Feldtheorien, psychologische

 

(= ps. F.) [engl. psychological field theories], [EM], theoretische Ansätze in der Ps., die den Begriff des Feldes als grundlegende Erklärung einführen. Ps. F. haben durchweg Bezug zum physikal. Feldbegriff, ferner gehen sie von der Annahme des ganzheitlichen Charakters und des dynamischen Zusammenhangs von Wahrnehmung, Erleben und Verhalten aus (Mey, 1965). Erklärungen von Zusammenhängen durch elementaristische Verbindungsweisen wie Assoziationen und Reflexe werden als unangemessen zurückgewiesen. Die F. sind überwiegend in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. entstanden, sie gehen historisch von der Gestaltpsychologie aus oder sind kraft des gemeinsamen Ausgangspunktes mit ihr verwandt. So wird gelegentlich M. Wertheimer (1912) durch seine Deutung des Phi-Phänomens als Begründer des feldtheoretischen Denkens angesehen. Dessen Ansatz wurde von Köhler, Koffka und Lewin weitergeführt (Gestalttheorie). Die später entstandene Zeichen-Gestalt-Theorie [engl. sign-gestalt theory] von Tolman und die physiol. Formulierungen von Lashley u. a. können als behavioristische F. (Behaviorismus) angesehen werden. Weitere, den ps. F. nahe stehende feldtheoretische Ansätze finden sich in Soziologie, Politikwiss. und Erziehungswiss.

Die bekannteste und wohl auch wirkungsgeschichtlich bedeutsamste F. geht auf K. Lewin (1890–1947) zurück (topologische und Vektor-Psychologie), wobei sich der Begriff der F. [engl. field theory] erst nach seinem Tod durchgesetzt hat. In Weiterentwicklung der Gestalttheorie hat sich bei Lewin und seinen Schülern durchgesetzt, dass nicht nur menschliche Wahrnehmung, sondern auch menschliches Handeln Gestaltcharakter hat. So werden z. B. nach den Untersuchungen der Lewinschülerin Zeigarnik (1927) nicht vollendete Handlungen besser behalten als abgeschlossene Handlungen (sog. Zeigarnik-Effekt). Nach Lewins F. sieht sich die Person in einem Lebensraum, fühlt sich zu Objekten, Personen, Werten durch deren sog. Aufforderungscharakter [engl. valence, rückübersetzt als Valenz] hingezogen.

Bereits in einer kürzeren, phänomenologisch angelegten Arbeit über die Kriegslandschaft (Lewin, 1917) finden sich Begriffe und Betrachtungsweisen, mit denen die spätere Feldtheorie vorweggenommen wird. In einer Arbeit von 1931 unterscheidet Lewin die ältere aristotelische (a. D.) von der von ihm geforderten galileischen Denkweise (g. D.) in Biologie und Ps. An der a. D. kritisiert Lewin das Denken in Kategorien (gesund – krank, Stufen der Entwicklung usw.); Lewin fordert dagegen die Dynamisierung durch Reihenbegriffe, das Ausgehen von der Gesamtsituation und die Entwicklung von Theorien, die auch die Gesetzlichkeit des Einzelfalls (nicht i. S. von stat. Häufigkeiten) einschließen. Dies bedeutet auch für sein exp. Vorgehen die Einbeziehung der Umwelt gemäß seiner universellen Verhaltensformel V = f(P,U), nach der das Verhalten (V) immer eine Funktion (f) der Wechselbeziehung von Person (P) und Umwelt (U) ist. Gemäß der Feldtheorie ist das Feld so zu erfassen, wie es für das Individuum in der gegebenen Zeit existiert («Wirklich ist, was wirkt»).

Mithilfe der Topologie strebt Lewin eine «logisch zwingende und zugleich mit den konstruktiven Methoden übereinstimmende» Sprache an. Topologisch bildet eine Jordankurve den Lebensraum, der durch Bereiche, Barrieren usw. gekennzeichnet sein kann. Die Person ist Teil dieses Lebensraums, Valenzen werden topologisch als Vektoren dargestellt. Die Bewegung im Lebensraum sieht Lewin als Lokomotion. Mit dem feldtheoretisch-topologischen Vorgehen ist Lewin in der Lage, so versch. Themenbereiche wie Ehekonflikte, Wirkungen von Führungsstilen, kult. Unterschiede im Erziehungsverhalten usw. zu erklären (Lewin, 1981, 2009, Lück, 2001, Schönpflug, 2007). Die F. hat sich als Metatheorie, als Theorie und als Methode in vielen Bereichen der Ps. und Sozialwiss. (insbes. Persönlichkeit, Entwicklung, Erziehung, Gruppendynamik, Motivation, Einstellungsänderung, Organisationspsychologie, Ökologische Psychologie) bewährt.

Referenzen und vertiefende Literatur

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