Freiwilligenarbeit

 

(= F.) [engl. volunteering], [AO, EM, SOZ, WIR], wurde als bes. Form prosozialen Handelns (prosoziales Verhalten) v. a. in der Sozialpsychologie untersucht und zeichnet sich durch vier Merkmale aus (Penner, 2002): (1) F. ist i. d. R. auf einen längeren Zeitraum hin angelegt (wenngleich einmalige Einsätze, sog. Event-Volunteering, möglich ist); (2) F. ist geplant und wohlüberlegt, im Ggs. zum spontanen Helfen in Notsituationen (helfendes Verhalten); (3) es besteht keine persönliche Verpflichtung zur F., etwa im Ggs. zur Arbeit in der Familie (die allerdings im Unterschied zur F. auch nicht zum Gemeinwesen zählt); (4) F. findet zumeist im Kontext von Organisationen statt. Während der angelsächsische Sprachraum mit Volunteering einen allg. akzeptierten Begriff kennt, reicht im dt.sprachigen Raum die Vielfalt der Begriffe vom Ehrenamt über Freiwilligenarbeit bis hin zum bürgerschaftlichen Engagement. Zahlreiche nationale und internat. vergleichende repräsentative Erhebungen bilden die gesellschaftliche Bedeutung der F. ab. Der Freiwilligensurvey dokumentiert für Dt. und das Jahr 2009, dass 36% der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig und ohne Bezahlung Aufgaben z. B. in Vereinen übernimmt. Pro freiwillig tätiger Person ergibt sich ein durchschnittlicher Zeitaufwand von 16 Std. im Monat (für die jew. zeitaufwendigste Tätigkeit). Am häufigsten wird F. geleistet in den Bereichen Sport und Bewegung (10,1% der Bevölkerung), Kirche und Religion (6,9%), sowie Schule und Kindergarten (6,9%). Das stärkste Engagement wird mit 43% bei Personen im Alter zw. 40 und 49 Jahren beobachtet – nach Erikson während der Entwicklungsaufgabe der Generativität (Entwicklung, psychosozialer Ansatz nach Erikson). Der funktionale Ansatz in der Sozialps. beschäftigt sich mit der motivationalen Grundlage der F. (Motivation, Motiv). Das Volunteer Functions Inventory, das bekannteste Instrument zur Messung der Motive freiwillig tätiger Personen, unterscheidet sechs Funktionen (Clary et al., 1998): (1) Lernen und das Sammeln von Erfahrung (understanding); (2) Nutzen für die berufliche Karriere (career); (3) Schutz vor neg. Gefühlen (protective); (4) Verbesserung des eigenen Selbstwertgefühls (enhancement); (5) Anpassung an das soziale Umfeld (social); (6) Ausdruck eigener Wertvorstellungen (values). Zentral ist die Annahme der Multifunktionalität; durch dieselbe F. lassen sich sehr unterschiedliche Bedürfnisse aktualisieren und gleichzeitig versch. Ziele verfolgen. Der funktionale Ansatz betrachtet die Passung zw. Motivfunktionen und den Inhalten der F. als Erfolgsfaktor für nachhaltiges Engagement. Während der funktionale Ansatz die Motive Freiwilliger fokussiert, setzt sich der sog. Rollenidentitätsansatz stärker mit dem sozialen Kontext und der Struktur der Rollen im Bereich der F. auseinander. Organisationale Faktoren und Erfahrungen gewinnen im Verlauf des Engagements an Bedeutung, indem sie die Entwicklung der Rollenidentität Freiwilliger fördern (Identität); diese gilt nach Penner (2002) als die stärkste unmittelbare Einflussgröße nachhaltigen Engagements. Grube & Piliavin (2000) unterscheiden dabei zwei Arten von Rollenidentität, die zueinander in Konflikt geraten können: eine generelle Identität als Freiwillige(r) und eine spezif. Identität, die auf die jew. Organisation bezogen ist, für die man freiwillig tätig ist. In jüngerer Zeit wird eine Zunahme kurzfristiger und projektartiger Formen des freiwilligen Engagements beobachtet (Hustinx et al., 2010). Im Schnittfeld zw. indiv. Engagement und der sozialen Verantwortung von Unternehmen ist Corporate Volunteering, das gemeinnützige Engagement von Organisationen unter Einbeziehung der Mitarbeitenden (Wehner & Gentile, 2012), angesiedelt.

Verwendete Literatur

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