungstendenzen aufgespürt werden, die mit veränderten Maßnahmen verstärkt werden können. Unabhängig vom Nachweis von Effekten hat die Einzelfallstudie in der explorativen, hypothesenbildenden Phase von Forschung eine große Bedeutung (Forschungsprozess). Auch hier haben sich jedoch gegenüber frühen Studien die Ansprüche gewandelt. So werden neben der Sicht der Therapeuten diejenige der Pat. und unabhängiger Beurteiler, quant. Daten und Videobänder einbezogen, und es wird auf sophistizierte Methoden der qual. Forschung (Qualitative Sozialforschung) zurückgegriffen.

Verwendete Literatur

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