Gestalttherapie

 

(= G.) [engl. Gestalt therapy], [KLI], ein von Friedrich Salomon Perls (auch Frederick S. Perls, «Fritz» genannt;  geb. 08.07.1893 in Berlin – gest. 14.05.1970 in Chicago) zus. mit seiner Frau Lore Perls, Paul Goodman und R.F. Hefferline begründetes Verfahren, das er selbst mit einer Kurzdefinition als «I and Thou – Here and Now» charakterisierte. Die G. wird sowohl im Bereich der Erwachsenenpsychotherapie, der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, der Beratung und der Sozialen Arbeit (z. B. Suchthilfe) mit Einzelnen, Paaren, Familien und Gruppen praktiziert. Nach Abkehr von der Psychoanalyse und beeinflusst von der «Charakteranalyse» von Reich, der ihn durch sein körperbezogenes und aktives, sich mit dem Klienten auseinandersetzendes Therapeutenverhalten beeindruckte, wandten sich Fritz Perls und seine Frau Lore Möglichkeiten der direkteren und aktiveren psychotherap. Arbeit zu. Der neue Ansatz wurde befruchtet durch das Psychodrama, die Gestaltpsychologie (Konstruktion der indiv. Wirklichkeit i. R. der Gestaltgesetze) sowie die Existenzphilosophie und Hermeneutik (existenzielle Entscheidungsfähigkeit, Freiheit, Verantwortung; auch: dialogisches Prinzip, phänomenologische Orientierung) und die Humanistische Ps. (Beziehung, Selbstentfaltung, Authentizität, Wachstum; Humanistische Therapien).

Wie die Perls'sche Kurzdef. anzeigt, findet therap. Veränderung i. R. des Kontaktes und der Begegnung zw. Therapeut und Klient und den Erlebensprozessen im Hier und Jetzt statt. Psychische Störung ist wesentlich eine Kontaktunterbrechung (zw. Innen und Außen sowie im Begegnungsprozess der Beziehung – modelliert als Kontaktzyklus) und ein (unfreiwilliger) Mangel an Fähigkeiten zur Differenzierung und Integration von Erlebensprozessen (Beziehungsstörungen zw. «Teilen» und ihrem «Ganzen»). Psych. Symptome sind Folge und zugleich momentan bestmögliche Bewältigung eines (mittels versch. Abwehrformen) abgewehrten unerfüllten (unbewussten) Bedürfnisses, unbewussten Konflikts oder einer Traumatisierung (Trauma). Sie sind ein «sinnvoller Irrtum» des Organismus, in dem ein blockierter oder verzerrter Impuls zur Lösung erkannt werden kann. Die G. fokussiert dabei nicht primär die pathologischen Aspekte, sondern die adaptiven und regulatorischen Potenziale gestörter Anpassungsmuster (Ressourcenorientierung). Widerstände und auffällige Erlebens- und Verhaltensweisen müssen der Bewusstheit (awareness) zugänglich gemacht werden, damit sie wieder mit der gegenwärtigen Realität des Selbst-in-der-Welt in Kontakt kommen und das Individuum durch eine gelingende Integration abgewehrter und abgespaltener Selbst- und Erlebensmuster Verantwortung übernehmen kann. Der Klient verlässt dysfunktionale Muster, öffnet sich für bisher blockierte und abgewehrte Bedürfnisse und Gefühle und kann durch die neuen Erfahrungen vor allem auch im Kontakt zum Therapeuten (Therapiebeziehung) neue und bisher vermiedene Lösungen einüben. Durch die übenden Elemente gibt es auch eine Brücke zur Verhaltenstherapie.

Perls, Hefferline und Goodman konzipierten den Ansatz als Kontakt- und Aktionstherapie, die zwei Elemente vereint: (1) Begegnung / Beziehung von Person zu Person und (2) Aufgabenbearbeitung mittels spezif. Interventionen. I. R. der authentischen und sicheren Beziehung zw. Therapeut und Klient, die von (i. Ggs. zur Psychoanalyse) Deutungsabstinenz und bestmöglicher Vermeidung einer Übertragungsbeziehung (Übertragung, Gegenübertragung) gekennzeichnet ist, fördert der Therapeut die Awareness (heute auch als Gewahrsein bekannt) für Emotions- und Sinneserfahrungen, Bedürfnisse und Impulse mittels erlebnisaktivierender Techniken. Die Arbeit an der Transformation dysfunktionaler bzw. maladaptiver, kontaktunterbrechender, selbstunterdrückender Reaktionsmuster und der Förderung gesunder Emotionsregulation und eines adäquaten Gefühls- und Bedürfnisausdrucks ist durch «Experimente» gekennzeichnet, die neue Erfahrungen ermöglichen. Der Therapeut leitet dazu mittels einfühlsamem und flexiblem Wechsel zw. prozessdirektiven Interventionen und sokratischer (sokratischer Dialog) und empathischer Haltung (Empathie) an – z. B. durch Dialogarbeit, Imagination, Arbeit mit «Polaritäten» des Erlebens, Einsatz kreativer Medien, körperbezogene Übungen. Populär geworden ist die Arbeit mit dem leeren Stuhl (Stuhldialoge), z. B. als Symbolisierung eines internalisierten significant other, von Perls als Dialog zw. top dog und under dog bezeichnet. Bspw. entdeckt der Klient, wie er – in der Rolle des top-dog-Teils – sich selbst beschämt, und kann im Dialog – in der Rolle des under-dog-Teils – die bisher blockierte Wut spüren und zum Ausdruck bringen. Dies führt zur Abgrenzung vom top-dog (der beschämenden/abwertenden Instanz) und zu einem kongruenteren Bedürfnisausdruck beider Seiten. Auf den kathartischen Ausdruck (Katharsis) blockierter Wut folgt das Zulassen von Schmerz und Trauer über Verlassenheit und Verlust – sowie zur Öffnung für neuen Kontakt durch bessere Integration der Teilfunktionen.

War in der klass. G. ein konfrontatives Vorgehen en vogue (der sog. «Ostküstenstil»), so fördert die moderne G. das Wieder-in-Gang-Setzen der Selbstentwicklung durch empathische Präsenz und feinfühlige prozessdirektive (evozierende, anleitende, unterstützende, begrenzende) Resonanz des Therapeuten, auch durch die empathische Würdigung von Angst, Hilflosigkeit und Ärger, ohne das Prinzip der experiential confrontation aufzugeben. Dies ermöglicht das Durchleben einer sicheren Krise, d. h. einer therap. Situation, in der der Klient sich sicher genug fühlt, seine ihn ängstigenden, bedrohenden, ungelösten Konflikte, Bedürfnisse und Nöte wahrzunehmen, zuzulassen, zum Ausdruck zu bringen und zu bearbeiten. Die moderne G. kennt auch ein Zulassen von Regression, den Aufbau förderlicher innerer Instanzen und den therap. Aufbau von Grenzen (strukturaufbauend) als Voraussetzung für neuen Kontakt mit der Welt, was heute auch G. mit sog. frühgestörten und strukturlabilen Menschen ermöglicht. Die G. hat mit ihren kreativen erlebnisaktivierenden Techniken viele Therapieverfahren befruchtet. So bildet sie z. B. einen zentralen Teil der Integrativen Therapie nach Petzold. Eine Weiterführung durch die Integration von G., Gesprächspsychotherapie, moderner Emotionsforschung und Elementen Kognitiver Therapie bildet die Emotion Focused Therapy (EFT) (Greenberg, Rice & Elliott).

Die Forschung belegt die Wirksamkeit der G. u. a. bei Abhängigkeitserkrankungen (Sucht- und Substanzbezogene Störungen), Persönlichkeitsstörungen, Depression, Phobischen Störungen, Traumata (Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)), Essstörungen, Beziehungsproblemen sowie in der präventiven psychosozialen Gesundheitsvorsorge (Prävention). Die Vielzahl von kontrollierten empirischen Prozess- und Outcomestudien zur EFT sind ein weiterer Beleg für die Wirksamkeit der G., die als zur Grundrichtung prozess- und erfahrungsorientierter Therapien gehörig anzusehen ist, welche wohl mit zu den wirksamsten Verfahrensgruppen gezählt werden kann.

Referenzen und vertiefende Literatur

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