Glücksspielsucht

 

(= G.) [engl. gambling addiction], [KLI], der Begriff G. wird im Zus.hang mit der exzessiv-destruktiven Teilnahme am Glücksspiel (z. B. Automatenspiel, Roulette, Poker, Sportwetten) verwendet und beschreibt in Analogie zu stoffgebundenen Suchterkrankungen (Sucht- und Substanzbezogene Störungen) den Prototyp einer Verhaltenssucht. Dabei sind die Betroffenen dem Glücksspiel verfallen und setzen nicht selten «Haus und Hof» aufs Spiel, um ihren Bedürfnissen nachzukommen. Im Vordergrund der Symptomatik einer G. bzw. eines pathologischen Glücksspielverhaltens [engl. pathological gambling] steht der subj. erlebte Kontrollverlust im Umgang mit Glücksspielen, gepaart mit einer zunehmenden Einengung der allg. Lebensführung. Weitere formal-diagn. Kriterien umfassen nach dem DSM-5 u. a. Toleranzentwicklung, Abstinenzunfähigkeit, das Weiterspielen trotz Folgeschäden sowie entzugsähnliche Erscheinungen. Zudem bilden das sog. Chasing-Verhalten (Versuche des Verlustausgleichs) und das sog. Bail-out (finanzielle Aushilfen durch andere Personen) glücksspielspezif. Symptome ab. Bes. das Fehlen eindeutiger Krankheitsanzeichen – die G. wird daher auch als Hidden Addiction ([engl.] verborgene Sucht] charakterisiert – begünstigt Verheimlichungstendenzen, sodass die Entwicklung und Manifestation glücksspielbezogener Probleme gewöhnlich einen langjährig andauernden Prozess bedeutet. Da Betroffene nur selten bzw. i. d. R. erst bei gravierenden Problemlagen professionelle Hilfen in Anspruch nehmen, erweisen sich die neg. Auswirkungen einer G. als mannigfaltig. Hierzu zählen u. a. Verschuldungen einschließlich der Privatinsolvenz, massive emotionale Belastungen, Persönlichkeitsveränderungen, intrafamiliäre Konflikte, Probleme am Arbeits- oder Ausbildungsplatz, Beschaffungsdelinquenz und Suizidalität.

Abgesehen von den diagn. Leitlinien und den gängigen Erlebnisschilderungen der Betroffenen sprechen zahlreiche weitere Sachargumente für die nosologische Verortung dieses Störungsbildes als Suchterkrankung. Zum einen belegen neurowiss. Studien, dass Glücksspiele vergleichbare Hirnstrukturen aktivieren wie psychotrope Substanzen (z. B. Alkohol, Kokain); zum anderen zeigen sich offensichtlich Ähnlichkeiten in den Persönlichkeitsprofilen von pathologischen Glücksspielern und Substanzabhängigen sowie erhebliche Überschneidungen mit Blick auf handlungswirksame Risiko- und Schutzfaktoren (Meyer & Bachmann, 2017). Vor diesem Hintergrund erfolgte im DSM-5 eine Reklassifikation des Krankheitsbildes weg von der Impulskontrollstörung hin zur Kategorie Störungen im Zus.hang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen und damit eine prinzipielle Gleichstellung der G. mit stoffgebundenen Suchterkrankungen. Zugleich wurde das Label Störung durch Glücksspielen[engl. Gambling Disorder] zum Zwecke einer wertneutralen Beschreibung dieser Störungsentität eingeführt. Jener Schritt lässt sich als Türöffner für eine generelle Etablierung von Verhaltenssüchten verstehen; allerdings besteht vor der Aufnahme von weiteren stoffungebundenen Suchterkrankungen noch erheblicher Klärungsbedarf. Im wiss. Fokus steht derzeit vor allem die Internet Gaming Disorder ([engl.] Störung durch Spielen von Internetspielen; alltagssprachlich auch: Computerspielsucht), die sich als Forschungsdiagnose im Anhang des DSM-5 wiederfindet, verbunden mit dem zwingenden Aufruf nach weiterführender wiss. Evidenz (Evidenzbasierung).

Obwohl die Forschung zur G. als Teilbereich der Klin. Ps. hierzulande eine vgl.weise junge Wissenschaftsdisziplin verkörpert, liegen mittlerweile robuste Befunde zu einzelnen Aspekten vor (Meyer & Bachmann, 2017). So können in Dt. 2013 103 000 bis 436 000 Personen als glücksspielsüchtig bez. werden. Weitere 123 000 bis 362 000 Individuen gelten als sog. Problemspieler mit deutlichen glücksspielbedingten Belastungen, ohne jedoch die Kriterien einer G. zu erfüllen. Werden beide Kategorien zus.gelegt, erleben zw. 0,44 % und 1,50 % aller erwachsenen Dt. glücksspielbezogene Probleme, vornehmlich bei der Nutzung von Geldspielautomaten, die in Spielhallen und gastronomischen Betrieben aufgestellt sind. Ein erhöhtes Risiko besteht für Männer, Personen bildungsferner Schichten, Migranten, Arbeitslose und Kinder aus glücksspielsuchtbelasteten Familien. Grundsätzlich fußt die Genese einer G. immer auf dem komplexen Wechselspiel von individuums-, umgebungs- und glücksspielbezogenen Risikobedingungen, wobei unterschiedliche Subtypen von Betroffenen und distinkte Entwicklungspfade zu beobachten sind. Darüber hinaus scheinen Prozesse der Selbstheilung bzw. Spontanremissionen bei pathologischen Glücksspielern keineswegs unüblich zu sein. Schließlich konstituieren Jugendliche ein bes. vulnerables Populationssegment, was wiederum den Bedarf an möglichst frühzeitig einsetzenden Maßnahmen der Prävention und Intervention verdeutlicht (Hayer, 2012).

Verwendete Literatur

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