Ganzheit

 

(= G.) [engl. wholeness], [KOG, WA], die sachliche und bedeutungshafte Geschlossenheit, Vollständigkeit, Unversehrtheit eines Gegenstandes, i. e. S. ein Gebilde, dessen Eigenart nicht durch Zusammensetzen der Eigenschaften seiner Teile abgeleitet werden kann. Das Ganze weist vielmehr andere Eigenschaften als seine einzelnen Komponenten auf. So ist der Satz zu verstehen, dass «das Ganze anders als die Summe seiner Teile» sei. Als Beispiel dient die Melodie, ein einzelner Ton erhält seinen Ausdruckswert erst durch den Zusammenhang von Tönen, in den er eingeordnet ist. Der Charakter der Melodie ist wiederum nicht aus den Qualitäten ihrer einzelnen Töne (jeder Ton für sich betrachtet) zu verstehen, sondern er wird gebildet durch die Stellung der Töne zueinander, er besteht in der Struktur der Melodie (Gestalt, Ehrenfels-Merkmale). Die Glieder der G. bedingen sich gegenseitig in ihrer Eigenart. Wird eines von ihnen verändert, so verändern sich auch die anderen, und damit ändert sich wieder das Wesen der G., in der sie existieren. Änderung oder Wegfall eines Gliedes kann auch Zerfall der G. bedeuten. Ggs. zur G. ist das beziehungslose und zufällige, anorganische Nebeneinander von Teilen, die additive Anhäufung unverbundener Gegenstände (z. B. ein Haufen Steine, Namen in einem Adressbuch). Ganzheitlich best. sind insbes. die organischen und psych. Vorgänge; bei der Vielzahl ihrer wirksamen Bedingungen stehen sie in einem ungemein komplizierten Wirkungszusammenhang, sodass die G.sbetrachtung als eine meth. Forderung in Biologie (bzw. Med.) und Ps. angesehen werden kann. Ganzheitliche Betrachtungsweise findet sich (neben entgegengesetzten Standpunkten) in der abendländischen Geistesgeschichte seit den gr. Philosophen. Im 18., 19. und noch zu Beginn des 20. Jhd. wurde sie in der Ps., in den Naturwiss. und auch in der Philosophie stark vernachlässigt, zugunsten einer mehr elementaristischen Betrachtungsweise. Nach der vorletzten Jhd.wende erhielt das G.denken neuen Auftrieb, in der Naturphilosophie und Biologie durch Driesch (hier in Verbindung mit einem Zurückgreifen auf den aristotelischen Begriff der Entelechie), in der Ps. durch Dilthey, Krueger u. a. Ganzheitspsychologie, geisteswissenschaftliche Psychologie, Gestaltpsychologie.