Gedächtnisprüfung

 

(= G.) [engl. memory examination/testing], [KOG], die Feststellung, wie viel und was von Gelerntem erinnert wird. Unterschieden wird zw. einer direkten und indirekten G. Bei einer direkten G. wird in der Instruktion Bezug genommen auf die vorangegangene Lernepisode (z. B. «Reproduzieren Sie so viele Wörter, wie Ihnen noch einfallen»), bei der indirekten G. fehlt dieser Bezug. Statt dieser Terminologie verwenden manche Autoren die Begriffe explizites Gedächtnis und implizites Gedächtnis. Diese Begriffe scheinen aber unterschiedliche Gedächtnissysteme statt versch. G. zu bez, sodass sie hier nicht verwendet werden.

Zu den direkten G. gehören die Ermittlung der Wiedererkennungs- bzw. Rekognitionsleistung sowie der freien und geförderten Reproduktionsleistung (Reproduktionsaufgabe). Bei der Prüfung der Rekognitionsleistung (recognition) wird zw. dem Verfahren der erzwungenen Wahl (forced choice) und der Ja-Nein-Aufgabe unterschieden. Sind in der Lernphase z. B. Wörter dargeboten worden, wird bei ersterem Verfahren in der Rekognitionsphase jedes Wort mit mind. einem nicht präsentierten Wort, dem Distraktor, dargeboten, und die Pbn haben zu entscheiden, welches Wort Bestandteil der Lernepisode war. Bei der Ja-Nein-Aufgabe werden während der G. dargebotene Wörter und Distraktoren meistens in zufälliger Folge nacheinander gezeigt, und zu jedem Wort sollen die Pbn angeben, ob es zuvor dargeboten wurde. Hier können zwei Fehler entstehen. Von einem Verpasser (miss) wird gesprochen, wenn der Pbn fälschlich ein tatsächlich dargebotenes Wort als nicht dargeboten bez. Falscher Alarm (false alarm) entsteht, wenn ein nicht dargebotenes Wort als dargeboten bez. wird. Diese Fehler sind bei der Ermittlung der Gedächtnisleistung zu berücksichtigen, was häufig über die Verwendung der Signalentdeckungstheorie (theory of signal detection) und manchmal der sog. Threshold-Modelle geschieht. Beide Methoden ermöglichen die Feststellung der Gedächtnisleistung unabhängig von der Ja-Sage-Tendenz.

Bei der freien Reproduktion (free recall) soll ein Pb so viele Wörter in beliebiger Reihenfolge reproduzieren, wie ihm noch einfallen (Lernen, verbales). Hinweise werden den Pbn bei der geförderten Reproduktion (cued recall) geboten. Sind die Wörter z. B. unter versch. Kategorien subsumierbar (z. B. Städte, Tiere, Länder, Flüsse), können die Kategorienamen als Hinweise verwendet werden. Die geförderte übertrifft die freie Reproduktionsleistung, und meistens liegt die Rekognitionsleistung am höchsten. Allerdings kann die geförderte Reproduktionsleistung die Rekognition auch übertreffen. Eine Erklärung dieses Befundes leistet die Hypothese der Encodierspezifität (Gedächtnis).

H. Ebbinghaus, der Begründer der psychol. Gedächtnisforschung, hat mit der Ersparnismethode schon 1885 die indirekte Erfassung der Gedächtnisleistung begründet. Er verglich die Zeit, die er zum Wiederlernen einer Reihe sinnloser Silben benötigte, mit der beim ersten Lernen benötigten Zeit. Beim Wiederlernen wurde weniger Zeit benötigt (Ersparnis). Später wurde gezeigt, dass Ersparnisse auch bei nicht reproduzierbaren und nicht rekognizierbaren Informationen zu verzeichnen sind (indirekter Test). Die heute verwendeten indirekten Maße beziehen sich häufig auf sog. Priming-Effekte. Hierbei handelt es sich um die pos. Auswirkungen, die die Verarbeitung eines Reizes zu einem früheren Zeitpunkt auf die jetzige Verarbeitung hat. Ein Priming-Effekt liegt z. B. vor, wenn die Pbn eine Buchstabenanordnung, die schon einmal sehr kurz präsentiert worden war, schneller als Wort oder Nonwort erkennen als Pbn, die diese Anordnung beim Test erstmals sehen. Hier handelt es sich um einen direkten Priming-Effekt früherer Erfahrungen mit diesem Reiz. Von einem indirekten Priming-Effekt spricht man, wenn die zu verarbeitende Information assoziativ oder semantisch auf den Testreiz bezogen ist. So wird der Wortanfang «Stu» eher zu «Stuhl» ergänzt, wenn vorher «Tisch» dargeboten wurde.

Neben den vielfältigen Priming-Maßen sind auch andere Maße zur indirekten G. verwendet worden. Manchmal finden sich Dissoziationen zw. direkten und indirekten Maßen. Eine Dissoziation liegt z. B. vor, wenn sich Amnestiker und Gesunde bzgl. der Reproduktions- und Rekognitionsleistung unterscheiden, nicht jedoch bzgl. der indirekt erfassten Gedächtnisleistung. Aus einer solchen Dissoziation ist manchmal auf versch. Gedächtnissysteme geschlossen worden. Allerdings unterliegt ein solcher Schluss Voraussetzungen, die meistens nicht zu prüfen sind. Gedächtnis, kontextabhängiges, Prozessdissoziation, Vergessen, Gedächtnistests.

Verwendete Literatur

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