Grammatik, Grammatiktheorie

 

[engl. grammar; gr. τέχνη γράμματική (techne grammtike)/lat. arsgrammatica Fertigkeit des Schreibens/Lesens], [KOG], Grammatik (= G.) ist die Beschreibung der Formeigenschaften einer Sprache. Grammatiktheorie (= G.t.) ist die Explikation der Prinzipien, von denen die gemeinsamen grammatischen Eigenschaften aller natürlichen Sprachen und nur dieser bestimmt sind. Die G.forschung arbeitet mit empirischen Methoden; im Zentrum steht die systematische Analyse sprachlicher Daten, sog. Belege. Die G. einer Sprache beschreibt die Klassen lautlicher, morphologischer und syntaktischer Einheiten dieser Sprache sowie die linearen und strukturellen Beziehungen zw. ihnen. Angesichts der je Sprache spezif. Formeigenschaften lassen sich Klassen von Lauten (Phonetik), Wörtern (Morphologie), von Kombinationen von Wörtern, sog. Phrasen, und die Klasse der max. Phrasen, den Sätzen einer Sprache (Syntax), ermitteln und def. Die Möglichkeiten, sprachliche Einheiten miteinander zu größeren Einheiten zu verbinden, sind offensichtlich nicht unbeschränkt. In jeder Sprache zeigen sich Einschränkungen in der Verknüpfbarkeit in der linearen Kette von Lauten; /klas/ ist eine im Deutschen zulässige Lautfolge, wenn auch kein Wort; /klsa/ ist nicht zulässig. Ebenso bestehen Einschränkungen hinsichtlich der Verbindung von Wörtern; Wagner war zeitweise ein Revolutionär ist eine zulässige Wortfolge, War ein zeitweise Wagner Revolutionär verletzt die Einschränkungen der Wortreihenfolge des Deutschen; der Satz ist nicht wohlgeformt, wie man sagt. Schließlich gibt es auch Einschränkungen in der strukturellen Verknüpfung; Wagner war eine Revolutionär verletzt die strukturellen Einschränkungen des Deutschen; Wagner war eine Revolution ist syntaktisch wohlgeformt, wenn auch die Bedeutung vielleicht befremdet (Semantik). Aus diesen Gegebenheiten ergibt sich die Aufgabe der G.forschung. Die G. einer Sprache soll Antwort geben auf die Frage: Welche Klassen von Einheiten weist die Sprache auf, sodass daraus (1) alle wohlgeformten Ketten, (2) alle wohlgeformten Teilstrukturen und (3) alle wohlgeformten Sätze dieser Sprache gebildet werden können? Die G.t. beantwortet die entsprechende universale Frage: Welches sind die universalen Kategorien, d. h. diejenigen, auf die sich die grammatischen Klassen und Gliederungseigenschaften aller Einzelsprachen zurückführen lassen? Nach gegenwärtigem Stand der G.forschung können fünf Formklassen von grammatischen Einheiten als gesichert gelten; (1) phonologische Klassen, die sog. Phoneme, (2) morphologische Klassen, Wörter. Ein Wort kann verstanden werden als die Menge aller seiner Wortformen; aller, alle, allen, allem…= /all/. (3) Lexikalische syntaktische Klassen, die Menge aller Wörter, die best. Eigenschaften in der Wortkette und in der Struktur von Sätzen gemeinsam haben; haus, brot, papier … = Nomen, auf, unter, neben … = Präposition etc. (4) Phrasale syntaktische Klassen, das sind die (Teil-)Ketten und (Teil-)Strukturen, die durch Kombination komplexere Einheiten bilden können. Präposition – Artikel – Nomen (unter dem Tisch) = Präpositionalphrase. (5) Die Kategorie aller Sätze. Das ist die Menge aller wohlgeformten Ketten und Strukturen von endlicher Länge, die grammatisch vollst. sind, in sich geschlossen, und die keine grammatischen Beziehungen nach außen, d. h. zu einem anderen Satz aufweisen, in dessen Nachbarschaft sie stehen können. Die leitende Frage die durch eine G.t. beantwortet werden soll, ist: Gibt es eine endliche Zahl von Kategorien zur Beschreibung aller Einheiten sowie der linearen und strukturellen Gliederungsgesetze aller natürlichen Sprachen und nur dieser und keiner anderen? Zur Illustration: Es gibt eine endliche Zahl von Klassen zur Beschreibung aller Laute aller – bisher bekannten – Sprachen, das Inventar der sog. phonetischen Merkmale; konsonantisch, sonorant, plosiv, frikativ, gerundet, nasal usw. (Pompino-Marschall, 1995). Weniger schlüssig ist die G.t.forschung in der Bestimmung der Grundlage aller syntaktischen Klassen, ihrer strukturellen und linearen Gesetzmäßigkeiten. Das ist besonders sichtbar, weil die Untersuchung der Gliederung der Phrasen innerhalb des Satzes, die Syntax, einen besonders forschungsintensiven Bereich der G.t.forschung bildet. Die derzeit forschungsproduktiven, konkurrierenden G.t.-Konzeptionen sind geprägt von je einer Grundannahme, der universalgrammatischen, rein syntaktischen Annahme, postuliert von der sog. Universalgrammatik-Theorie (Universalien, universelle Grammatik, UG.), und der funktionalen Annahme, postuliert von der Funktionalen G.t. Die UG-Konzeption macht zum zentralen Gegenstand der sprachlichen Strukturgesetze die dem Menschen genetisch gegebene artspezifische und unbewusste Kenntnis von sog. grammatischen Prinzipien. Das sind strukturelle, in grammatischen Kategorien formulierte Einschränkungen über die strukturellen Eigenschaften aller Sprachen. Eine empirisch stark bestätigte Einschränkung ergibt sich aus drei grammatischen Prinzipien: (1) Jede (syntaktische) Phrase hat einen Kopf. Dabei ist das Kopfelement das Wort, das die syntaktischen Eigenschaften der Struktur bestimmt, der es als Bestandteil angehört; in der oben erwähnten Präpositionalphrase z. B. ist das Wort unter das Kopfelement. Das erklärt strukturelle Eigenschaften innerhalb und außerhalb der Phrase unter dem Tisch; die enthält neben der Präposition unter die Nominalphrase dem Tisch, die ihrerseits, leicht vereinfachend gesagt, aus dem Artikel dem und dem Nomen Tisch besteht. Im Innenverhältnis erklärt der Kopf unter, dass die Nominalphrase dem Tisch das Merkmal Dativ aufweist; das Nomen Tisch erklärt, dass der Artikel dem das Merkmal maskulin aufweist. Im Außenverhältnis erklärt die Präposition unter, dass die gesamte Phrase syntaktisch kombinierbar ist mit z. B. wohnen. Das Bsp. illustriert auch ein weiteres universales Prinzip: (2) Jeder Nichtkopf ist eine Phrase. Wie gezeigt, ist dem Tisch Bestandteil der Präpositionalphrase, aber kein Kopf, sondern eine Phrase, nämlich eine Nominalphrase (zur Einführung: Stechow & Sternefeld, 1988; zur Vertiefung: Borsley, 1997, zum Deutschen: Haider, 2010; zur Theoriediskussion: Müller, 2013b). Die Architektur der UG-Theorie hat sich empirisch bedingt mehrfach verändert; aktuell (Chomsky, 2005, 2006) wird die Sprachfähigkeit des Menschen gesehen als ein Wissensbestand, der strukturell von drei Faktoren bestimmt ist: genetisch bedingte Strukturprinzipen (Faktor I; s. o., Genetik, Verhaltensgenetik), die jew. einzelsprachliche, externe Umgebung (Faktor II) und generelle biol. Eigenschaften des menschlichen Organismus (Arbeitsspeicherkapazität (Arbeitsgedächtnis), Gedächtnisstrukturen, Hör- (Hören) und Sehfähigkeit (visuelle Wahrnehmung); Faktor III)). Die Funktionale Konzeption geht von dem Axiom aus, dass Sprache ein System von Formen ist und jeder Form und Formenkombination eine sprachliche Funktion entspricht. Unter einer Funktion, ursprünglich ein math. Konzept, versteht man eine Relation zw. Elementen von zwei Mengen von Elementen so, dass jeder Teilmenge der ersten Menge, dem Vorbereich der Funktion, genau eine Teilmenge der zweiten Menge, dem Nachbereich fest zugewiesen ist. Den Vorbereich bilden in der Funktionalen Grammatik alle sprachlichen Funktionen, den Nachbereich die Mittel, mit denen jede dieser Funktionen sprachlich ausgedrückt wird. Als sprachliche Funktionen gelten syntaktische, semantische und pragmatische Konzepte. Bsp. syntaktischer Funktionen sind Satzgliedkonzepte wie Subjekt, Objekt, Prädikat, Apposition, Attribut. Semantische Funktionen sind u. a. die semantischen Rollen Agens, Patiens, Lokativ, Rezipient, ferner Bezugnahme auf zeitliche Intervalle, Zeitreferenz, Orte, Ortsreferenz, Personen, Sprecher, Adressat und schließlich Handlungstypen, also z. B. versprechen, mitteilen, empfehlen, fragen usw. (Kommunikation). Eine funktionale Beschreibung des Deutschen i. d. S. gibt Zifonun et al. (1997). Angesichts der jüngsten Fortschritte der UG-Theorie ist eine Vereinigung der beiden theoretischen Konzeptionen zu einer einheitlichen kohärenten Erklärung der Sprachfähigkeit des Menschen durchaus aussichtsreich.

Verwendete Literatur

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