Fechner, Gustav Theodor

 

(= F.) (Pseudonym: Dr. Mises) (1801−1887), [HIS, KOG, PHI]. Bedeutender Physiker und Gelehrter des 19. Jahrhunderts; Mitbegründer der experimentellen Psychologie und der Psychophysik (Brozek & Gundlach, 1988, Gundlach, 1993, Heidelberger, 1993, Kuntze, 1892, Lennig, 1994). F. wurde in Großsärchen (heute Żarki Wielki, Polnische Republik) bei Muskau, Niederlausitz, geboren. Er entstammte der Familie eines Pfarrers, der früh verstarb. F. begann, noch nicht 16 Jahre alt, das Studium der Med. in Leipzig, das er bis zum Abschluss im Jahr 1819 führte. Vermutlich aus finanziellen Gründen erfolgte jedoch nicht die übliche feierliche Promotion, so dass F. den Doktortitel nicht führen durfte. Den Arztberuf übte F. nicht aus. Nach seinen eigenen Aussagen lernte F. weniger durch Vorlesungen als durch das Literaturstudium; von seinen Professoren schätzte er den Physiologen Ernst Heinrich Weber, den er als «Vater der Psychophysik» bezeichnete, und den Mathematiker und Astronom Carl Brandan Mollweide. F. veröffentlichte unter dem Pseudonym Dr. Mises mehrere kleinere Schriften: Gedichte, Rätsel, Satiren zur Med. usw. Obwohl sehr bald bekannt war, wer hinter diesem Namen steckte, benutzte F. dieses Pseudonym mehrere Jahrzehnte.

Durch die Lektüre von Lorenz Okens Lehrbuch der Naturphilosophie wurde das phil. Interesse von F. geweckt. 1823 habilitierte sich F. in der Philosophischen Fakultät. In seiner knappen, programmatischen Habilitationsschrift betonte F. die Notwendigkeit, für alle Wissenschaften allg. Grundlagen zu finden. Vermutlich unter Bezug auf Herbart begründete F. die Bedeutung der Mathematik für die Wissenschaften. F. finanzierte sich durch Unterrichtsstunden und kleinere Schriften für Studierende. Es folgten Übersetzung von Lehrbüchern aus dem Französischen wie J. B. Biots Lehrbuch der Experimental-Physik (4 Bände, 1824/25) und L. J. Thénards Lehrbuch der theoretischen und praktischen Chemie (6 Bände, 1825−27), die F. erheblich überarbeitete. Ebenso diente 1834−1838 die Herausgabe eines achtbändigen Hauslexikons, für das F. mehr als ein Drittel der Eintragungen selbst verfasste, der Sicherung seiner Einkünfte. Von 1831 bis 1839 gab F. zudem das Pharmazeutische Central­blatt heraus. Im Jahr 1834 wurde F. in Nach­folge von H. W. Brandes (1777−1834) o. Professor der Physik an der Philo­sophischen Fakultät der Universität Leipzig. F. hielt Vorlesungen, u. a. zur Philosophie und Physik, und er experimentierte in seinem privaten Laboratorium über Galvanismus und Fragen der Optik. Viele Befunde sind noch heute mit seinem Namen verbunden  (Erinnerungsnachbild, Fechner’sches Paradox, Fechner-Benham-Farben).

Überanstrengungen, vor allem bei physikal.-optischen Versuchen, führten 1840 zu einer schweren, drei Jahre dauernden Krankheit. Lange Zeit verbrachte F. allein in einem abgedunkelten Raum. Zu dem Augenleiden kamen eine Störung der Ernährungsorgane und die Unfähigkeit, klare Gedanken zu fassen. Über die Ursachen dieser ungewöhnlichen Erkrankung gibt es mehrere psychol.-geschichtlich-med. und psychoanalytische Arbeiten. Schon vor der Erkrankung hatte F. seine Professur aufgegeben. Mitbedingt durch die Erfahrungen der Erkrankung verfasste F. philosophische Schriften wie Nanna. Oder: Das Seelenleben der Pflanzen (1848). 1851 folgte das drei­bändige Werk Zend-Avesta oder Über die Dinge des Himmels und des Jenseits. F. nahm an, das Universum sei ein beseeltes Wesen. Das Weltganze strebe einer höheren Ordnung zu, und nicht nur der Mensch, auch Tiere, Pflanzen, Steine usw. seien als lebendige Glieder in diesen kosmischen Organismus eingeschlossen.

Erst nach dieser Zeit begann F. mit den Arbeiten, die die Psychophysik und die Leipziger Schule begründeten und für die F. Name in der Ps. in erster Linie steht. Im Jahr 1860 erschien Elemente der Psycho­physik in zwei Bänden (Fechner, 1860, 1907). Schon neun Jahre vor dem Erscheinen der Elemente tauchte die Fundamentalformel in seinem Buch Zend-Avesta auf. Wesentlich für die allg. Anerkennung seiner Fundamental- und Maßformel waren seine auf Anraten seines Lehrers Weber durchgeführten Versuchsreihen, die er für versch. Sinne (Helligkeit, Temperatur, Gewicht usw.) in Selbstversuchen durchführte (Weber-Fechner Gesetz als Weiterentwicklung des Weber'schen Gesetzes). Merkmal aller Versuche war die Bestimmung der Unterschiede im Vergleich z. B. zweier eben noch unterscheidbarer Gewichte. F. Buch Elemente der Psychophysik erscheint heute als umfangreiches, aber wenig strukturiertes Buch mit Daten aus der Astronomie, Medizin und anderen Gebieten. Gleichwohl ist es mit seinem Ziel der Metrisierung psych. Erscheinungen ein Klassiker der Ps. Die von ihm begründete experimentelle Ästhetik sah F. als Teilgebiet der Psychophysik an. Beginnend mit einer eher kritischen Bewertung des Goldenen Schnitts setzte sich F. mit Fragen der Ästhetik auseinander und ergriff Partei in künstlerisch-ästhetischen Diskussionen seiner Zeit.

Erst postum, 1897, erschien seine Kollektivmaßlehre (Fechner, 1897). F. hatte erkannt, dass nicht alle Naturgesetze durch direktes Messen erfassbar sind, sondern dass die Werte der einzelnen Exemplare eines Kollektivgegenstandes in best. Weise verteilt sind. Die Gesetze der Kollektivmaßlehre sind daher Wahrscheinlichkeitsaussagen. F. gab Hinweise, wie diese Gesetze zu erkennen sind, und eröffnete damit die Bedeutung der Probabilistik für die Naturwissenschaften im 20. Jhd. (Heidelberger, 1993, 360ff.). Zu den Ehrungen, die F. erhielt, zählen der med. Ehrendoktor seiner Universität (ca. 1873), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig (1884) und die Mitgliedschaft in vielen wiss. Akademien und Vereinigungen. Gustav Theodor Fechner starb am 18.11.1887 in Leipzig. Die Grabrede hielt Wundt.

Referenzen und vertiefende Literatur

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