Gedächtnis

 

(= G.) [engl. memory], [BIO, KOG], bez. die Fähigkeit von Organismen, Informationen aufzunehmen, zu speichern und später wieder abzurufen (Abruf). Der vorliegende Beitrag beschränkt sich auf die durch H. Ebbinghaus (1885) begründete psychol. Gedächtnisforschung. Die biol. Grundlagen des G. behandelt ausführlich Kandel (2009).

Maßgeblich beeinflusst wurde die neuere ps. G.forschung durch das Mehr-Speicher-Modell von Atkinson und Shiffrin, das sich Ende der 60er-Jahre im vorigen Jhd. als Konsequenz vieler Forschungsbemühungen ergeben hatte. Laut Modell sind drei seriell angeordnete G.systeme Träger von G.leistungen. Zunächst werden die Informationen für sehr kurze Zeit in modalitätsspezifischen Ultrakurzzeitspeichern (UKZS) gehalten. Für visuelle Informationen ist der ikonische, für auditive Informationen der echoische, für Informationen aus anderen Sinneskanälen sind andere UKZS zuständig. Ihre Kapazität ist groß, während die Lebensdauer sehr gering ist. Diese Systeme halten die Informationen für kurze Zeit für weitere Analysen präsent, die im Kurzzeitspeicher (KZS) durchgeführt werden. Da dieser nachgeschaltete KZS eine geringere Kapazität hat, gehen Informationen auf dem Weg der Übertragung von den UKZS zum KZS verloren. Die Aufmerksamkeitszuwendung (Aufmerksamkeit) entscheidet darüber, welche Informationen in den KZS übertragen werden. Durch ständiges Memorieren kann die Information beliebig lange im KZS gehalten werden. Wird das Memorieren unterbunden, tritt nach etwa 20 s vollst. Vergessen ein, das z. T. auf den autonomen Zerfall der Gedächtnisspur, z. T. auf Interferenz zurückgeführt wurde. Das Memorieren sorgt neben der Präsenthaltung der Information für ihre Übertragung in den Langzeitspeicher (LZS), der eine sehr große Kapazität hat. Ist die Information in den LZS gelangt, verbleibt sie dort für immer. Kann sie dennoch nicht erinnert werden (Erinnerung), liegt das daran, dass sie aus irgendwelchen Gründen nicht abgerufen werden kann.

Später stellten sich Befunde ein, die kritisch für dieses Modell waren. Diesen Befunden kann eine Konzeption, die mit dem Konstrukt des G.speichers arbeitet, nur gerecht werden, wenn sowohl KZS wie LZS weiter differenziert werden. Eine Differenzierung des KZS leistet die Theorie des Arbeitsg. (AG; Arbeitsgedächtnis) von A. Baddeley. Das Kurzzeitgedächtnis wird in dieser Theorie, deren neueste Version den KZS in vier Komponenten auffächert (Baddeley, 2000), als AG aufgefasst, das nicht nur für kurzfristiges Erinnern, sondern auch für die Bewältigung mannigfacher kogn. Aufgaben zuständig ist (z. B. Sprachverstehen, Kopfrechnen). Baddeleys Theorie hat viel Forschung angeregt, hat aber auch ihre Probleme, sodass weitere Konzeptionen des AG existieren. Auf E. Tulving (1985) geht die Differenzierung des LZS in versch. Komponenten zurück. Im episodischen LZS sind räumlich und zeitlich datierbare Ereignisse des eigenen Lebens abgespeichert. Im semantischen LZS ist das Wissen ohne Bezug zu best. Episoden des Lebens abgespeichert (z. B. Rom ist Hauptstadt Italiens). Im prozeduralen LZS ist Wissen über Prozeduren und Fertigkeiten (z. B. Fahrradfahren) abgelegt, das meistens nicht verbalisiert werden kann. Episodisches und semantisches G. werden häufig unter der Bez. des deklarativen G. zus.gefasst, während das prozedurale G. nicht deklarativ ist. Diese Differenzierungen werden u. a. Befunden aus der Amnesieforschung (Amnesie) gerecht. Bei organischen Amnesien ist das deklarative G. gestört, während das nicht deklarative G. unbeeinflusst bleibt. Das im deklarativen G. verankerte Wissen kann bewusst erinnert und genutzt werden, was für das nicht deklarative G. nicht gilt. In dieses System gelangen Informationen nicht nur über den KZS, der für die bewusste Verarbeitung zuständig ist.

Ein wesentlicher Forschungszweig der G.ps. ist mit der Frage befasst, in welchem Format Informationen langfristig gespeichert sind. Insbes. beim semantischen G. liegen zu diesem Repräsentationsproblem (Repräsentation) umfangreiche Forschungen vor. Auf die empir. Probleme des klass. Mehr-Speicher-Modells wurde von anderer Seite so reagiert, dass man auf die Konzeption des Gedächtnisspeichers völlig verzichtete und die Verarbeitungsprozesse in das Zentrum gedächtnispsychol. Bemühungen rückte. Anfang der 70er-Jahre im vorigen Jhdt. entwickelten Craik und Lockhart den sog. Levels-of-Processing-Ansatz(lop). Danach entscheidet die Verarbeitungstiefe von Informationen darüber, ob sie langfristig behalten werden. Versch. Analyseprozesse (Beachtung physikal. Aspekte bis zur semantischen Bedeutung) laufen bei der Informationsverarbeitung ab, wobei die semantische (tiefe) Verarbeitung zur besten Gedächtnisleistung führt. Allerdings hat sich der lop-Ansatz in dieser Form nicht halten lassen. Er beachtet nur die Prozesse während der Informationsaufnahme und nicht die während ihres Abrufes. Inzw. hat sich herausgestellt, dass die G.leistung dann ausgeprägt ist, wenn sich die Verarbeitungsprozesse während der Aufnahme der Information und ihres Abrufes überlappen (sog. transferangemessenes Verarbeiten, TV). Dasselbe gilt für die Überlappung von Kontext-Merkmalen (z. B. räumliche Umgebung) bei Aufnahme und Abruf der Information (Hypothese der Encodierspezifität). Während sich letztere Hypothese auf externe Merkmale bezieht, stehen innere Verarbeitungsprozesse im Zentrum der TV. Insbes. im Lichte dieser zuletzt genannten Hypothese werden Dissoziationen zw. versch. G.maßen verständlich. So kann nach oberflächlicher Verarbeitung ein direkter Test (Gedächtnisprüfung) fälschlich anzeigen, es liege kein G.besitz vor, während ein indirekter Test Gegenteiliges indiziert (Encodierprozesse, Item-Order-Hypothese).

Die Fokussierung auf Verarbeitungsprozesse besagt nicht, dass Termini wie Kurzzeitg., episodisches Langzeitg. usw. überflüssig werden. Diese beziehen sich auf Beobachtbares (z. B. episodisches Wissen). Die Konstrukte KZS, episodischer LZS usw. sind dagegen nicht der Beobachtung zugänglich und in theoretischen Ansätzen verankert, die der Erklärung von Sachverhalten dienen. Gegen einen derartigen Ansatz (klass. Mehr-Speicher-Modell) richtete sich die Theorie, die auf Verarbeitungsprozesse fokussiert.

Referenzen und vertiefende Literatur

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