Farbenlehre, Farbtheorie

 

[engl. chromatics, color theory], [WA], die gegenüber anderen Sinnesgebieten ausgezeichnete Bedeutung von Begriffen wie «Farbenlehre» und «Farbe» ergibt sich aus der wahrscheinlich nur historisch zu verstehenden Auseinandersetzung um die Frage nach dem «Wesen» der Farben, die sich in der Tradition Goethes über Schopenhauer, Hering bis in die Gegenwart erhalten hat. Dabei ist heute nicht strittig, ob Newton oder Goethe recht hatte, sondern ob vorwiegend reizorientierte (Reiz) oder phänomenologische (Phänomen, Phänomenologie) Ansätze fruchtbarer seien. Im Bereich der Theorien des Farbensehens hat sich der ursprünglich zw. Herings und Helmholtz’ Auffassung bestehende Ggs. weitgehend nivelliert, und man versucht, die physiol. Befunde je nach ihrer bes. Beschaffenheit mehr i. S. der einen oder anderen Theorie zu interpretieren. Schwieriger gestaltet sich die Entscheidung zw. dem, was physikal. begründbar ist und was nicht. Extrem physikorientierte Positionen nehmen die Kolorimetrie und Photometrie ein. Die Kolorimetrie versteht sich als Farbreizmetrik, die mit rein physikal. Maßstäben misst und die Farbempfindung meth. und sachlich entbehren kann. Hierbei muss zw. Def. unterschieden werden, die die Empfindung in ihrer Variation zugunsten der Messgenauigkeit einschränken, und der Behauptung, die Kolorimetrie ließe sich von der Physik aus aufbauen. Soweit Farbenmischungen ihre Grundlage sind, kann davon keine Rede sein, denn es gibt keinen physikal. Ausdruck, der mithilfe von Strahlungsgrößen (Wellenlängen, Schwingungsfrequenz, Strahlungsenergie) den Vorgang der Farbenmischung beschreiben könnte. Eine Farbgleichung in Form einer Vektoradditionsgleichung rR + gG + bB reduziert sich, physikal. gesehen, auf eine Energiegleichung, in der lediglich die von den Komponenten r, g, b ausgedrückten Energiebeträge summiert werden. Die Vektoren R G B bez. zwar die zu mischenden Strahlungen, diese aber bleiben im Gemisch unverändert, es entsteht keine andere Wellenlänge, von der sich das Aussehen des Gemisches aus physikal. Gründen herleiten ließe. Welche neue Farbe das Gemisch hat, kann nur eine Vp aussagen, wobei die Beschränkung auf das kolorimetrische Gleichurteil einen spez. Fall psychophysischer Methode darstellt, aber keineswegs bedeutet, dass man auf die Farbenempfindung verzichtet habe. Der aus Farbmischversuchen hergeleitete Farbraum hat infolgedessen auch keinen physikal. Sinn. Die Verwendung physikal. Maße und Einheiten hat praktische Gründe in Gestalt einer eindeutigen Fixierung der Ausgangsgröße als Strahlungen betreffender Wellenlängen in einem best. Energieverhältnis. Auf den Empfindungsvergleich kann auch die Photometrie nicht verzichten, und die Schwierigkeit bzgl. der Additivität von Helligkeiten versch. aussehender Farben ist ein rein psychol. Problem des Vergleiches (Hellempfindlichkeit), nicht der Additivität der Strahlungsgrößen. Es ist dabei legitim, das Problem der Helligkeit versch. Farben für alle praktischen Bedürfnisse durch Vereinbarung zu lösen, soweit aber «Licht» und «Farbe» Gegenstand der Erkenntnis sind, können keine Def. aufrechterhalten werden, die dem Phänomen nicht gerecht werden. Die Kolorimetrie und Photometrie haben nicht das Ziel, theoretische Sätze zu formulieren. Insofern man aber die Farbenmischungen und den Helligkeitsbegriff der Photometrie als konstituierende Momente einer Farbentheorie gelten lässt, darf nicht übersehen werden, dass sie sich nicht als physikal. Vorgänge ausdrücken lassen. Dies gilt z. B. für die Psychoakustik weit weniger, denn wegen der größeren strukturellen Entsprechung der Frequenzen von Druckwellen einerseits und Tonhöheerlebnissen andererseits lassen sich die Abfolgen aller reinen Töne mithilfe der physikal. Frequenzskala als logarithmische Funktion ausdrücken. Auf dem Gebiet der Farben gibt es keine entspr. physikal. Variable und den Farbenmischungen entspricht kein strukturgleicher physikal. Vorgang. Andererseits haben Psychologen ebenso wie Physiologen die Gesetze der Farbenmischungen zur Entwicklung physiol. Hypothesen aufgegriffen (G. E. Müller u. a.), aber nicht versucht, die Farbgeometrie zum Gegenstand psychol. Sätze zu machen. Eigentlich psychol. Untersuchungen beziehen sich meist auf Kontrast, Nachbilder und Farbkonstanz oder phänomenologisch beschreibend auf die Erscheinungsweisen der Farben (Katz, Helson, Kanizsa). Es gibt aber auch moderne Versuche, die – sich direkt an Goethe anlehnend – in phänomenologischer Schau den gesamten Zusammenhang der Farberlebnisse, ihre Wirkungen und ihre Bedeutungen zum Gegenstand machen (Heimendahl). Farbwahrnehmung.

Verwendete Literatur

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